’71 – Kritik

'71 - Kritik

Roh und schonungslos wirken viele der Aufnahmen Yann Demanges Spielfilmdebüt ’71. Körnige Bilder in irischer Tristesse: Am Anfang dominiert der Nebel vor grüner Kulisse, später ist es die Dunkelheit der Nacht, die ausschließlich von einem orangenen Ton durchbrochen wird. Doch zu diesem Zeitpunkt lässt sich der Schein einer Laterne nicht mehr von dem einer Explosion unterscheiden. Belfast hat sich in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Der Nordirlandkonflikt eskaliert auf den Straßen und inmitten dieses endzeitlichen Chaos findet sich Gary Hook (Jack O’Connell) wieder. Seines Zeichens ein britischer Soldat sollte er ursprünglich in Deutschland stationiert werden. Nun befindet er sich allerdings in der nordirischen Hauptstadt, das Unfassbare bezeugend. Vor seinen Augen sterben Menschen und schlussendlich steht er ganz alleine da, umzingelt von Fremden, verloren im Niemandsland.

Hinter den feindlichen Linien scheint es keine Verbündeten zu geben, wenngleich im Umkehrschluss nicht nur Feinde existieren. Dennoch greift nach dem ersten Schuss keine einzige Regel der geordneten Welt mehr – ganz egal wie gehorsam sich die Soldaten im ersten Akt den Drills ihrer Vorgesetzten unterwerfen. Ein Befehl folgt auf den nächsten und zwischen all der kalten Wortgewalt findet der gnadenlose Geist von Stanley Kubricks Full Metal Jacket einen erschreckenden Nachfolger im Geiste. Am Ende des Tages habe die jungen Rekruten ihre eigenen Identität komplett aufgegeben. ’71 geht sogar so weit und nimmt den meisten Gesichtern jegliches Alleinstellungsmerkmal. Statisten im eigenen Krieg und trotzdem dreht sich der Rest des Films um ein bestimmtes Individuum, das aufgrund des Identitätsverlusts keine Ahnung hat, welche Rolle es überhaupt im vonstattengehenden Wahnsinn spielt respektive zu spielen hat.

Mit einer schauspielerischen Urgewalt versucht Jack O’Connell diesem tauben Gefühl zu entkommen und der vorherrschenden Ohnmacht entgegenzusteuern. Selbst wenn er für den Bruchteil einer Sekunde die Überhand gewinnt und einen Überblick über die unheimlich komplizierte Lage erlangt, bleibt die verheerende Erkenntnis, dass sein Gary Hook den Augenblick nur überleben, aber eben nicht verändern kann. Niederschmetternd und hoffnungslos: Trotzdem verkommt ’71 nie zum zynischen Kommentar, der sich exploitativ im Hässlichen verliert. Nein, die minimalistisch dokumentierten Geschehnisse wahren eine gewisse Intimität, sodass es geradezu unmöglich ist, sich dem letztendlichen Resultat emotional zu entziehen. Nicht zuletzt zeugen verzweifelten Blicken von den existenziellen Ängsten der Extremsituation. Dass Yann Demanges darüber hinaus bewusst keine Antworten auf den Ursprung der tobenden Wut sucht, kommt dem Film nur zugute.

In jeder Minute von ’71 geht es um die Konfrontation. Yann Demanges zeigt Zerstörung und Verlust auf mehreren Ebenen, jedoch ohne sein Werk in ein moralinsaures Manifest zu verwandeln, geschweige denn in eine endgültige Ausführunder der tatsächlichen Begebenheiten. Vielmehr gestaltet sich ’71 als Dialog aufmerksamer Beobachtungen, facettenreich und in seiner Inszenierung durchaus packend. Obwohl Yann Demanges stets auf eine gewisse Distanz zu den Figuren und der Thematik bedacht ist, könnte die Kamera nicht unmittelbar ins Geschehen involviert sein. Betonsplitter, Staubwolken und Feuerflammen sind förmlich spürbar und dann gibt es da noch dieses Schnaufen. Genau genommen das Schnaufen von Menschen, die noch am Leben sind, aber sich trotzdem unbarmherzig durch die Gegend jagen. Ein Schnaufen, das sich ins Gedächtnis brennt, als wäre es der Pulsschlag des Films. Und das ist gewaltig.

’71 © Ascot Elite

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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