A Quiet Place – Kritik

A Quiet Place - Kritik

Barfuß bewegen sie sich durch einen verlassen Laden, der sich inmitten einer Geisterstadt befindet und vom endzeitlichen Unbehagen kündet, das in den folgenden eineinhalb Stunden von A Quiet Place für einen unerbittlichen Überlebenskampf in Totenstille sorgt. Ein Huschen, ein Schleichen, ein panischer Blick: Beinahe wäre ein Plastikspielzeug aus dem Regale gefallen und hätte mit der Berührung des Bodens das Todesurteil der Abbott-Familie unterschrieben. Im letzten Augenblick kann das Spaceshuttle, das eigentlich Träume und Wünsche beflügeln sollte, mit einer hektischen Geste aufgefangen werden, um das Blutvergießen auf unbestimmte Zeit hinauszuzögern. Denn außerirdische Invasoren, die seit 89 Tagen auf der Erde weilen, reagieren überaus aggressiv und empfindlich auf jegliche Art von Geräuschen. Selbst das leiseste Flüstern wird mit dem sofortigen Tod bestraft, wodurch das Überleben nur mit absoluter Disziplin möglich ist.

Für seinen dritten Kinofilm als Regisseur hat sich John Krasinski eine spannende Prämisse ausgesucht und diese mit seinen Co-Autoren Bryan Woods und Scott Beck in Form gebracht. Die Regeln sind einfach und schnell erklärt: Wer laut ist, der stirbt. Wer sich zusammenreißt, hat eine Chance, den nächsten Sonnenaufgang zu erleben. Für die hochschwangere Evelyn (Emily Blunt) und ihren Mann Lee (John Krasinski) bedeutet dieser Umstand zahlreiche Herausforderungen, vor allem im Zusammenspiel mit ihren Kindern Regan (Millicent Simmonds) und Marcus (Noah Jupe). Diese wurden schon einmal Zeugen des Unaussprechlichen, als ihr Bruder Beau (Cade Woodward) unmittelbar vor ihren Augen im Bruchteil einer Sekunde von einem der todbringenden Eindringlinge in der Luft zerfetzt wurde. Zurückgezogen auf einer kleinen Farm übt sich die Familie im Schweigen und kommuniziert ausschließlich mittels Gebärdensprache. Vor dem bevorstehenden Grauen ist aber niemand sicher.

A Quiet Place kommt angenehm zügig zur Sache und zehrt am meisten vom Element der Ungewissheit. Die außerirdischen Wesen schnellen dermaßen rasant durchs Bild, dass es sowohl den Figuren als auch uns Zuschauern extrem schwerfällt, auch nur die ungefähre Form der Kreaturen auszumachen. In aller Deutlichkeit dagegen zeigt John Krasinski die Folgen ihrer Massaker, die durchaus verstören und ein stetiges Gefühl der Unsicherheit heraufbeschwören. Befeuert wird dieses durch die Tatsache, dass der Mensch sich unmöglich aller Laute entledigen kann, die er absichtlich wie unabsichtlich ausstößt. Unter Umständen kann sogar der Pulsschlag zum verräterischen Unheil werden und im Tod münden, obwohl er das genaue Gegenteil symbolisiert. Wenn selbst der eigene Körper zum Verhängnis werden kann, dann dürfte die zunehmende Entfremdung der Menschen von sich selbst nur eine Frage der Zeit sein. A Quiet Place lässt sich davon allerdings nicht einschüchtern, sondern testet Limits aus.

Gerade durch Emily Blunts Figur erhält das Spiel mit dem Körper einige interessante Facetten, unter anderem durch ihre Schwangerschaft, die hinsichtlich des etablierten Klimas ein unfassbares Risiko darstellt, geradezu töricht im Hinblick auf die Überlebenschancen wirkt. Doch Evelyn ist eine Kämpferin und will sich nicht von der drohenden Gefahr unterdrücken lassen, wenngleich diese Entscheidung ab einem gewissen Zeitpunkt ungemeine Qualen auf physischer wie psychischer Ebene mit sich bringt. Zuerst ist es nur ein herausstehender Nagel, der sich wie ein Dorn unter die Haut schiebt. Später kulminiert die Gegenwart der Monster mit dem Moment der Geburt – und jeder Schrei muss unterdrückt werden, völlig unabhängig ob dieser aus Angst oder (Lebens-)Freude resultiert. Was folgt, ist eine nervenaufreibende Aneinanderreihung von schmerzverzerrten Gesichtern und Schweißperlen, die von der Stirn tropfen.

Diese Meditation über den Körper verläuft sich irgendwann allerdings – wie so viele Themen des Films – in einem weniger sorgfältig ausgerollten Finale, das zwar emotional alle Register zieht, viele der vorherigen Gedanken aber achtlos über den Haufen wirft. Dazu gehört ebenfalls die im Titel manifestierte Stille, die zwar regelmäßig ihren Weg in den Film findet, aber nicht als der ultimative Terror erkannt wird. Stattdessen lässt sich A Quiet Place im entscheidenden Augenblick vom konventionellen Dröhnen auf der Tonspur verführen. Marco Beltramis Soundtrack soll an dieser Stelle gar nicht zu sehr in die Kritik geraten, immerhin fungiert als eine der vielen Sprachen des Films. Unglücklich hingegen ist der weniger überlegte Einsatz seiner Kompositionen, der den stärksten Szenen die Möglichkeit raubt, sich roh und schonungslos zu entfalten. Besonders schade ist das, da A Quiet Place ansonsten sehr effektiv mit seinem Konzept umzugehen weiß, das in erster Linie aus Einschränkungen besteht.

Was John Krasinski ist seiner Inszenierung einwandfrei meistert, ist ein konstantes Gefühl der Anspannung, die insbesondere durch die verschiedenen kleinen Schauplätze entsteht, die sich mit zunehmender Laufzeit auftun. Um sich gegenseitig zu retten, müssen sich die Figuren selbst in Gefahr bringen. Das erfordert jede Menge Mut und bringt ebenfalls Fragen im Hinblick auf die Effizienz und Verlässlichkeit jener Ablenkungsmanöver zur Sprache, die dafür sorgen, dass es in der zweiten Hälfte des Films keine Verschnaufpausen mehr gibt. Wo eben noch panische Blicke herrschte, als wäre jene beklemmende Keller-Szene aus Steven Spielbergs War of the Worlds mit M. Night Shyamalans Filmen Signs und The Village fusioniert worden, erleuchten kurz darauf Feuerwerkskörper den nächtlichen Himmel, warnend wie erlösend. Aus seinem abgesteckten Rahmen bricht A Quiet Place trotzdem nicht aus, was dem Film nur zugutekommt. So bleibt die unheilvolle Atmosphäre bis zur letzten Sekunde erhalten.

A Quiet Place © Paramount Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.