Allied – Kritik

Allied - Kritik

Robert Zemeckis jüngster Film, das prestigeträchtige Kriegsdrama Allied, schielt nicht ganz unauffällig Richtung Casablanca, einem der wohl elegantesten Filme aller Zeiten. Jede Einstellung, jede Regung in Michael Curtiz‘ Jahrhundertwerk läuft auf eine überlebensgroße Sequenz auf einem nächtlichen Rollfeld hinaus, wo die vorherigen Ereignisse in puren Emotionen kulminieren. Selten war Kino so mitreißend, selten war Kino so groß. Bis heute, über sieben Dekaden später, ist die gewaltige Liebesgeschichte mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in den Hauptrollen unerreicht. Dennoch besteht Robert Zemeckis in Allied minutiös auf den Vergleich und will mit weit ausholenden Gesten das Update Casablanca 2.0 zutage fördern. Allen Ambitionen zum Trotz endet sein zweistündiger Liebesrausch vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs allerdings in bloßen Behauptungen, ohne eine einzige der kolportierten Emotion wahrhaftig erlebbar gemacht zu haben.

Nach seiner vernichtenden Live-Motion-Capture-Phase war die Botschaft, die Robert Zemeckis 2012 mit Flight sendete, eine überaus deutliche: die Rückkehr zum ausufernden Erzählkino der 1990er Jahre. Besonders Forrest Gump, Contact und Cast Away dürften an dieser Stelle als Schlüsselfilme genannt werden. Es war folglich eine gewisse Nostalgie, die Robert Zemeckis von gewagten, wenn auch gescheiterten Experimenten ins vertraute Metier zurücktrieben und wieder Erfolge ernten ließen. Im Angesicht dieses Entwicklungsprozesses scheint es nur logisch, dass sich Allied noch weiter in die Vergangenheit wagt, um erneut den Geist von etwas Klassischem, von etwas Vertrautem aufleben zu lassen. Dass Robert Zemeckis seine filmischen Vorfahren kennt, steht außer Frage. Trotzdem erweckt Allied selten den Eindruck, vollständig bei der Sache zu sein – als wäre es lediglich die Oberfläche, die genügt, um Erinnerungen zu rekonstruieren.

Im entfernten Casablanca des Jahres 1942 trifft der britische Spion Max Vatan (merkwürdig verkrampft: Brad Pitt) auf die französische Spionin Marianne Beausejour (hervorragend: Marion Cotillard) aufeinander. Im Auftrag der Alliierten sollen sie den deutschen Botschafter von Marokko eliminieren, dürfen jedoch auf keinen Fall ihre Tarnung auffliegen lassen. Bereits in diesem ersten Akt quält sich Allied planlos durch seine Geschichte und würde am liebsten beides sein: epische Romanze und ein aufregendes Versteckspiel. Das Problem ist nur, dass sich die bewegten Bilder zu keinen Zeitpunkt rhythmisch aneinanderreihen. So aufregend und spannend die Prämisse von Allied auch sein mag: Nie kommt das Geschehen richtig in Fahrt und dem Schnitt mangelt es sowohl an Gespür für Atmosphäre als auch Timing. Vielmehr gleicht Allied einer Fotografie der ersten Ideen und Motive unausgereifter Drehbuchfassungen, sodass am Ende der wohl uninteressanteste Film herausgekommen ist, der bei all den durchaus verheißungsvollen Voraussetzungen möglich gewesen wäre.

Wenn Robert Zemeckis seine zwei Hauptdarsteller durch verstaubte Straßen und erhabene Wüstenpanoramen dirigiert, wirkt es stets so, als sie er mit einem Teil seines Kopf schon in der nächsten Szene gefangen. Nie entwickelt sich ein Set Piece in vollen Zügen. Es fehlt Luft zum Atmen und von Entfaltung kann ebenfalls keine Rede mehr sein. August Diehl bemüht sich vergebens, seine bedrohliche Inglourious Basterds-Figur zu neuem Leben zu erwecken. Wie Brad Pitt und Marion Cotillard gehen all seine Versuche, eine gewisse Dynamik zwischen den Figuren zu schaffen, in der Leere des Raums verloren. Verschwenderisch wandert der Plot von einer Location zur nächsten, erfreut sich einer kruden Mischung detailfreudiger Kostüme und liebloser Green Screen-Aufnahmen und besteht zum Schluss auf die ganz großen Emotionen. Dennoch stolpert Allied immer wieder in ein steriles Vakuum. Von greifbaren Figuren und Konflikten wird diese Welt nicht bewohnt.

Viele der heraufbeschworenen Erinnerungen wirken durch ihre Oberflächlichkeit geradezu abstrakt: Wollen Max und Marianne bevor sie sich in ihre Todemission stürzen ein letztes Mal den Sonnenaufgang in der Wüste bestaunen, offenbart Allied befremdlich künstliche Bilder, die Romantik versprühen sollen, ohne penetrant sekundierende Dialoge in ihrer Bedeutungslosigkeit jedoch völlig aufgeschmissen wären. Keine drei Minuten später beweist Robert Zemeckis trotzdem, dass er über eine Vision verfügt, die dieses Melodram in ganz andere Sphären katapultiert. Es ist seine Sex-Szene die unmittelbar auf den erwähnten Sonnenaufgang folgt. Wo es eben noch schwer fiel, auch nur einem einzigen der gesprochenen Worte Glauben zu schenken, entsteht die folgende Sequenz komplett aus sich heraus. Ein Sturm zieht auf und mit ihm steigt ein unbeschreibliches Verlangen; ekstatische Leidenschaft in einem Film, der ansonsten erschreckend leidenschaftslos ist.

Das ist schade, insbesondere, da Allied in einzelnen Momenten durchblicken lässt, was für ein großartiger Film sich hinter der hölzernen Fassade versteckt. Spätestens, wenn die Handlung so weit fortgeschritten ist, dass gewisse Entscheidungen nicht mehr rückgängig gemacht werden könnten, entfacht endlich der Funke, der so lange Zeit im Verborgenen schlummerte. Dann bewegt sich auch Robert Zemeckis selbstsicher Richtung Rollfeld, um ein prächtiges Finale im stürmischen Regen zu entfesseln. Leider hat sich Allied auf diesen letzten Metern keine der überschwänglichen Gesten verdient. Ein kurzer Schrei, der so schnell verhallt, wie sich Alan Silvestris behutsamer Score über das Geschehene legt. Zum letzten Mal erklingt die zärtliche Melodie, die eine der größten Liebesgeschichte des Kinojahres hätte untermalen können, wäre sie in diesem Moment nicht schon komplett verblasst.

Allied © Paramount Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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