(K)ein Kino der Exposition: (The Amazing) Spider-Man

The Amazing Spider-Man 2: Kino der Exposition

Ein Kind wird bei seiner Tante und seinem Onkel zurückgelassen, fluchtartig verlassen die eigentlich Eltern das Haus der Verwandtschaft und kurze Zeit später finden sich die Gejagten an Bord einer Privatmaschine ganz weit oben in den Wolken wieder. Jemand weiß etwas und jemand anderes will etwas wissen. Ein Konflikt, der schließlich zum Tod im Angesicht des erhabenem Sonnenuntergangs führt. Das Geheimnis ist vorerst sicher und gleichzeitig verloren für diejenigen, die verzweifelt versuchten, es an sich zu reißen. Lediglich dem zurückgebliebenen Kind bleibt ein Brotkrumen, der ihn im Kairos des Augenblicks auf die richtige Fährte bringen soll. Ein Prolog und dann das Emblem der Spinne, die sich überleitend in persona, begleitet von rasanten 3D-Kamerafahrten, durch die Häuserschluchten von New York City hangelt. Helikopter, Sirenen und Streifenwagen prägen ab diesem Moment das Szenario und The Amazing Spider-Man 2 präsentiert schließlich voller Stolz seine titelgebende Hauptattraktion inmitten einer Verfolgungsjagd, die im weiteren Verlauf zur rücksichtslosen Raserei mit noch mehr verheerendem Expositions-Content avanciert.

Natürlich steht zu Beginn einer jeden Geschichte die Exposition. Schließlich handelt es sich dabei um einen willkommenen Mechanismus zur Entführung in fremde Welten, zur Etablierung von Figuren und der Vorstellung von zentralen Motiven und Themenschwerpunkten. Egal ob deduktive oder induktive Exposition: Sobald die Lichter im Kinosaal erlöschen, das Voice-over einsetzt und die Kamera mit einem Establishing Shot das Geschehen auf der großen Leinwand entfesselt, entwickelt das gezeigte Werk eine gewissen Grundstimmung, die den Zuschauer auf der Bevorstehende vorbereitet – quasi die grobe Inhaltsangabe, die ebenso Stimmung und Struktur der bewegten Bilder mit einschließt. Während sich also Andrew Garfields hippe Inkarnation der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft eben noch mit den Machenschaften des Gangsters Aleksei Sytsevich (Paul Giamatti) herumschlagen musste, kreuzt er nach dem nächsten Schnitt den Weg von Max Dillon (Jamie Foxx), einem sozial vernachlässigtem Mitarbeiter des omnipräsenten Unternehmens Oscorp Industries. Dieses steht wiederum im Kontext zur erwähnten Eröffnungssequenz und bringt ebenfalls Harry Osborn (Dane DeHaan) hervor, dem Erben des im Sterben liegendem Norman Osborn (Chris Cooper).

Ob diese zackige Einführung der drei potentiellen Antagonisten nun ein elegantes oder einfach nur ökonomisches Konstrukt des Drehbuchs sowie seiner ausufernden Exposition sind, sei an dieser Stelle dahingestellt. Problematisch wird der stetig wachsende Figurenreichtum erst im folgenden Verlauf des Films, der sich komplett der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Bestandteile verschließt. Man könnte es beinahe als das fortgeschrittene Spider-Man 3-Syndrom bezeichnen. Im direkten Vergleich mit dem dritten Segment von Sam Raimis Spider-Man-Filmen offenbart sich jedoch nur das tatsächliche Versäumnis von Marc Webb sowie seinen Drehbuchautoren Roberto Orci, Alex Kurtzman und Jeff Pinkner. Im Gegensatz zur fein säuberlichen Ausarbeitung inklusive gewissenhafter Ausführung fehlt dem gezwungenem Spider-Man-Reboot das gewisse Maß an Hingabe, das die vorherige Trilogie löblich vom Comic-Blockbuster-Einheitsbrei abgehoben und selbst unter den großen Playern seiner Gattung die Nase vorn hatte. Was Spider-Man und vor allem das Sequel Spider-Man 2 zu dermaßen dynamischen Vertretern ihrer Art machen, ist das ungeheure Gleichgewicht der vielen Facetten entsprechender Erzählungen – angefangen beim Odyssee des Helden über die Integration unterschiedlicher Plotbausteine im Weltgeschehen bis hin zur Verwendung computergenerierter Effekte im Zusammenspiel echten Filmaufnahmen.

Als sich Tobey Maguires Peter Parker anno 2002 zum ersten Mal die rote Maske seines Alter egos übergezogen hat,  war seine Filmuniversum noch ein ganz kleines, das sich erst nach und nach entfaltet hat und bis zum vermeintlichen Kollaps im dritten Teil fruchtbar gewachsen ist. Dennoch positionierte Sam Raimi einzelnen Figuren sowie die Grundlage für spätere Subplots von Anfang im Fundament seiner Superhelden-Blockbuster-Revolution. Wenngleich seine Spider-Man-Trilogie aus offensichtlichen, aber ebenfalls sorgfältigen Drehbuchkonstruktionen besteht, wird dieser niedergeschriebene sowie später verfilmte Mikrokosmos von einem homogenes Getriebe angefeuert, in dem die Zahnräder ganz natürlich – nahezu authentisch und glaubwürdig – in­ei­n­an­der­grei­fen. Den ersten Spider-Man-Film, der gewissermaßen ebenso ein New York-Film ist, der den Bogen zwischen Superheldentum, Gesellschaft und individuellem Schicksal dermaßen stimmig zusammenlaufen lässt, zeichnet darüber hinaus eine ganz besondere Eigenschaft aus: Die Exposition findet nicht vordergründig im Zentrum der Handlung statt, sondern hat sich auf eine begleitende, zweite Eben verlagert.

Peter Parkers Abenteuer endet nicht in den brennenden Überbleibseln der Materialschlacht, die zuvor hemmungslos Wolkenkratzer zum Einsturz brachte und damit womöglich ein Gros der menschlichen Attitüde des Heroen aufs Spiel setzte. Nein, Spider-Man findet seinen Ausgang auf einem Friedhof inklusive der Rezitation des zuvor eingerichteten Leitmotivs. Was zudem im obligatorischen Endkampf vonstattengeht, lässt sich gleichfalls auf den emotionalen Nenner der wohl überlegten Charakterkonstellation zurückführen – ganz ohne das Massensterben von Menschen zum ausschließlichen Zweck der brachialen Bewältigung eines Post-9/11-Traumas wie zuletzt in Man of Steel. In Spider-Man 2 setzt Sam Raimi diese bewusste Wahrnehmung und Beobachtung seiner Figuren und deren Erlebnisse konsequent fort. Außerdem vereint er diesen Anspruch beispiellos mit den Gesetzmäßigkeiten einer jeden Fortsetzung: Größer, schneller, lauter. Erst in puncto Spider-Man 3 kollidiert die Vision mit der Ambition und das überbordende Spektakel fordert seine Kollateralschäden auf dem Weg zum Abschluss der Erzählung des Spinnenmannes, die sich unterdessen in ein wahrhaftiges Epos verwandelt hat und im finalen Augenblick nicht einmal mehr von dramaturgischer Symbolik im übertriebenen Maße zurückschreckt.

Während sich in Spider-Man 3 die Ideen und Handlungsstränge im Sekundentakt überschlagen, vollbringt Sam Raimi sein im kanonisch unterschlagenes Kunststück: Er erzählt den Kern seiner Geschichte zu Ende. Namentlich setzt sich dieser seit den ersten Minuten von Spider-Man aus Peter Parker, Mary Jane Watson (Kirsten Dunst) und Harry Osborn (James Franco) zusammen. Ein roter Faden und das emotionalen Zentrum sozusagen. Jedes zusätzliche Element – sei es ein Antagonist oder sonst eine der Nebenfiguren – funktioniert stets im direkten Bezug zur genannten Trinität und folgt dementsprechend einer klaren Linie, einem klaren Motiv. Selbst wenn diese Motive irgendwann in Anbetracht des Überschwangs nur noch über die Oberfläche ihrer Vorsehung pendelten. Dieses Vermögen, die verschiedener Variablen so harmonisch im Entwicklungsprozess zu manifestieren, fehlt The Amazing Spider-Man besonders dem dazugehörigen Sequel, The Amazing Spider-Man 2, eindeutig. Hier regiert das Stückwerk, ein hastiges Aufschnappen jeglicher namhaften Größe im Spider-Man-Universum – als wäre es die oberste Maxime der Drehbuchautoren das gesamte Resultat ihres Brainstormings in gewaltige zweieinhalb Stunden zu quetschen und unbeholfen abzuhandeln.

Kaum hat es der Lizard (Rhys Ifans) in den Endkampf des Reboots geschafft, gilt es die ergiebige Comic-Vorlage weiter auszuschlachten: Rhino, Electro und Green Goblin – kein Problem. Oder doch? Was bereits im Trailer den Eindruck eines Schaulaufens des vollständigen Marvel-Inventars vermittelte, entpuppt sich im Kino als unkonzentriertes Produkt des fahrlässigen Namedroppings. Innerhalb weniger Sekunden eingeführt, erhält jede der genannten Figuren ihre groben Charaktereigenschaften. Zur natürlichen Entwicklung, geschweige denn einer durchdachten Vertiefung verbleibt allerdings kein Platz mehr. Schließlich brodeln im Hintergrund ein dutzend weitere Subplots, deren Erwähnung auf keinen nicht auf ein anderes Mal verschoben werden darf, weil unerbittliche Exposition und großflächige Expansion zum Schlüsselwort des Cinematic Universe geworden sind. Während Sam Raimi die Höhen und Tiefen der Freundschaft zwischen Peter Parker und Harry Osborn über drei Filme lange verfolgte, muss Marc Webb den gleichen emotionalen Impact dieser schicksalhaften Wechselbeziehung in gerade einmal einem Drittel der Zeit über die Bühne bringen, bevor die penetranten Sinister Six-Rufe sogar die hämmernden Dubstep-Bässe inklusive Powerchords von Hans Zimmer und seinen Magnificent Six übertönen.

Spätestens ab diesem Punkt verwandelt sich The Amazing Spider-Man 2 zur Bestie des epochalen Overkills und verschreibt sich vollständig seiner Berufung als weiterleitender Bestandteil eines Franchises, das momentan vordergründig zur Erhaltung der Lizenz existiert. Mark Webbs ordentliche Inszenierung vereinzelter Passagen verkommt zum fragmentarischen Potpourri visueller Einfälle, die sich ärgerlicherweise mit einer dramaturgischen Leere sondergleichen verbrüdern müssen – ganz zu schweigen vom inflationären Figurenverschleiß sowie dem verschwenderischen Umgang mit der Materie. It’s complicated, resümiert Peter Parker seine Beziehung mit Gwen Stacey (Emma Stone) und im Endeffekt umschreibt er damit den Zustand dieses unglücklichen Desasters erschreckend präzise. Besonders wenn nach dem kolportierten Höhepunkt ein üppiger Epilog zum Sinnbild der unverschämten Exposition wird, die sich längst über eine – unter diese Umständen geradezu unschuldigen – Cliffhanger hinweggesetzt hat. Die Frage ist nur, wozu der Schrei nach mehr, wenn die einzige Veränderung in diesem vernetzten Geflecht nur durch den Tod einer Hauptfigur initiiert werden kann?

Von Matthias Hopf

The Amazing Spider-Man 2 © Sony Pictures
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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