Beasts of No Nation – Kritik

Beasts of No Nation - Kritik

Mit Orange Is the New Black, House of Cards und Hemlock Grove legte Netflix vor drei Jahren den Grundstein für sein Repertoire an Eigenproduktionen, das in puncto serielle Erzählform mittlerweile sämtliche Genres abdeckt. Während Sense8 einen futuristischen Ausblick gab, entführten Formate wie Narcos und Marco Polo in die Vergangenheit – ganz zu schweigen vom gegenwärtigen Drama, das sich sowohl im familiären Rahmen (Bloodline) als auch in der Superhelden-Liga (Marvel’s Daredevil) stattfand. Anno 2015 wagt der US-amerikanische Streaming-Anbieter den nächsten Schritt und sagt den Lichtspielhäusern rund um den Globus den Kampf, denn Beasts of No Nation (basierend auf der gleichnamigen Literaturvorlage von Uzodinma Iweala) wird mit Ausnahme eines „limited release“ nur exklusiv auf Netflix ausgewertet, wie es Spiegel Online zusammenfasst.

Was im Angesicht dieser Gleichgewichtsverschiebung im Filmgeschäfts unterzugehen droht, ist der Film selbst – und das, obwohl Beasts of No Nation ein erschütterndes, vielschichtiges sowie ambivalentes – und somit überaus interessantes – Dokument eines nicht näher definierten Bürgerkriegs in einem namenlosen Land Westafrikas ist. Als Protagonist der Handlung fungiert dabei Agu (Abraham Attah), seines Zeichens ein zwölfjähriger Junge, der gemeinsam mit seiner Familie in einem Dorf lebt, dass sich außerhalb des heiß umkämpften Gebiets befindet. Durch eine Verkettung tragischer Ereignisse ereignet es jedoch, dass Agu zuerst von seiner Mutter und seiner Schwester getrennt wird und später seinen Vater und seinen Bruder bei einer Massenhinrichtung verliert. Daraufhin verirrt sich Agu in den Reihen einer Rebellenarmee, die u.a. skrupellosen Gebrauch von Kindersoldaten macht.

Wenngleich Regisseur Cary Fukunaga in den vermeintlich entscheidenden Momenten oft seinen Blick vom Geschehen abwendet, ist Beasts of No Nation ein extrem schonungsloser sowie radikaler Film. Es sind Größe und Wagnis zugleich, die das Kriegsdrama auszeichnen, denn ein verzweifeltes Draufhalten sucht man vergebens. Stattdessen offeriert Cary Fukunaga unzählige Alternativen, um das Unbeschreibliche auf unvergesslichem Wege in bewegten Bilder einzufangen. Angefangen bei den gewählten Kameraperspektiven, die regelmäßig in erhabenen Totalen den Überblick über die westafrikanische Hölle verschaffen und trotzdem nie den Kern der Geschichte aus den Augen verlieren, bis hin zu Dan Romers emotional aufgeladenen Score, der gerade in Kombination mit dem kindlichen Voice-over das Unmenschliche ins Menschliche transzendiert.

Was für den Bruchteil einer Sekunde befremdlich wirkt, avanciert mit zunehmender Laufzeit zur abstrakten Stärke des Films – einer Stärke, der man sich kaum entziehen kann. Cary Fukunaga verliert sich im Grollen des Biests, sodass zum Schluss nur noch ein unbeschreibliches Beben übrig bleibt, das sogar die elegische Ruhe übertönt, die mit dem Schwarz des Abspanns in die elegischen Bilder einkehrt. Zuvor putscht aber der Commandant (Idris Elba) seine jungen Soldaten, zu denen ebenfalls Agu gehört, mit einem Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt auf, wie es keine Droge der Welt vermag. Plötzlich geben die Salven diverser Schnellfeuerwaffen den Takt vor, mit dem eine umkämpfte Brücke erobert wird und die Jungs folgen ohne mit der Wimper zu zucken ihrem Anführer, geblendet vom Rausch des überwältigenden Überlegenheitsgefühls.

Eine Szene, so beängstigend und unerträglich, dass man am liebsten seinen Blick abwenden würde. Doch es geht einfach nicht, denn zu diesem Zeitpunkt hat man sich genauso wie Agu und seine Kameraden komplett in der Euphorie des Massakers verloren, das immer mehr die Form eines ausgeprägten Tanzes annimmt. Schuld und Unschuld verschwinden auf dem schmalen Grat von Missbrauch und Ohnmacht; ein Entkommen scheint unmöglich. Oder viel erschreckender: Das Verlangen danach stellt sich überhaupt erst gar nicht ein. Zu mitreißend gestaltet sich der Augenblick, zu verzerrt ist unterdessen die eigene Sicht. Es fällt unheimlich schwer, eine schützende Distanz zum Gezeigten aufzubauen, um abseits des Grauens tief Luft zu holen und seine Gedanken neu zu ordnen. Beasts of No Nation entpuppt sich in dieser Hinsicht als äußerst manipulativer Film. Dennoch hat Cary Fukunaga ein Rückversicherung im Fundament verankert.

Wenn das Kind schließlich wie in einem Fiebertraum durch überschwemmte Schützengräben watet, stellt sich der Zweifel ein, bedingt durch hart erlernte Aussichtslosigkeit. Ein stumpfer Befehl motiviert die finalen Bewegungen; Munition wird benötigt, ansonsten ist jede noch so durchschlagfähige Waffe nutzlos. Nackte Füße bahnen sich ihren Weg durch eine rote Brühe, die ihre Farbe auf symbolischem Level nicht bloß schlammiger Erde verdankt. Das Feuer ist erloschen und langsamer, aber stetiger Zerfall dominiert die letzten Atemzüge. Ein Gedanke vernichtet die erschlagende Taubheit und auf einmal funktioniert keiner der Trigger mehr, die vor wenigen Momenten noch bedingungslos ein Menschenleben ausgelöscht hätten. Der Gehorsam verschwindet, wie er sich mit der nächsten Ansage wieder einstellt – und trotzdem blickt Cary Fukunaga am Ende nicht zynisch, sondern hoffnungsvoll in den Horizont.

Beasts of No Nation © Netflix

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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