Berlin Syndrome – Kritik

Berlin Syndrome - Kritik

Aus dem Panorama der Berlinale 2017 kommt Berlin Syndrome, der neue Film von Lore-Regisseurin Cate Shortland, der bereits zuvor in Sundance seine Premiere gefeiert hatte. Es geht um Berlin, Hinterhöhe und das Grauen, das sich dort verbirgt. Berlin Syndrome ist ein durchaus faszinierender Film mit einer feindseligen Atmosphäre. Auf moviepilot schrieb ich letzte Woche ein paar konkretere Worte dazu auf: Berlinale 2017 – Berlin Syndrome und der Horror in Deutschland

[…] Berlin Syndrome profitiert unglaublich von dem starken Kontrast, den der Film in seinem Übergang vom ersten in den zweiten Akt aufbaut. Am Anfang ist da die Vielfalt, die beim Entdecken auf staunende Gesichter stößt. Später bleiben nur noch die spärlich eingerichteten Räume eines heruntergekommenen Hinterhauses, das sich eigentlich im Herz der Stadt und trotzdem gänzlich abgelegen befindet. Nach und nach werden Strom und Wasser abgestellt, ehe die winterliche Dunkelheit einsetzt und das Tageslicht verdrängt. Fotografierte Clare zu Beginn noch die ersten Sonnenstrahlen über den Dächern am Kottbusser Tor, bleibt ihr zum Schluss lediglich der Ausblick in die Tristesse alternder Bauten, die vergessen vor sich hinrotten, bis sie entweder abgerissen werden oder von alleine dem Zerfall gehorchen. Auf keinen Fall würde Clare erneut ihrer Bewunderung für die brachliegende DDR-Landschaft und ihre Architektur Ausdruck gewähren, jetzt, wo sie keinen Ausweg mehr aus dem urbanen Sumpf sieht.

Wie viele Filmemacher zuvor sieht Cate Shortland in Berlin nicht nur eine Kulisse für eine Geschichte, sondern einen eigenen Charakter, der sich mehr oder weniger im Hintergrund der Erzählung bewegt. Hätte Berlin Syndrome auf den ersten Blick in jeder beliebigen Großstadt spielen können, bietet der Film auf den zweiten einen großen Reichtum an Lesarten, völlig unabhängig seines Genres. An einem solch definierenden Begriff zeigt Cate Shortland sowieso kein Interesse. Vielmehr versteht sie die Umgebung als unterstützende Kraft für ihre Figuren und deren Handlungen, wenngleich nicht alle Bezüge ausbuchstabiert werden. Ein Generationenkonflikt deutet sich etwa nur beiläufig an, ebenso das Bewusstsein über die Einheit in einer dermaßen vielfältigen Stadt, die einst durch eine Mauer geteilt war. Aber vielleicht machen gerade diese beiläufig eingestreuten Denkanstöße Berlin Syndrome zu einem so unheimlichen wie nachdenklichen Film.

Berlin Syndrome © MFA+ / Filmagentinnen

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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