Birds of Prey – Kritik

Birds of Prey

Den Joker hat sie hinter sich gelassen. Das behauptet Harley Quinn (Margot Robbie) zumindest mittels Voice-over in den ersten Minuten von Birds of Prey. Schlussgemacht hat sie mit dem Clown Prince of Crime, auch wenn in Wahrheit er es war, der seine Geliebte vor die Tür setzte, wie es die passenden Bilder illustrieren. Immer wieder offenbart sich diese Diskrepanz und Harley Quinn wird nicht müde, ihre Version der Ereignisse zu schildern. Eine unzuverlässige Erzählerin par excellence: Regisseurin Cathy Yan versteht es ausgezeichnet, die Zerrissenheit der Figur als erzählerisches Mittel zum Einsatz zu bringen – und schenkt Harley Quinn endlich den Film, den sie seit dem verunglückten Suicide Squad verdient.

Zu Beginn ist Birds of Prey somit vor allem damit beschäftigt, sich von der eigenen Vergangenheit zu distanzieren. Nicht nur versucht Harley Quinn, den ungeliebten Mr. J. aus ihrem Kopf zu verdrängen und das Narrativ der gescheiterten Beziehung zu ihren Gunsten zu verändern. Auch der Film verbannt die von David Ayer inszenierte DC-Adaption fast komplett ins Jenseits. Nur winzige Schnipsel bleiben erhalten, schlussendlich wird das Spin-off seinem vollständigen Titel aber mehr als gerecht: Birds of Prey (and the Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn). Das hat auch zur Folge, dass Jared Letos Joker aus Suicide Squad kurz und schmerzlos durch einen Cartoon-Joker ersetzt wird.

Gefangen in der Vergangenheit ist der Film trotzdem nicht. Wenngleich Harley Quinn regelmäßig auf ihren toxischen Ex zurückkommt, beschäftigt sich das Drehbuch von Christina Hodson vielmehr mit der Frage, wie aus einem Sidekick eine vollwertige Figur wird, die nicht in Abhängigkeit von anderen existiert, sondern Autorin ihrer eigenen Geschichte ist. Durch das eingangs erwähnte Voice-over avanciert Harley Quinn wortwörtlich zur Autorin und peppt ihren ersten eigenen Solofilm auf der großen Leinwand mit zahlreichen Ausschweifungen und Nebensächlichkeiten auf, während sie die Chronologie gerne vernachlässigt. Diese bruchstückhafte Erzählung erweist sich als willkommener Quell für Humor aller Couleur.

Birds of Prey etabliert dadurch etwa eigene Running Gags und fasst in seinem ausufernden Chaos nahezu perfekt den sprunghaften Charakter seiner Protagonistin zusammen, die genauso planlos wie unberechenbar in den Tag startet und am Ende wahlweise als Gewinnern oder Verliererin dasteht. Harley Quinn stolpert hingebungsvoll durch diesen Film und lässt sich von jeder Kleinigkeit ablenken, mal ganz naiv, mal ein bisschen provokant. Niemals begibt sie sich aber auf eine zynische Metaebene. Stattdessen überrascht Birds of Prey, wenn hinter ihren impulsiven Handlungen eine emphatische Person zum Vorschein kommt. Ohne Margot Robbies famose Darstellung der Figur wäre das nicht möglich.

Schon in Suicide Squad war es ihr Schauspiel, das die verwegene Gruppe von Antihelden im bitteren Augenblick der Niederlage zusammenführte. Birds of Prey erforscht deutlich mehr von dieser Seite, gerade in Verbindung mit der von Ella Jay Basco verkörperten Cassandra Cain, die einen Diamanten verschluckt und daraufhin zur Zielscheibe von ganz Gotham wird. Selbst wenn dem Drehbuch für seine zugrundeliegende Gangstergeschichte die Raffinesse fehlt, setzt der Film mit einem Blick auf sein Ensemble (Mary Elizabeth Winstead!) viele tolle Akzente, die in Erinnerung bleiben. Zu schade ist nur, dass die einzelnen Figuren die meiste Zeit über getrennte Wege gehen und erst im actionreichen Finale aufeinandertreffen.

Dieses Finale hat es dafür in sich. In einer Mischung aus den unheimlichen Bildern von Tim Burtons Batman-Filmen und der knallbunten Ausstattung, die Joel Schumachers nach Gotham brachte, entfesselt Cathy Yan zusammen mit Stunt-Spezialist Chad Stahelski eine brutale Actionszene nach der anderen. Vielfältig sind die Schauplätze und Kämpfe – und dann verfolgt Harley Quinn Ewan McGregors herrlich abstoßenden Bösewicht auch noch auf Rollschuhen. Im Angesicht all dieser einfallsreichen wie verrückten Details fühlt sich Birds of Prey wahrlich an wie eine Comicverfilmung, die es genießt, sich mit ihren Figuren auszutoben, auch wenn der erhoffte Ausbruch ins große DC-Pop-Musical voller Farbexplosionen zu selten passiert.

Birds of Prey © Warner Bros.