Boyhood – Kritik

Boyhood - Kritik (Richard Linklater, 2014)

Atmen, leben und dann liegt der Junge inmitten des grünes Grases und blickt in den – vermutlich – strahlend blauen Himmel. Während sich die Kamera stetig dem kleinen Geschöpf aus dieser Erde nähert, blickt Mason (Ellar Coltrane) der Zukunft entgegen, unwissend, was ihn alles in diesem Leben erwarten wird. Genauso unwissend blickte sicherlich auch Richard Linklater im Jahr 2002 seinem ambitionierten Herzensprojekt Boyhood entgegen – schließlich konnte zu diesem Zeitpunkt niemand erahnen, was am Ende dieser Odyssee stehen würde; ein fertiger Film, ein unübersichtliches Fragment oder womöglich der zeitfressende Albtraum eines kreativen Desasters? Fortan versammelte er die nächsten zwölf Jahre für eine Woche sein komplettes Ensemble, um ein weiteres Segment zu drehen, einen weiteren Lebensabschnitt seines anfangs noch kindlichen Protagonisten einzufangen und den einzigartigen Augenblick dieser Reise auf dem konfusen Weg des Erwachsenwerdens festzuhalten. Und genau dieser Augenblick bleibt nun für immer, aufbewahrt in unglaublichen 163 Minuten. Eine Laufzeit, die in Anbetracht des Erzählten kaum der Rede wert ist und dennoch dokumentiert Richard Linklater eine authentische Momentaufnahme von unheimlich Unaufdringlichkeit.

Zuletzt versuchte Terrence Malick in seinem Opus Magnum The Tree of Life das Leben in alle seinen Facetten zu ergründen und verlor sich im Angesicht des Unfassbaren. Der sakrale Charakter als letzter Ausweg und dazwischen Dinosaurier: Im assoziativen Bilderrauschen erschuf der texanische Regisseur ein Werk, das wahrlich auf einem ganz schmalen Grat zwischen unerträglich und absolut großartig balancierte. Wenngleich auch hier die finale Anordnung der Geschehnisse unmittelbar vor der Veröffentlichung im Schneideraum erfolgte, hatte Terrence Malick eine klare Vision von seinem Lebensbaum sowie den Vorhängen, hinter denen sich Jessica Chastain versteckte. Dem entgegengesetzt funktioniert Boyhood auf einer vollkommen anderen Ebene – nicht zuletzt aufgrund seines außergewöhnlichen sowie nicht vorhersehbaren Entstehungsprozesses. Die Entscheidung seitens Richard Linklater, sich komplett vom Gedanken der Strutukur sowie der Vorausplanung zu verabschieden, offenbart sich rückblickend als eine mutige und lohnenswerte. Das Leben passiert unmittelbar, ganz ohne roten Faden, ohne dramaturgischen Spannungsbogen, ohne obligatorische Höhepunkte und ohne das furiose Finale, das sein Medium als emotionales Kalkül denunziert. Obwohl sie in Form offensichtlicher Meilensteine wie etwa dem College-Abschluss oder der Feier eines gegebenen Geburtstages allgegenwärtig sind, löst sich Richard Linklater völlig von den konventionellen Mechanismen der gängigen Coming-of-Age-Geschichten los. Stattdessen ereignet sich das Leben einfach so, als wäre es niemals anders vorherbestimmt.

Mason, seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater) und seine Mutter Olivia (Patricia Arquette) wollen dieses Leben natürlich nicht widerstandslos hinnehmen. Immerhin verfolgt die Familie eine Reihe verheerender Entscheidungen und damit einhergehend ein Gefühl des Abschiednehmens, ein Gefühl des Ungewissheit. Mehrfach müssen sie umziehen, mehrfach verändert sich die Vaterfigur, der Freundeskreis und das soziales Umfeld. Nur der eine Mann kehrt immer wieder zurück: Masen Senoir (Ethan Hawke). Gerade in dieser Beziehung schafft Richard Linklater ein herausragendes Gleichgewicht von ewiger Selbstverständlichkeit und der täglichen Annäherung. Als würde er ihn schon sein ganzes Leben lang kennen, steigt Mason bei seinem Vater ins Auto und trotzdem müssen sie sich jedes Mal auf neue Kennenlernen, als wären die Fremde, die sich zufällig das gleiche Zugabteil auf einer Reise ohne bestimmtes Ziel teilen. Selbst wenn sie keine guten Freunde sind und schon gar nicht die selben Interessen haben, begegnen sich Vater und Sohn über die Solo-Karriere der vier Beatles und die unheilvolle Vorstellung hinsichtlich potentiell bevorstehender Star Wars-Episoden inklusive der Vision eines Han Solos als dunkler Sith Lord. Die Gespräche ruhen – wie bereits zuletzt in Richard Linklaters bravourösen Before Midnight – auf einem unerschütterlichem Fundament er Ehrlichkeit und verankern sich vor allem dann in Erinnerung, wenn das Gesprochene Hand in Hand mit der Belanglosigkeit des Lebens geht.

Der Rest geschieht ganz beiläufig im Hintergrund. In der Zwischenzeit muss Mason nur überleben, um am 16. Juli 2005 um Punkt Mitternacht ein Exemplar von Harry Potter and the Half-Blood Prince in Händen zu halten. Popkulturelle sowie politische Ereignisse fungieren in Boyhood jedoch nur zweitrangig als bestimmendes Element. Vielmehr dient die Erwähnung des Irakkrieges inklusive der Bush-Ära auf der einen Seite als temporäre Verortung des Geschehens – genauso später der Wahlkampf von Obama oder ein dezenter Seitenhieb Richtung NSA. Auf der anderen Seite beginnt das Leben mit den einfühlsamen Tönen von Coldplays Yellow und der Pop-Hymne Oops! … I Did It Again von Britney Spears, zieht sich über Soulja Boys Crank That sowie revolutionierende Vertreter des Indie-Rocks und verliert sich irgendwann in den Harmonien von Daft Punks Get Lucky. Wenn Hero von Family of the Year erklingt und Boyhood einen Schlusspunkt findet, vollzieht sich dieser Abschied äußerst unaufgeregt, nahezu unauffällig. Das Ende einer ungewöhnlichen Odyssee, wie sie derartig vielleicht noch nie im Kino zu sehen war. Aber genau deswegen ist Boyhood so ein besonderer Film, da er genau den Augenblick des Lebens auf die große Leinwand bannt, ohne etwas zu verstecken, dokumentarisch zu dekonstruieren oder künstlich zu inszenieren. In diesem Moment ist Richard Linklater gleichermaßen wie Terrence Malick ein Poet der bewegten Bilder mit einer überwältigenden Vision. Einer Vision, die mit jeder Minute der wertvollen Laufzeit größer wird, sich entfaltet und schlussendlich nur an einer Station ankommt, deren Bedeutung(slosigkeit) kaum zu übertreffen ist.

Boyhood - Kritik (Richard Linklater, 2014)

Von Matthias Hopf

Boyhood © Internationale Filmfestspiele Berlin
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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