Calvary – Kritik

Calvary - Kritik

Das wahre Verbrechen, das sind die Kollateralschänden des Passiven. Sie bilden jenseits des roten Fadens den schwarzen Teppich, der irgendwann die geradlinige Struktur vollends umhüllt, sodass es keinen Ausweg mehr gibt. Zwar passiert es nicht unmittelbar. Dennoch lässt sich die offensichtliche Grausamkeit in wenigen Sätzen konkret auf den Punkt bringen, so auch in den ersten Minuten von Calvary. Schnell ist gesagt, was falsch läuft beziehungsweise falsch gelaufen ist. Das Problem ist zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr die Tat, sondern alles, was seitdem geschehen ist. Ein Trauma, das erst durch die zwangsläufige Reflexion der  Zeit sein tatsächliches Ausmaß erreicht – und genau da setzt der unerträgliche Nebeneffekte jeglichen Handelns ein. Das Passive zerstört, gerade weil es nicht greifbar und selbst wenn unbegreiflich ist. In sieben Tagen muss der gute Priester sterben, am Sonntag ist er tot.

Das Individuum für die Institution: Es soll ein Zeichen sein, denn einen schlechten Priester über den Jordan zu schicken, würde nicht reichen. Von dieser Sorte gibt es in den Medien zur Genüge, die Aufmerksamkeit würde in Anbetracht der abgenutzten Schlagzeilen über die unzähligen Schänder aus geistlichem Hause verblassen. Stattdessen muss das (vermeintlich) Gute sterben. Eine Prämisse die nicht nur die Frage nach dem Guten an sich stellt. Nein, weiterhin steht auch die Frage nach Vergeltung, Versöhnung und Vergebung im Raum. Jeder Mensch in Calvary scheint eine Leiche im Keller zu verstecken und je tiefer John Michael McDonagh in die kleine irische Gemeinde vordringt, desto offenkundiger wird dieser Umstand. Ein Entlarven, das im Grunde keines ist, da sich nicht einmal jemand die Mühe macht, irgendetwas zu verstecken. Allgemeines Desinteresse garantiert den betäubten Fortgang des Beständigen oder stellt ihn zumindest nicht – wie angenehm – in Fragen.

Das Verbrechen wird erst besprochen, wenn es zu spät ist, da es unheimlich schwer ist, überhaupt darüber zu reden und einen Verantwortlichen zu finden. Und genauso unternimmt John Michael McDonagh keine Versuche, einen Verantwortlichen zu suchen respektive dem Geheimnis um die Identität des potentiellen Mörders nachzugehen. Pater James Lavelle (bravourös: Brendan Gleeson) weiß sowieso von Anfang an Bescheid, um wen es sich handelt. Die Überraschung bleibt nur noch für jene, die sie suchen. Was jedoch pausenlos vor und nach der greifbaren Aktion vonstattengeht, das sehen sie nicht. Das sieht niemand. Nicht einmal Pater Lavelle, der seine Tochter Fiona (ebenso bravourös: Kelly Reilly) aufgrund eines „Fehlers“ (noch einmal) wiedersehen darf und kann. Was Fiona erlebt hat, verschwimmt in vagen Andeutungen unfassbarer Natur. Andeutungen, die nie vollständig ausgerollt, geschweige denn geklärt werden können.

Calvary skizziert das Bild einer pessimistischen Mikrogesellschaft in der die Menschen aus einem verloren gegangenen Vertrauen heraus lediglich versuchen, ihr Gegenüber zu entwaffnen, vorzugsweise mit dem eigenen Kriegswerkzeug. Dementsprechend spazieren kuriose Figuren durch die Gegend, in ihrer Funktionalität stets auf eine metaphorische Ausdeutung des Geschehens angelegt. Im schwarzen Humor baden sie, lieben die Worte, die ihnen über die Lippen gleiten, und sagen am Ende genauso wenig wie alle anderen auch. In diesen Moment übernimmt der weltfremde Score von Patrick Cassidy und vermischt Sprache mit Bildern. Daraus resultiert ein verklärendes Kaleidoskop, das nur durch einen verzerrten Blickwinkel irgendwo auf einer Ebene der Abstraktion Sinn macht. Aber dafür ist die Gravitas von dem, was Calvary zwischen den Zeilen erzählt, unglaublich, da John Michael McDonagh wirklich alle Werte im Diskurs zwischen der verhängnisvollen Wechselbeziehung zwischen Individuum und Institution in Frage stellt.

Calvary © Ascot Elite / 24 Bilder

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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