Danny Boyle und der finale Moment der Ewigkeit

Danny Boyle und der finale Moment der Ewigkeit

Was sucht Danny Boyle in seinen Filmen? Egal in welchem Genre er sich gerade austobt – und ein Blick auf seine Filmographie beweist, dass er regelrecht sprunghaft von einem ins andere wechselt – und welche Geschichte er erzählt: Im Mittelpunkt des Geschehens befinden sich immer wieder Figuren, die sich auf den Weg, auf die Suche machen. Natürlich passiert dieser Aufbruch aus den unterschiedlichsten Beweggründen und die darauf folgende Reise findet nicht nur im sprichwörtlichen Sinn statt. Trotzdem gelangen die Figuren in Danny Boyles Filmen am am Ende an einem Punkt, an dem sie sich (oder sich zumindest etwas) gewandelt hat. Zwar würde Richard (Leonardo DiCaprio) in The Beach bereits nach wenigen Minuten widersprechen, denn „The only downer is, everyone’s got the same idea. We all travel thousands of miles just to watch TV and check in to somewhere with all the comforts of home, and you Gotha ask yourself, what is the point of that?“ Dennoch muss auch er sich zum Schluss eingestehen, dass ein Abenteuer hinter ihm liegt.

Im Rahmen dieses Eingeständnisses kommt Richard ebenfalls zu dem Schluss, dass das Paradies kein Ort ist, nach dem man Ausschau halten kann: „It’s how you feel for a moment in your life when you’re a part of something. And if you find that moment… It lasts forever.“ Und genau diesen Moment sucht Danny Boyle in seinem Filmen und – Spoiler! – findet ihn in den finalen Minuten eines jeden seiner Werke. Es ist ein faszinierendes Gefühl von Freiheit und Unbesiegbarkeit mit dem Wissen des Erlebten. Getrieben, pochend, aufbrausend und schlussendlich überwältigend. Am deutlichsten ist dieser Moment vermutlich in 127 Hours erlebbar, nachdem der sich von James Franco verkörperte Aron Ralston nach einem Akt der absoluten Selbstüberwindung mit allerletzten Kräften aus der Schlucht rettet, die ihm beinahe das Leben gekostet hat. Entscheidend bei diesem vollkommenen Augenblick der Erlösung ist vor allem die musikalische Gestaltung, beim genannten Beispiel konkret in Form von Sigur Ros’ sich stetig aufbauender Hymne Festival.

Meistens ist das Narrativ in dieser Phase von Danny Boyles Filmen längst am Höhepunkt angekommen, hat das Ziel erreicht und die Geschichte ist im Grunde erzählt. Dieser Umstand bedeutet jedoch längst nicht, dass auch der Film zu Ende ist. Ganz im Gegenteil: Oft zögern diese magischen Momente mit einem langen, letzten Atemzug die Grundstimmung der Schlusssequenz hinaus und potenzieren gar ihre Wirkung, bevor das Schwarz des Abspanns die große Leinwand in Beschlag nimmt. Als dankbarer Kollaborateur erwies sich dabei in den vergangenen Jahren John Murphy. Insgesamt drei Filme von Danny Boyle hat er komponiert, zwei davon sogar mit unsterblichen Soundtracks bedacht. Gemeint sind die eingängigen Themes von 28 Days Later und Sunshine, die beide mit sehr ähnlichen Motiven arbeiten und eine unschlagbare Gemeinsamkeit haben: Ein sich stetig aufbauender Sog voller repetitiver Pattern, die sich alle acht Takte um eine weitere Dimension auf einer Skala von episch bis super episch steigern. Wie auch beim zuvor erwähnten Finale von 127 Hours spitzen sich sowohl auf der Zielgerade von 28 Days Later als auch auf der von Sunshine die Ereignisse zu – und die Musik fungiert als einziges Ventil, um die angestaute Anspannung adäquat zu entladen.

In der Irvine Welsh-Adaption Trainspotting begleitet Born Slippy .NUXX von Underworld diesen starken Moment, der sich wie ein roter Faden durch Danny Boyles Filmographie zieht: Auch in anderen Werken wie Shallow Grave, A Life Less Ordinary, Millions oder Trance kulminiert das zuvor Gezeigte in einer atemberaubenden Spirale, die auf gewisse Weise ebenfalls ein Fazit zieht – völlig unabhängig davon, ob der Protagonist der jeweiligen Geschichte die Ereignisse wie Richard im Ausklang von The Beach via Off-Kommentar zusammenfasst und oder ausschließlich die Bilder im Einklang mit der Musik sprechen. In Steven Jobs, Danny Boyles jüngster Regiearbeit, findet die abschließende Ekstase so schlicht wie nie zuvor statt. Nüchtern betrachtet begegnen sich bloß die Blicke von Vater und Tochter, eigentlich ziemlich unspektakulär, bedenkt man den (verhinderten) Weltuntergang in 28 Days Later oder Sunshine. Dank der zwei vorhergegangenen Stunden sowie Daniel Pempertons punktgenau verwendeter Filmmusik entsteht aber gerade in dieser schlichten Begegnung das Unfassbare und die Filmfigur Steve Jobs findet im Rausch bisher unterdrückter Emotionen die gleiche Erfüllung wie Aron Ralston, der sich aus dem Blue John Canyon schleppt.

Die finalen Atemzüge von Slumdog Millionaire schließen sich dem zurückhaltenden, aber dennoch mitreißenden Tenor von Steve Jobs an. Noch bevor in Bollywood-Tradition der Cast des Films am Bahnsteig tanzt, begegnen sich Jamal (Dev Patel) und Latika (Freida Pinto) in einer erfüllenden Sequenz. Die Hintergrundgeräusche verstummen und in Zeitlupe rennen sie sprichwörtlich aufeinander zu, alle Grenzen überwindend, die sich ihnen in den Weg stellen. In diesen Aufnahmen ziehen ebenfalls die vorherigen Leiden, die sie auf schmerzliche Art und Weise getrennt haben, an ihnen vorbei und dem Happy End steht nichts mehr im Weg. Es gibt nur wenige Regisseur, die die Schlussakkorde ihrer Filme so beständig in elegante Pointen mit eigener Dramatik verwandeln, sodass die Gänsehaut auch nicht nachlässt, wenn die Lichter im Kinosaal bereits wieder angegangen sind. Ehrlich gesagt: Manchmal schaue ich mir Danny Boyles Filme nur deswegen nochmal an, um diesen gewaltigen Schluss in seiner ganzen Pracht zu erleben. Umso verwunderlicher erscheint es mir, dass zu einigen seiner Werke alternative Enden existieren, wo ich gerade diese entscheidenden Minuten niemals verändern würde.

Sunshine © 20th Century Fox / 127 Hours © 20th Century Fox / Trainspotting © Universal Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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