Darkest Hour – Kritik

Darkest Hour - Kritik

Geradezu omnipräsent ist er in den bewegten Bildern der Gegenwart, der einstige Premierminister Großbritanniens. In The Crown schnaufte John Lithgow als Winston Chruchill an der Seite von der Queen, während Brian Cox in gleicher Rolle im schlicht als Churchill betitelten Biopic um die Landung der Alliierten in der Normandie bangte. Unter der Regie von Joe Wright tritt nun Gary Oldman in die Fußstapfen seiner Schauspielkollegen und durchsteht widerspenstig, aber entschlossen die dunkelste Stunde Großbritanniens. Angesiedelt im Mai 1940 setzt Darkest Hour an einem Wendepunkt der Geschichte ein, an dem sich nicht nur der Schatten des Dritten Reiches über die britische Insel legte, sondern ebenso die politischen Parteien innerhalb des vereinten Königreiches zunehmend voneinander entfernten. Neville Chamberlains Stunden als Premierminister sind gezählt, nun hofft die Nation auf eine starke Stimme, die gegen die Nazis für die Ideale der Freiheit und Unabhängigkeit einsteht. Was folgt, ist ein erhaben gefilmtes Drama, das sich in seinem Tonfall jedoch unerwartet unschlüssig ist.

Dabei führt die erste Einstellung entschlossen in den Schlund der Politik: Mit einer schwindelerregenden Kameradrehung taucht Joe Wright von oben herab ins britische Parlament ein, wo sich die Conservative Party mit der Opposition, der Labour Party, ein verbales Gefecht sondergleichen liefert. Es wird geraunt, gemurmelt und verächtlich das Gegenüber fixiert. Dann folgen aufgebrachte Rufe und wildes Gebrüll: So eloquent die verschiedenen Redner in den vorherigen Minuten ihre Anliegen vorgebracht haben, so unbeherrscht wettert nun eine Partei gegen die andere. Ganz entfernt ist die Aufbruchsstimmung spürbar, vorerst regiert allerdings geiferndes Chaos, resultierend aus eifrigem Geschrei und unbändigen Gestikulationen, als würde jeder Lord im Raum mit den Armen um sein Überleben rudern. Dennoch findet Joe Wright in diesem nervenaufreibenden Brausen konzentrierte Ruhe und fängt mit Kameramann Bruno Delbonnel als stärksten Verbündeten selbst die unscheinbaren Staubkörner im einfallenden Tageslicht ein. Ein Tageslicht, das stets von einer bedrohlichen Kühle kündet.

In diesen Momenten strahlt Darkest Hour eine unglaubliche Schwere aus, als wäre die Bürde, die sich Winston Churchill später auf seine Schultern lädt, bereits in den ersten Minuten des Films verankert. Sobald Gary Oldman aber den Raum betritt, verändert sich die Stimmung und Darkest Hour schreckt nicht einmal vor einem albernen Anruf seitens US-Präsident Franklin D. Roosevelt zurück. Joe Wright präsentiert uns viele Versionen der Persona Winston Churchill, was gelegentlich für Irritation sorgt. Trotzdem hält Gary Oldman, der durch eine wahrlich bemerkenswerte, wenn auch minimal ablenkende Maske spielt, all diese Churchill-Versionen zusammen. Sobald aber die Hülle mit der Umgebung verschmilzt, begeistert Darkest Hour mit vorzüglichem Schauspiel, das sich bis in die Nebenrollen erstreckt und trotz der tonalen Wechsel für eine Konstante sorgt, auf die sich der Film stützen kann. Neben Lily James und Kristen Scott Thomas verblüfft vor allem Ben Mendelsohns zerbrechliche Verkörperung von King George VI., die zum Sinnbild der vorherrschenden Unsicherheit wird.

Obwohl in Darkest Hour viele große Reden geschwungen werden, die der so dringend benötigten Entschlossenheit ihren Tribut zollen, findet Joe Wrights Churchill-Interpretation in einem – durchaus streitbaren – Augenblick der Unsicherheit ihren Höhepunkt. So ereignet es sich, dass sich der zum Premierminister ernannte Sturkopf unters Volk mischt und nach dem Stand der Dinge erkundigt. Auf einmal verschwindet die erdrückende Last der vorherigen Tage und in jener dunkelsten Stunde, die soeben noch völlig hoffnungslos erschien, breitet sich Erleichterung aus. Dass er sich von der vermeintlichen Naivität dieser Sequenz nicht einschüchtern lässt, ist Joe Wright hoch anzurechnen. Wie schon bei seinem Fantasy-Blockbuster Pan trifft der Regisseur in Darkest Hour nicht zwangsläufig die einfachsten und bequemsten Entscheidungen, sondern traut sich, eigene Ideen auszuprobieren, wenngleich nicht jeder Versuch so gut gelingt wie die Katharsis in der U-Bahn, die sich langsam, aber sicher auf Westminster, dem Ort der Entscheidung, zubewegt.

Darkest Hour © Universal Pictures

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.