Darkman – Kritik

Darkman - Kritik

Darkman – Wegbereiter und noch immer seiner Zeit voraus

Er muss erst komplett zerstört werden, bevor er zum Helden werden kann. Sam Raimi reißt seinen aufrichtigen Wissenschaftler – was sollte er auch sonst sein – regelrecht in Stücke, verätzt seine Haut, entstellt sein Gesicht. Nach dieser (unfreiwilligen) Metamorphose bleibt nur noch ein Monster übrig. Ein Monster, das nicht mehr in der Lage ist, zu fühlen, da der Schmerz, der sich einerseits aus physischem, andererseits aber auch aus psychischem Leiden zusammensetzt, ansonsten unerträglich geworden wäre. Tatsächlich verschwinden tut er jedoch nie, denn was sich auf der Oberfläche betäuben lässt, wächst insgeheim im Inneren zum größeren Trauma.

Was bleibt, ist ein Mann ohne Gesicht oder besser formuliert: Ein Mann mit jedem Gesicht. Die Maske – bei Sam Raimi schon immer von unfassbarer Bedeutung – wird zur bedrohlichen, geradezu unberechenbaren Waffe. Einer, der alle ist, nichts fühlt und dennoch von Rache – einer der wohl emotionalsten Reaktionen überhaupt – getrieben wird, sorgt in der Stadt für (Un)Ordnung. Ein Aufräumen der bedenklichen Art, denn Sam Raimi ist sich schon weit Anfang der 1990er Jahre bewusst, dass sich hinter der Maske nur ein Abgrund, nur ein Monster verbirgt.

„Burn in hell“, ruft der Held, der im Grunde selbst jenem Höllenort entsprungen sein könnte, seinem Widersacher nach und lässt einen explodierenden Helikopter hinter sich zurück. Absolut legitim, weil Sam Raimi hier mit vollkommener Hingabe reflektiertes Superhelden-Kino macht, ohne auch nur einen einzigen Comic-Strip zu adaptieren. Stattdessen sucht er seine Vorbilder im Horrorfilm der 1930er Jahre und ebnet selbstbewusst mit präzisem Verständnis fürs Sujet den Weg für den Spinnenmann, der nach der Jahrtausendwende eine neue Ära des heroischen Treibens auf der großen Leinwand einläuten sollte.

Ohne diese bestimmten Schlüsselfilme wäre die Superhelden-Invasion der Gegenwart wohl kaum denkbar. Immer wieder hat sich das Genre verwandelt, neu erfunden und auf unterschiedlichem Wege etabliert. Der rohe Spider-Man versteckt sich allerdings schon hinter den Häuserschluchten, durch die Liam Neeson als zwielichtiger Darkman im Rahmen eines furiosen Helikopter-Duell jagt. Und tatsächlich hätte auch Peter Parker anno 2002 eines dieser Flugobjekte mit seinem Netz im Schoß der Wolkenkratzer aufgefangen, hätte sich 9/11 nicht entsprechend auf das popkulturelle Denken ausgewirkt und dermaßen nachhaltig verändert. Plötzlich konnte der Superheld, der sich durch den Großstadtdschungel schwingt, nicht mehr hinter fragwürdigen Rachegelüsten verbergen. Selbst der Dunkle Ritter, Inkarnation der Selbstjustiz, musste geerdet werden, musste abgesichert werden.

Einen Abgrund, wie er sich hinter der Allmacht von Darkman verbirgt: Nicht einmal Christopher Nolan traut es sich in seinen düstersten Momenten, Gothams Helden so zu entstellen, ihn einzureißen und wie Phoenix aus der Asche wieder auferstehen zu lassen. Gerade im Rises-Kapitel der Dark Knight-Trilogie passiert dann die große Ironie: Der Knightfall hat Batman dermaßen zu schaffen gemacht, dass er sich beim Aufstieg aus den Untiefen des vermeintlichen Abgrunds nur noch danach sehnt, ein Held zu sein, der wie Darkman mit einer Leine an einem Helikopter hängt. So roh, wie dieses verruchte Monster war er jedoch nie, sondern stets bemüht, seine eigene Herkunft unerbittlich zu verleugnen.

Obwohl sich Darkman nie auf einen solchen Ursprung in gezeichneten Bildern berufen konnte, hat er seine eigene Gattung im Kino so gut verstanden wie kaum ein zweiter; ein vergessener Wegbereiter, der seinen eigenen Kollegen um Lichtjahre voraus war und immer noch ist. Selbst in puncto Spezialeffekte beweist Sam Raimi ungeheures Verständnis: Ob sie unterdessen schlecht gealtert sind, spielt keine Rolle, da ihre Integration und Komposition immer noch effektiver und durchdachter ist, als jedes hochpolierte CGI-Gewitter, das im Streben nach betäubender Überwältigung in sich selbst zusammenfällt. In Darkman genügt ein Schatten mit entsprechendem Lichteinfall und der Rächer ist geboren – mit all seiner quicklebendigen Schön- und Hässlichkeit.

Darkman © Koch Media

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias

Letzte Artikel von Matthias (Alle anzeigen)



YOU MAY LIKE