Die Eiskönigin – Völlig unverfroren – Kritik

Frozen (Jennifer Lee & Chris Buck, 2013)

Als 2009 im Rahmen des nostalgischen Vergnügens Princess and the Frog der klassische Zeichentrick ein unerwartetes Revival feierte, schien es beinahe so, als hätte sich das entsprechende Mäusestudio auf erprobte Werte und Stärken besonnen. Nicht zuletzt mangelte es den jüngeren Vertretern der sogenannten Meisterwerke-Reihe von Disney in den vergangenen Jahren zweifelsohne an einigen Qualitäten, wie sie die großen Filme ihrer Art einst ausgezeichnet haben. Doch die Rückkehr zur Ära gezeichneter Bilder war nicht nur ein verklärendes Schwelgen in angepassten Erinnerung. Tatsächlich setzte die Adaption des Kinderbuchs Esmeralda, Froschprinzessin den ersten in Schritt in das unentdeckte Land des Märchenfilms, indem die erste schwarze Prinzessin der gesamten Disney-Historie ihr schlagfertiges Debüt feiern durfte. Als ebenso schlagfertig entpuppte sich die Protagonistin der im Anschluss folgenden Rapunzel-Interpretation Tangled, die wie ihre spätere Pixar-Schwester Merida selbstbewusst und reflektierend das konservativen Frauenbild des Genres auf den Kopf stellte. Frozen setzt diesen lobenswerten Trend ein weiteres Mal fort. Verzichtet jedoch zugunsten der magischen Momente großteils auf den selbstironischen Umgangston im Sujet der fantastischen Erzählungen.

Erneut dient ein ein altbekanntes Märchen als Vorlage – namentlich Hans Christian Andersons Die Schneekönigin. Damit wären jedoch erst das Fundament von Frozen gelegt, denn Regisseurin Jennifer Lee und sowie ihr Co-Regisseur Chris Buck erweiterin munter das Geschehen um zusätzliche Facetten. Nicht zuletzt gehört dazu die Integration zweier Sidekicks, Schneemann Olaf und Rentier Sven. Diese Interpretationsfreiheit ist eine willkommene Angelegenheit der kreativen Ausschmückung. Selbst wenn gerade in Anbetracht erwähnter Figurentypen die sonst so behutsam ausgerollte Geschichte gelegentlich in der Hanswursterei und Klamauk ausartet. Zwei Wesen dieser Gattung sind eindeutig zu viel im verschneiten Märchenland. Nicht zuletzt neutralisieren sie sich gegenseitig und funktionieren eher als separate Show-Einlage, die stets zur Belustigung zwischen den triefenden Passagen des Herzschmerzes dient. Das hört sich womöglich ärgerlicher an, als dass es wirklich ist. Denn wenn Frozen etwas auszeichnet, dann ist es das Gespür für ausgefeiltes Timing sowie die dynamische Fingerfertigkeit hinsichtlich des Erzählrhythmus. Flashbacks, Subplotz und die Main Quest liefern sich einen mitreißenden Tanz der Emotionen und hangeln sich dabei äußerst angenehm und unauffällig an den konventionellen Bausteinen ihre Gattung entlang.

Ebenso taktvoll schwingt die Modernisierung der Fabel im Hintergrund mit, als wäre es eine absolute Selbstverständlichkeit, dass sich zeitgemäßes Abenteuer und traditionelle Mechanismen spielend miteinander verbünden, um den wahren Zauber dieses liebevoll erzählten Märchens zu garantieren. Damit einhergehend kann es mitunter vorkommen, dass der perfekte Märchenprinz den Laufpass erhält und die toughe Protagonistin selbst die Lösung des zentralen Konflikts in die Hand nimmt. Ein Prinzessin wird heutzutage nur noch von einer anderen gerettet und die männlichen Archetypen fungieren ganz organisch als freiwillige wie unfreiwillige Wegbegleiter oder als notwendige (?) Kontrahenten. Natürlich verabschiedet sich auch Frozen nicht endgültig von (Kindchen-)Schema des Disney-Films, aber vielleicht zeichnet den Fortgang der Handlung gerade seine überschaubare Einfachheit aus, die dennoch mit viel Liebe zum Detail in wunderschöner Farbenpracht die Leinwand erobert. Visuell brodeln in der Inszenierung sowieso einige Leckerbissen – sei es die überwältigende Entstehung eines Eisschlosses oder die rasante Darstellung diverser Gesangseinlagen im belebten Zusammenspiel mit den teils ergreifenden Kompositionen. In diesen Moment balanciert Frozen überzeugend am Abgrund der Klischees, ohne diesem bedingungslos zu verfallen: Ein verzaubernder, smarter wie gelegentlich sogar demontierender Märchen-Hymnus zwischen vertrauten wie peppigen Elemente, garniert mit den wundervollen Stimmen von Kristen Bell und Idina Menzel.


Von Matthias Hopf

Die Eiskönigin – Völlig unverforen © Walt Disney Studios Motion Pictures (2013)
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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  • Uwe H. Anders

    Die Macher des Films haben wohl seit „Rapunzel“ eine Gender-Beauftragte eingestellt. Der Film ist über lange Strecken langweilig und vorhersehbar. Selbst in 3D. Für ein Märchen ist er komplett durchgegendert. Das erkennt man daran, dass Männer im Film durchweg die Rolle des verblödeten Trottels oder des unwichtigen Statisten haben. Sie sind komplett überflüssig gemacht worden.

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