The Hunger Games – Kritik

Die Tribute von Panem - The Hunger Games - Kritik

It all ends betitelte nicht nur in großen Lettern das Poster des letzten Harry Potter-Films, der am 7. Juni des vergangenen Jahres in London seine Premiere feierte, sondern gilt auch für das anstehende Finale der Twilight-Saga, die kommenden November mit Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht – Teil 2 ihren Abschluss findet – vorausgesetzt Reboot- und Remake-Gerüchte werden nicht verwirklicht. Folglich entsteht ein großes Loch in Hollywoods Fantasy-Landschaft, die seit Anbeginn des 21. Jahrhunderts mit bemühten Adaptionen potentieller Romanreihen wie Der goldene Kompass oder Eragon, dieser Lücke vorzubeugen versuchte. Besagte Verfilmungen präsentierten allerdings qualitativ keine neuen Höhepunkte und auch aus finanzieller Sicht war Erfolg nur bedingt gewährleistet. Selbst das Einspielergebnis der bisher dreiteiligen Narnia-Reihe nimmt von Film zu Film stetig ab. Als Die Tribute von Panem – The Hunger Games aber schon im Vorverkauf die Rekordzahlen der Vampir-Filme geschlagen hatte, schien mit Gary Ross‘ filmischer Umsetzung von Susanne Collins‘ düsterer Zukunftsvision aus dieser Sicht ein Twilight-Nachfolger gefunden zu sein – oder sogar mehr?

In einer unbestimmten Zukunft wurde ein Großteil Nordamerikas durch Naturkatastrophen zerstört. Aus den Trümmern der alten Weltmacht entstand das Land Panem, das in 12 Distrikte unterteilt wurde – beherrscht vom Kapitol. Während in den ersten Distrikten Reichtum und Wohlstand regiert, leidet das Volk in den Randbezirken unter Armut und Hunger. Der daraus resultierende Aufstand gegen die Obrigkeit, wurde allerdings zu Gunsten des Kapitols niedergeschlagen. Um die bestehenden Machtverhältnisse zu stärken und zu manifestieren, finden jedes Jahr die sogenannten Hungerspiele statt. Jeder Distrikt muss einen weiblichen und einem männlichen Tribut zwischen 12 und 18 Jahren stellen. Per Losverfahren ausgewählt, kämpfen diese anschließend als Erinnerung an die blutige Insurrektion in einer Arena um Leben und Tod, die dieses Jahr ein von Kameras kontrolliertes Waldterritorium darstellt. Am Ende ist von den 24 Jungen und Mädchen nur noch ein Gewinner übrig. Als das Los im 12. Distrikt auf Primrose Everdeen fällt, meldet sich für diese ihre ältere Schwester Katniss freiwillig. Gemeinsam mit Peeta Mellark, dem männlichen Tribut und unterstützt vom einstigen Hungerspiele-Sieger Haymitch Abernathy beginnt das Ereignis des Jahres.

Wie in jedem ersten Teil einer groß angelegten Geschichte gilt es, das Universum bzw. die Welt der handelnden Figuren zu erklären, um das Publikum mit teils fantastischen Elementen, aber auch den dunklen Abgründen oder bevorstehenden Ereignissen vertraut zu machen. Genau diesen spannenden Prozess inszeniert Regisseur Gary Ross im ersten Akt, indem er die Welt Panems erklärt und Katniss als sympathische Identifikationsfigur gekonnt einführt. Der Zuschauer findet sich dabei schnell in einem Fantasy-Universum wieder, das voller Bezüge zur eigenen Geschichte und Realität steckt. Die Erfassung und Auslosung der Tribute erinnert stark an Deportationen in Konzentrationslager während der NS-Zeit. Auch das Kapitol, im gesellschaftlichen Überdruss lebend, zeigt nicht selten Parallelen zu unserer Welt, wenn im 12. Distrikt Ungerechtigkeit und Ausbeutung herrschen. So wird auf der einen Seite des Tisches über den effektivsten Mord und Totschlag diskutiert, während auf der anderen Seite enttäuschend festgestellt wird, dass von Schokolade ummantelte Erdbeeren noch gar nicht auf den sowieso bereits überreich gedeckten Tisch offeriert wurden.

Selbst wenn das sich nach und nach etablierende Panem nicht nur von innovativen Einfällen strotzt, wird das Geschehen dank ereignisreicher Inszenierung, Einführung vieler Charaktere und einem bestechenden Kostümfundus nicht langweilig. Gary Ross will schließlich allen kulturellen und geschichtlichen Einfluss zum Trotz eine eigene Geschichte erzählen. Folgerichtig wird das Hauptaugenmerk im zweiten Akt ausschließlich auf die Hungerspiele gerichtet, die an sich eine brutale Idee beherbergen: Es geht hier um Jugendliche, die sich gegenseitig umbringen. Frei nach dem Motto Panem et circenses fallen die Kämpfe zwar nicht ganz so blutig und brutal aus, wie zur Hochzeit der Gladiatorenkämpfe im alten Rom, zeigen aber für einen Film mit der Altersfreigabe FSK 12 einen überdurchschnittlichen Härtegrat. Dieser Gewaltgrat wird aber nicht zum Selbstzweck, sondern steht stets im Sinn von Collins dystopischer Buchvorlage und wird von Ross konsequent durchgehalten – es sind ja schließlich tödliche Spiele.

Einhergehend mit dem immer düsterer werdenden Grundton wechselt Ross auch seine Inszenierungstaktik. Wo sich anfangs prächtige Bilder der Leinwand bemächtigen, wie die des reich ausgestatteten Kapitols inklusive einer gigantischen Halle, in der das Volk den Einzug der Tribute mit tosendem Applaus untermauert, werden die Hungerspiele selbst unter anderem mit schlichter Handkamera und weniger pompösen Aufnahmen in Szene gesetzt. Das Waldszenario wird dadurch als gefährlicher Schauplatz effektiv und authentisch gestaltet und bietet eine passende Kulisse für den anstehenden Survival-Trip. Das Spiel kulminiert, wenn die Tribute, darauf konzentriert ihre Kontrahenten auszuschalten, sich auch noch gegen Angriffe von außen wehren müssen. Die Spielleiter greifen nach Belieben in die Situation ein, indem sie die Kandidaten durch Feuerbälle zusammentreiben, die Regeln ändern oder einen einzelnen Kämpfer durch Hilfeleistungen, wie zum Beispiel Nahrung, unterstützen. Um solche Wohltaten zu erhalten, brauchen die Tribute Sponsoren, die dadurch den Verlauf der Spiele steuern können. Die Mediensatire, die sich dahinter verbirgt trifft Ross punktgenau, indem er die (unmenschlichen) Hungerspiele als mediales Großereignis inszeniert.

Zusammen gehalten werden die Ereignisse von einer starken Jennifer Lawrence. Die für Winter’s Bone oscarnominierte Nachwuchs-Darstellerin überzeugt sowohl in den emotionalen, als auch in den actiongeladenen Szenen und erdet die Hungerspiele mit ihrem sympathischen Schauspiel. Dagegen kann Josh Hutcherson nur bedingt ankommen, da ihm Lawrence eindeutig einen Schritt voraus ist. Woody Harrelson spielt auf gewohntem Level routiniert und hat wie der großartige Stanley Tucci sichtlich Spaß am amüsanten Overacting ihrer Figuren – Harrelson darf später sogar noch seinen Charakter ausfeilen. Lenny Kravitz, Elizabeth Banks und Wes Bently bekommen dagegen wenig Zeit zugestanden und bleiben höchsten durch ihre Natürlichkeit (Kravitz), Karikatur (Banks) und Gemeinheit (Bently) in Erinnerung. Dafür bringt Altmeister Donald Sutherland in ebenfalls begrenzter Screentime seinen Präsident Snow für kommende Teile ideal in Stellung und lässt jetzt schon von seinem machthungrigen und rücksichtlosen Charakter Kostproben nehmen. Lobenswert ist dem gesamten Cast anzurechnen, dass trotz gegebenem Overacting der ernste Ton des Films nicht verloren geht.

Auch wenn kleine Schwächen nicht von der Hand zu weisen sind, wie zum Beispiel die üblichen Handlungsstrukturen, die sich gegen Ende der Geschichte breit machen und die damit einhergehende Vernachlässigung der interessanten Dystopie, überwiegen die positiven Argumente eindeutig. Die Tribute von Panem – The Hunger Games ist keine unausgegorene Exposition, sondern ein gelungener Fantasyfilm, der neugierig auf Fortsetzungen macht. Diese sind aufgrund des finanziellen Erfolgs bereits gesetzte Sache und somit besteht nicht die Gefahr, mitten in der Handlung fallen gelassen zu werden, wie es beim finanziellen Misserfolg in Hollywood nicht selten der Fall ist. Gary Ross‘ Hungerspiele sind ein hervorragender Auftakt mit teils unkonventioneller Herangehensweise, erfrischendem Wind im Fantasy-Genre und sorgen daneben auch noch mit spielfreudigem Cast für kurzweilige Unterhaltung.

The Hunger Games © Studiocanal

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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