Django Unchained – Kritik

Django Unchained - Kritik

Django Unchained oder der blutige Weg in die Freiheit

Quentin Tarantino mogelt sich nicht mehr in den Italo-Western, sondern entwirft einfach seinen ganz persönlichen Southern. Das mag zwar genauso blutrünstig wie brachial und brutal erfolgen – brillant ist es trotzdem.

EXT – COUNTRYSIDE – BROILING HOT DAY – Mit diesen Worten eröffnet Quentin Tarantino den finalen Script-Entwurf seiner Italo-Western-Hommage Django Unchained und damit waren bereits im April 2011 zwei wunderschöne Dinge vereint. Der Mann, dessen Begeisterung für das angesprochene Genre fast schon an Obsession grenzt, bewegt sich zum allerersten Mal für einen gesamten Spielfilm im Gebiet der sogenannten Spaghettis. Dass er dieses Metier beherrscht, demonstrierten vereinzelte – aber bemerkenswerte – Referenz-Intermezzi sowohl im Rahmen seiner zweiteiligen Rache-Hymne Kill Bill als auch der explosiven Kriegs-Groteske Inglourious Basterds. Nun erfolgt endlich der lang erwartete Western-Ausflug, den Quentin Tarantino selbst als Southern bezeichnet. Hinein also in die blutrünstigen Zeiten der unerbittlichen Sklaverei, der erbarmungslosen Kopfgeldjäger und sadistischen Gutsbesitzer. Hinein in den kochend heißen Tag, der den furiosen sowie unvermeidbaren Showdown mit Ehrfurcht erwarten lässt.

In der Glut des Südens, dort wo das Leben eines Mannes nur von seiner Nützlichkeit abhängig zu sein scheint. Eben noch als Sklave unmenschlich durch die Prärie getrieben, ist Django (Jamie Foxx) jetzt ein freier Mensch. Diesen Umstand verdankt er Dr. King Schultz (Christoph Waltz), der ihm dieses kostbare Gut jedoch nur zum Austausch ermöglicht hat: Django soll die Brittle-Brüder (Cooper Huckabee, Doc Duhame und M.C. Gainey) für den deutschen Zahnarzt identifizieren, der sich im Anschluss als Kopfgeldjäger offenbart. Doch aus der anfänglichen Zweckbeziehung entwickelt sich fast ein Zustand, der als Freundschaft bezeichnet werden könnte. Daraufhin gilt es gemeinsam Djangos Geliebte Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) aus den Fängen des sadistischen Sklavenhändlers Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) zu befreien. Zwischen Freiheitskampf, Rachefeldzug und einer unbestimmten Reise seitens Dr. Schultz auf dem Weg zur verantwortlichen Selbstfindung, entfaltet sich im Folgenden nicht weniger als die Hölle eines grauenhaften Geschichtskapitels – aufgearbeitet via the Tarantino way of spelling it.

Der blutige Weg in die Freiheit als einmaliges Kunstwerk

Dieses Geschehen gestaltet sich als referenzielle Odyssee, deren Ambition beinahe unmöglich zu erfüllen oder gar zu übertreffen ist. Nicht zuletzt überkommt einen der Eindruck, als hätte Quentin Tarantino einen Streifzug durch sein gigantisches Kulturverständnis unternommen und wollte jedes noch so kleine Details in Django Unchained unterbringen. Doch genau diese Herausforderung macht seinen ersten Southern so interessant. Und wenn wir ehrlich sind, hätte aufgrund dieses Ehrgeizes bisher jeder Film des Kultregisseurs scheitern können. Wie lässt sich das letztendliche Produkt also beschreiben? Rückblickend auf Quentin Tarantinos Filmographie könnte sogar angezweifelt werden, ob er überhaupt einen astreinen Genrefilm inszenieren kann, nicht zuletzt da sich sein Œuvre mitunter als kultureller Streifzug definiert. Auch Django Unchained ist definitiv kein waschechter Italo-Western geworden. Trotzdem atmet er den Geist seiner Vorbilder und bietet darüber hinaus noch viel mehr.

Während ein Aspekt ganz in der Tradition von Werke wie Sergio Corbuccis Navajo Joe und Django steht, entfesselt sich im nächsten Moment ein virtuoses Gemälde, das jegliche Genre-Konventionen hinter sich zurücklässt. Klassische Einstellungen werden mit Blaxploitation-Elementen erweitert und wenn Quentin Tarantino in einem der zahlreichen Showdowns ein Blutbad sondergleichen veranstaltet, dann steht keineswegs ein gewaltverherrlichender Aufstand im Vordergrund. Stattdessen spielt er mit der Ästhetik eines Johnnie Tos, der beispielsweise die finale Konfrontation in Throw Down oder Exiled ebenfalls in atemberaubende Bilder (purer Schönheit) verwandelt. Dazu untermalen die epische Kompositionen von Ennio Morricone das Gezeigte kongenial und spätestens wenn die Stimmen von Soul- und Rap-Legenden James Brown und 2Pac ertönen, ist der faszinierende Strudel von Eindrücken perfekt.

Universale Kinomagie in der Italo-Western-Hommage

Abseits der audiovisuellen Stärken, die übrigens durch prächtige Aufnahmen der großartigen Kulissen unterstützt werden, unterscheidet sich Django Unchained deutlich von Quentin Tarantinos bisherigem Werk und am ehesten taugt der Vergleich mit Inglourious Basterds. Dies mag an erster Stelle auf die erneute Zusammenarbeit mit Christoph Waltz zurückzuführen sein. Während der Mime im Szenario des zweiten Weltkriegs als unberechenbarer SS-Standartenführer Hans Landa agierte, stellt der Kopfgeldjäger-Part eine Entwicklung dar. Die Rolle des diabolischen Antagonisten geht an Leonardo DiCaprio über, und der ehemalige Judenjäger etabliert sich zum Sklavenbefreier, was unterm Strich die facettenreichere Figur ist. Außerdem greift Quentin Tarantino in beiden Filmen aktiv in die Geschichte ein. Während die Kriegs-Groteske durch ein erfolgreiches Hitler-Attentat im Kino seinen Höhepunkt findet, entfacht Django am Ende seines Abenteuers einen ähnlichen Kleinkrieg in Calvin Candies Villa – mit dem Schritt in die (endgültige) Freiheit.

Dieser Kraftakt steht am Ende einer größtenteils linear erzählten Geschichte – ebenfalls fast ein Novum für Quentin Tarantino. Bisher zeichnete sich der Aufbau seiner Filme als kreative Konstruktion verschiedener Episoden beziehungsweise Szenerien aus. ‚Inglourious Basterds‘ bestand beispielsweise nur aus fünf großen Akten, die alle ihre eigene Atmosphäre entwickelten. Django Unchained eröffnet die mannigfaltigen Möglichkeiten des ortsgebundenen Szenarios erst mit der Ankunft in Candyland. Wo zuvor gelegentlich die Stringenz fehlte und die vielen glorreichen Momente teilweise an Stückwerk krankten, zieht Quentin Tarantino spätestens in diesem letzten Kapitel sämtliche Register seines Könnens. Im einfallsreichen, packenden und unterhaltsamen Dialogfeuerwerk läuft das Ensemble zu ungeahnten Höchstformen auf und eine brillante Pointe jagt die nächste. Am Ende hat Quentin Tarantino also nicht nur einen referenziellen Italo-Western gedreht, sondern die universale Kinomagie mit einfallsreichen Mitteln auf Zelluloid gebannt und – ganz zu schweigen von übrigen Raffinessen – seine erste mitreißende Liebesgeschichte erzählt.

Django Unchained © Sony Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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