Everybody Wants Some!! – Kritik

Everybody Wants Some!! - Kritik

Es ist die Momentaufnahme eine Augenblicks, die Richard Linklater nicht loslässt. Immer wieder taucht sie in seinen Filmen auf, manchmal setzen sie sich sogar komplett aus ihr zusammen, wie es zuletzt bei Boyhood der Fall war. Gefilmt über einen Zeitraum von zwölf Jahren verfolgte der US-amerikanische Regisseur die Geschichte des jungen Mason, der am Ende mit den Augen eines Erwachsenen Richtung Horizont blickt. So allumfassend diese Geschichte scheint, unterm Strich setzt sie sich lediglich aus einzelnen Impressionen zusammen, die sorgfältig zusammengesetzt und gegenübergestellt werden. Kurze Abschnitte, direkt aus dem Leben gegriffen, die gleichermaßen bedeutungsvoll wie irrelevant auf der großen Leinwand erscheinen. Ein Ungleichgewicht zwischen den normalen und den besonderen Stationen im Leben herrscht trotzdem nicht, denn für Richard Linklater bleibt selbst der (vermeintlich) unbedeutendste Augenblick ein aufregendes Ereignis, das keinesfalls verpasst werden darf.

In Anbetracht dieser Einstellung ist es kein Wunder, dass sich sein jüngstes Werk, Everybody Wants Some!!, fast ausschließlich um einen solch unscheinbaren Moment dreht. Wie bereits in Dazed and Confused, dem Vorgänger im Geiste, geht es hier um nichts und schlussendlich trotzdem alles. Erneut schafft Richard Linklater eine außergewöhnliche Momentaufnahme, die den kleinen großen Posen frönt und sie leidenschaftlich auslebt, gleichzeitig aber nie künstlich oder gar gezwungen wirkt. Jedes Zucken dieser Anekdote über ein paar Jungs, die Bier trinken, Baseball spielen und in den verlockenden Untiefen der 1980er Jahre versinken, findet mit spielender Leichtigkeit seinen Weg in den Film, selbst wenn das Gezeigte auf den ersten Blick einem Gedankenstrom des Belanglosen gleicht. Doch gerade in dieser unauffälligen Geste entdeckt Richard Linklater Gewaltiges. Manchmal passiert es in romantisierter Form, manchmal ganz bescheiden: Wichtig ist, dass es die Entdeckung nie zur Behauptung verkommt und kränkende Leere Einzug in die schwelgende Erinnerung an jenes Sommerwochenende erhält, um das sich in Everybody Wants Some!! alles dreht.

Dabei gelingt es Richard Linklater gekonnt, die Geschichte in den ersten Minuten des Films vollständig aus der Welt auszuklinken und eine kleine Utopie zu schaffen, in der ein schüchterner Liebesbrief alles bedeuten kann, obwohl zuvor der größte Macho im Raum das Sagen hatte. Everybody Wants Some!! ist ein unglaublich befreiter Film, fast so zügellos entspannt und euphorisch wie Magic Mike XXL im vergangenen Jahr. Jeglicher Konflikt scheint in ein anderes Universum verbannt worden zu sein, so ziellos plätschert das Geschehen vor sich her. Auf einmal wird der unendliche Sommertag bei 30 Grad im Schatten zur Wirklichkeit im klimatisierten Kinosaal, aus dem es kein Entkommen gibt. Denn Everybody Wants Some!! – und hier findet sich die zweite Gemeinsamkeit mit Channing Tatums Magic Mike-Zugabe – ist vor allem eines, nämlich bemerkenswert einnehmend. Egal wie Bedeutungslos die Gespräche auf dem Baseballfeld anmuten: Richard Linklater beobachtet seine Figuren sehr genau bei allem, was sie tun, wie sie reden, wie sie sich bewegen. Da kann eine einfache Trainingseinheit, die anderswo binnen weniger Minuten und im Rahmen einer Montage abgearbeitet worden wäre, zum Centerpiece eines ganzen Aktes werden, wenn sich das Ensemble rund um den von Blake Jenner verkörperten Jake über das Grün des Rasens quält – und es ist ein Fest!

Was Richard Linklater in diesen Szenen hervorragend gelingt, ist die Koordination der Figuren, die sich zumeist alle auf einem Haufen befinden, mag es in der Disco oder auf dem Spielfeld sein. Überall steht jemand herum, weiß nicht, was er mit sich anfangen soll und wartet nur auf ein Stichwort, um sich ins Gespräch einzuklinken. Im gleichen Atemzug wollen sich die einzelnen Archetypen – und Richard Linklater versammelt in Everbody Wants Some!! wirklich nur die Crème de la Crème dieser Halbstarken, die sich gänzlich dem Zeitgeist der 1980er Jahre unterworfen haben – stets in einem Spiel überbieten, das keine Konsequenzen hat, da der Spielstand am nächsten Morgen wieder auf Null zurückgesetzt wird. Wohin diese Irrfahrt führen soll? Vermutlich weiß es nicht einmal Richard Linklater selbst. Zum Schluss wagt er dennoch einen Schritt zurück, um sich zu sammeln. Zwei überaus amüsante Stunden lang erweckt Everybody Wants Some!! die Illusion von Schwerelosigkeit. In den finalen Minuten offenbaren sich dann jedoch Melancholie und Tragik, denn auch dieses eine Sommerwochenende wird in einem Montag münden. Ein zufriedenes Lächeln nach all der Anstrengung im Nichtstun gibt es trotzdem – und genauso wie Mason blickt Jake optimistisch seiner Zukunft entgegen.

Everybody Wants Some!! © Constantin Film

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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