Finding Dory – Kritik

Finding Dory - Kritik

Das Kino scheint an einem Punkt angekommen zu sein, an dem selbst die Fortsetzungen der erfolgreichsten Blockbuster vergangener Jahre keine sichere Bank mehr sind. Stürmte Alice in Wonderland seinerzeit schnurstracks über die goldene Milliarde am Box Office, kann das Sequel, Alice Through the Looking Glass, aktuell in dieser Richtung kaum noch Akzente setzen. Ein ähnliches Schicksal teilen sich anderweitige Fortführung altbekannter Geschichten, von deren nächstes Kapitel offensichtlich niemand jemals erfahren wollte.

Ausgerechnet in dieser Zeit der niederschmetternden Berichte über das Kino der Nachfolgefilme meldet sich Pixar, jenes Animationsstudio, das selbst unter dem Hausdach von Disney mit ein paar Abstrichen die kreative Fahne hochhält, wie jüngst Inside Out bewies, mit dem zweiten Teil einer populären Originalidee zurück: Auf Finding Nemo folgt Finding Dory – und alleine die simple Variation im Titel lässt den endgültigen Ausverkaufs einen Studios erwarten, das sich bis zuletzt noch recht gekonnt gegen die unermüdlich anhaltende Flut überflüssiger Sequels auf der großen Leinwand zur Wehr gesetzt hat. Entgegengesetzt dieser Erwartungshaltung entpuppt sich die Suche nach dem titelgebenden Doktorfisch jedoch als alles andere als überflüssig. Finding Dory ist essenziell.

So logisch im Nachhinein die Fortsetzungen von Toy Story wirken und so nett die Prequel-Idee von Monster Inc. gedacht ist: Ein zweites Leben von Findingy Nemo gleicht einem kleinen Attentat auf das unberührte, reine Herz der Pixar-Meilensteine. Wie sollte die Geschichte rund um Nemo (Hayden Rolence), Marlin (Albert Brooks) und Dory (Ellen DeGeneres) weitergehen, wo sie 13 Jahren von Andrew Stanton und Ko-Regisseur Angus MacLane bereits im Rahmen von 100 zum perfekten Abschluss gebracht wurde? Der Gesuchte ward gefunden, ein aufregendes Abenteuer voller Gefahren und unerwarteter Begegnungen erlebt. Natürlich ist die Verlockung groß, sich erneut in den unendlichen Weiten dieses Ozeans zu verlieren, doch vermutlich ist die Erinnerung an das Erlebte der größere Schatz.

Und tatsächlich: In vielen Augenblicken besinnt sich Finding Dory fast ausschließlich auf diese Erinnerung, jenes nostalgische Gefühl, das für Blockbuster à la Star Wars: The Force Awakens, Jurassic World und Independence Day: Resurgence mittlerweile zum obligatorischen (wie überlebensnotwendigen?) Bestandteil geworden ist. Zahlreiche Motive des Films finden in beinahe unveränderter Form ihren Weg zurück ins bunte Korallenriff – angefangen bei den vertrauten Klängen von Mr. Rays (Bob Peterson) belehrenden Gesangseinlagen über einzelne Bewegungsabläufe in der Figurenanimation bis hin zum referenziellen Nummernrevue beliebter Pointen, die unlängst Einzug ins popkulturelle Gedächtnis erlangt haben.

Finding Dory fühlt sich daher unheimlich vertraut an und weiß dank charmanter Aufbereitung ein Gros dieser schwelgerischen Parade auf der Habenseite zu verzeichnen, denn der Motor, die emotionale Bandbreite des Geschehens, übertrifft die Wiederholung auf der Oberfläche um längen. Zuerst sind es noch Anspielungen auf einer verspielten Metaebene, die zum wahren Kern von Finding Dory hinführen – etwa, wenn Marlin gleichermaßen schockiert wie empört darauf reagiert, als seine vergessliche Weggefährtin einen zweiten Ausflug in den Abgrund vorschlägt, als würde es sich dabei um etwas handeln, das Spaß macht und mit Leichtigkeit zu bezwingen ist. Doch dahinter steckt viel mehr, wenngleich sich ein erneuter „Just keep swimming“-Einwurf auf den ersten Blick müdem Fanservice gleicht.

Natürlich gab es diese Aussage in ähnlicher Form bereits und der damit verbundenen Konflikt – naive Sorglosigkeit und Lebensfreude vs. ungesunde Vorsichtsmaßnahmen aufgrund verheerender Erfahrungen – wurde ebenfalls durchexerziert. Finding Dory nutzt solche Momente allerdings geschickt als Sprungbrett inklusive Reflexion, um sich daraufhin ins Ungewisse zu stürzen. Und dann ist da auf einmal dieses Problem, diese Panik, diese Angst. Ganz konkret formuliert Dory ihre Befürchtung im Opening, das kurzen Einblick in ihr früheres Leben gewährt, gegenüber ihren Eltern: „What if I forget you? Would you ever forget me?“ Eine harmlose Frage, die Finding Nemo noch mit einer von Marlins bemühten Erklärungen mehr oder weniger elegant beantwortet worden wäre.

Unterdessen hat der Clownfisch-Vater aber aus der Vergangenheit gelernt, dass es im Leben nicht nur darum geht, sich das Grauen schönzureden, sondern die Konfrontation mit selbigem eine unvermeidbare ist. Finding Dory ist – wie zuletzt auch Inside Out – eine direkte Auseinandersetzung mit diesem undefinierbaren Gefühl, gegen etwas anzukämpfen, das man nicht greifen kann, obwohl es eine akute wie unberechenbare Bedrohung darstellt. Andrew Stanton und Victoria Strouse finden einen einfachen wie präzisen Ansatz, um die komplexen Dinge aufzubereiten, die in den Köpfen der Figuren vorgehen – alleine die visuelle Übersetzung von Dorys unbändigbarer Natur gleicht einem ausgereiften Meisterwerk der Animationskunst.

Mimik und Gestik wurden selten so punktgenau in einem Animationsfilm umgesetzt wie in Finding Dory. Manchmal erzählen die Körperhaltungen im Bild völlig unabhängig vom Gesagten eine Geschichte, die den Themenkomplex um eine subtile Eben erweitert, manchmal sekundiert das Gezeigte aber auch schlicht die dramatischen Geschehnisse, sodass binnen weniger Minuten ein gigantisches Spektrum an Emotionen von Zuschauer aller Altersgruppen problemlos erschlossen werden kann. Trotz der Distanz zur Animation und dem Animalischen bietet Finding Dory tiefgreifendes Identifikationspotential, sowohl die Figuren als auch deren Konflikte betreffend. Gelegentlich mag zwar bloß die Pointe einer Slapstick-Einlage im Vordergrund stehen, dennoch verbirgt sich stets etwas Relevantes unter der Oberfläche.

Im besten Fall fliegt dann ein voller freudiger Erwartung und Aufregung grinsender Doktorfisch in Zeitlupe durch die Gegend, während sich die Stimmen von Sigourney Weaver und Louis Armstrong im Ausblick auf eine bessere Welt vereinen. In dieser Sekunde ist Dory tragische Figur und rettender Anker zugleich und die Fragestellung wird umgedreht: „What would Dory do?“, heißt es, als Marlin und Nemo verzweifelt nach einem Ausweg aus einer misslichen Lage suchen. Denn Dory verkörpert nicht die Leidende, die sich allem Unheil unterwirft. Nein, sie nimmt die Sache selbst in die Hand, steht nicht als Opfer auf Seiten der Verlierer, sondern setzt ihren eigenen – mitunter brillanten – Kopf durch, egal wie unorthodox ihre Vorgehensweise dabei auch sein mag.

Am Ende gewinnt Dory, denn sie wagt den erneuten Schritt in den Abgrund – und das sicherlich nicht, weil sie sich an etwaige Gefahren nicht mehr erinnern kann, sondern weil sie tief in ihrem Inneren genau weiß, dass es sich lohnt, dieses Wagnis einzugehen. Da kann sich Finding Dory noch so blind auf altbekannte Plotbausteine verlassen: Gegen das lebensbejahende wie ansteckende Selbstbewusstsein dieses Films kommt nur wenig an.

Finding Dory © Disney/Pixar

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias


  • epaz edace

    Bitte helfen Sie mir ..
    Ich will diesen Film zu sehen ..

    • edad dagef

      in den Kinos

      • epaz edace

        Informationen dank Freund ..
        Ich bin sehr glücklich, endlich in der Lage sein, diesen Film zu sehen.
        Sie sind ein guter Freund

        • edad dagef

          das Diesen Film Begleiter genießen

YOU MAY LIKE