Foxcatcher – Kritik

Foxcatcher - Kritik

A blast of silence: Der Dialog ist es mit Sicherheit nicht, der in Bennett Millers jüngstem Werk, im Vordergrund steht. Das gesprochene Wort dient der Zweckmäßigkeit und verliert sich in dieser Position nicht einmal in ausschweifenden Erklärungen. Maximal eine subtile Andeutung in einem Nebensatz entwischt dem Mund von John Du Pont (überragend: Steve Carell). Ansonsten blickt er observierend durch eine Fensterscheibe und beobachtet – nahezu regungslos – wie ein Wagen mit offener Heckklappe den Weg hinauf zu seinem Anwesen erklimmt. Ein Augenblick absoluter Ruhe, der einer erhabenen wie Geste voller Würde gleicht. Gleichzeitig vermag nicht einmal der rote Lack des Wagens die nebelig-diesige Grundstimmung zu durchbrechen, die Foxcatcher von der ersten Einstellung an aufbaut. Der Lack ist verblasst, hat seinen hervorstechenden Kampfgeist verloren – genauso wie Mark Schultz (überragend: Channing Tatum). Obgleich er 1984 von den Olympischen Spielen in Los Angeles als stolzer Goldmedaillengewinner nach Hause zurückkehrte, hat sich der Profisportler in alltäglicher Redundanz und Tristesse verloren. Jetzt klatschen nur noch Körper auf Körper und vom Dialog fehlt weiterhin jegliche Spur. Sein Bruder, David (überragend: Mark Ruffalo), vermag es trotz mehrfacher Nachfrage nicht, das Schweigen zu brechen.

Es ist also eine unheimliche bis unangenehme Stille, die sämtliche Figuren in Foxcatcher verfolgt und im gleichen Atemzug nach vorne treibt. Aus irgendeinem Grund liefert jener Atemzug beim Joggen in eisiger Kälter, das Luftholen vor der nächsten Kollision durchtrainierter Körpermassen sowie das Verschnaufen nach dem intensiven Gerangel ausreichend Motivation, um weiterzumachen, ja, sogar, um sich auf das Unbekannte einzulassen. Nicht zuletzt birgt dieses gewisse Unbekannte auch etwas Verheißungsvolles in sich und so schiebt sich John Du Pont – seines Zeichens ein einflussreicher Millionär mit scheinbar unbegrenzten Ressourcen und Beziehungen – wie ein Keil in die kleine Welt zweier Brüder, die zumindest für den einen funktioniert(e). Der andere pendelt verloren von Trainingseinheit zu Trainingseinheit und wartete regelrecht darauf, aus der großen Depression befreit zu werden. Allerdings unwissend, dass der Lichtblick nach Freiheit nur noch tiefer in die Stille dieses nebelig-diesigen Wunderlandes hineinführt. Anfangs passiert es unbemerkt, später keimt ein Gedanke des Entkommens resultierend aus Versagen. Am Ende wartet jedoch betäubende Abhängigkeit und verheerendes Unvermögen, um auszubrechen.

Und dann setzt sie wieder ein, diese unheimliche bis unangenehme Stille. Ein Stille, in der nur Blicke gewechselt werden. Komplett erledigt von der Angst versagt zu haben, strampelt Mark mit voller Power die letzten Kräfte aus seinem Leib, während zwischen seinem Bruder und John Du Pont, der mittlerweile unlängst als (ungewollter) Father in die Beziehung getreten ist, ein nicht ganz reibungsloses Gespräch vonstattengeht. Was der exakte Gegenstand erwähnter Diskussion ist, lässt Bennett Miller nicht durchblicken. Viel wichtiger ist das Funkeln in den sterbenden Augen der Männer, die sich bedingungslos dem Physischen verschrieben haben, obwohl die Gefahr im Psychischen lauert. In den intimen Momenten – und eigentlich ist jede Sekunde in Foxcatcher die unterkühlte Sezierung eines solchen Augenblicks – gibt es ein Rangeln von entscheidendem wie poetischem Ausmaß. Während federleicht der Schnee den Ort des Geschehens in ein unheilvolles Wintermärchen verwandelt, existiert in den Räumen entweder grelles Neonlicht oder die durch Vorhänge und Wolken verblasste Kraft der Sonne. Und eine bestimmte Frage, nämlich die, wie es dem Gegenüber geht. Die Antwort bleibt vorzugsweise aus oder formt sich aus obligatorischen Satzbausteinen, das große Ziel betreffend.

Eine Goldmedaille in Seoul gewinnen – so das Credo von John Du Pont, mit dem er Marks und später auch Daves Kooperation gewinnt. Eine Kampfansage gegen die eigene Mutter (Vanessa Radgrace), die voller Stolz und Begeisterung für den Reitsport herablassend auf das erniedrigende Hobby ihres Sohnes – das Wrestling – herabblickt: Zweifelsohne einer der offensichtlicheren Konflikte in Foxcatcher, dem Bennett Miller allerdings mit keiner konventionellen Visualisierung des Dramas frönt. Stattdessen überlässt er Kameramann Greig Fraser, der bereits Zero Dark Thirty in atemberaubende Bilder hüllte, sowie den zwei Komponisten, Rob Simonsen und West Dylan Thordson, die atmosphärische Ausgestaltung der Geschehnisse. Auf gewisse Weiße bedeutet Foxcatcher in etwas Befremdliches einzutauchen, genauso wie das zentrale Brüderpaar, das sich in einem Prozess verliert, dessen Ende (ungeachtet des Vorwissens tatsächlicher Ereignisse) genauso unmittelbar wie unvorhersehbar eintrifft. Plötzlich nimmt die ungewisse Aura des unabwendbaren Zerfalls furchteinflößende Form an und entfaltet sich mit (selbst)zerstörerischer Kraft. Jedoch ohne hämmerndes Pochen oder den Knall eindringlicher Laute zum Schluss, denn das Erschütternde bleibt bis in die finalen Minuten der Blickwechsel in vollkommener Stille. A Blast of silence.

Foxcatcher © Sony Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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