Frances Ha – Kritik

Frances Ha (Noah Baumbach, 2012)

Auf die Paul McCartneys poetische Worte folgt David Bowies Modern Love und natürlich darf neben diversen Werken von George Delerue eine ordentliche Portion Rolling Stones nicht fehlen. Gerade in diesem Augenblick, wenn die verschiedenen Stimmungen der Songs genannter Interpreten mit Noah Baumbachs New York-Odyssee im wunderschönen Schwarz-weiß der Inszenierung verschmelzen, vermischt Frances Ha den Geist der Nouvelle Vague mit Woody Allens früherem Œuvre. Herauskommt eine federleichte und dennoch tieftraurige, ergreifende und unerträglich ehrliche Geschichte des Erwachsenwerdens – selbst wenn dieser Begriff im Endeffekt genauso formelhaft wie klischeebeladen im Rahmen entsprechender Komödien konnotiert ist. Tatsächlich gehört der Film mit der unglaublich großartigen Greta Gerwig als titelgebende Protagonistin zu den wenigen Ausnahmen des Genres, die sich auf der Suche nach einer Wohnung respektive einem Platz im Leben nicht in den mittlerweile viel zu regelmäßig auftretenden Konventionen des Independentfilms verläuft.

Völlig entgegengesetzt der klaren Bildsprache des Films ist das Leben von Frances Halladay von Unsicherheit sowie Existenzängsten geprägt und trotzdem versprüht ihre Person pure Lebensfreude. Womöglich gehört sie sogar zu einer der orientierungslosen Figuren, wie sie dieses Kinojahr bereits mehrfach zu sehen waren – egal ob im fortschreitenden Alter Rom zum Mysterium der Schönheit avanciert (La Grande Bellezza), Los Angeles als Spielwiese zum rastlosen Überleben fungiert (The Bling Ring) oder sich vier Mädchen an den grellen Neon-Stränden Floridas verlieren (Spring Breakers). Die Tragik des Zerbrechlichkeit dieser Welt schwingt auch in Frances Ha mit. Wenngleich Noah Baumbach hinsichtlich der drei genannten Filme eine ganz eigene Atmosphäre erschafft, die verzaubernd clever, unheimlich authentisch sowie beängstigend einnehmend selbst das nächtliche Paris als Ort des ungewissen Wartens erscheinen lässt. Ein kleiner urbaner Epos über die Liebe und das Leben, der bis hin zu seinem detailverliebten sowie liebevollen Erzählton unbezahlbar ist. Incredibly powerful!

Von Matthias Hopf

Frances Ha © MFA
Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias


  • Zustimmung! Aber „unerträglich ehrlich“? Ich finde ihn gerade wegen der Ehrlichkeit so erträglich! 😉

    Endgültig hatte mich der Film übrigens, als Paris so komplett gegen das übliche Klischee gebürstet wurde. Du erwähnst es.

    http://bit.ly/12SwgV1

    • Das Kapitel in Paris war wirklich überragend. Also so wie der ganze Film. Aber eben aufgrund der bissigen Dekonstruktion noch ein bisschen mehr.

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