Game of Thrones & die betäubende Stille vor dem Sprung

Game of Thrones & die betäubende Stille vor dem Sprung

Als ich mich vor ein paar Tagen mit einem Kollegen im Büro über das Finale der sechsten Staffel von Game of Thrones unterhielt, kam auch die Frage nach der schockierendsten Szene jener Episode auf, die uns in die viel zu lange Wartezeit vor dem Start der nächsten Runde entlassen hat. Schnell waren die spektakulären Momente von The Winds of Winter aufgezählt, die jetzt schon ihren Platz im popkulturellen Gedächtnis gefunden haben. Als großer Schock sollte sich im Nachhinein jedoch keines dieser Highlights offenbaren – denn dieser Eigenschaft war einem kleineren, viel unscheinbareren, dafür aber umso erschreckenderem Augenblick gegönnt: Der Selbstmord Tommens.

Entgegen heroischem Pathos, epischer Musik und sezierender Zeitlupenaufnahmen ist es nur eine schlichte Einstellung, die den Blick durch ein Fenster auf King’s Landing freigibt. Die Sonne scheint und die Kamera verliert sich sorglos im idyllischen Ausblick auf die Stadt, der die Rauchschwaden nach der Zerstörung durch das Wildfire-Attentat fast vergessen lässt. Doch dann läuft Tommen wieder ins Bild, steigt auf den Fenstersims und lässt sich fallen. Nicht einmal zehn Sekunden nimmt diese Abfolge in der mit 69-minütigen Episode in Anspruch – ein kurzer Blick, der sich dem Gezeigten abwendet, könnte genügen, um alles zu verpassen. Und tatsächlich: Mein Kollege, mit dem ich mich ins Gespräch vertieft habe, erzählt, dass er beim Schauen zurückspulen musste, da er sich ablenken hat lassen und erst zu einem späteren Zeitpunkt realisierte, was eigentlich geschehen war.

Tommens Selbstmord kommt allerdings nicht aus dem Nichts – ganz im Gegenteil: Es ist die schreiend stille Kulmination aller vorherigen Geschehnisse, die der Junge durchleiden musste, der eigentlich nie König sein wollte. Von Anfang an wie eine Marionette hin und her geschubst und stets von falschen Freunden umgeben, war es zum Schluss die Erkenntnis, dass ihn seine eigene Mutter verraten hat und darüber hinaus zu noch viel grausameren Taten ohne Einsicht auf ein schlechtes Gewissen in der Lage ist. In Anbetracht dieser Umstände fehlen selbst den Autoren, die in Game of Thrones sonst so oft für geschliffene Dialoge sorgen, die richtigen Worte. Wenn sich das Schicksal einer der wohl tragischsten Figuren im Lied von Eis und Feuer dem Ende neigt, existieren – abseits eines nach Trost und Geborgenheit ruderndem „Very sorry“ – nur noch die Blicke und Gesten.

Niemand macht den Mund auf, ein Handzeichen alleine reicht, um die Richtung für das Bevorstehende vorzugeben. Selbst Ramin Djawadis Soundtrack hält für den Bruchteil einer Sekunden den Atem an, wenn Tommen seinem Widersacher, dem von Cersei geschickten Mountain, mit erstarrter Mine begegnet. Schweigend nimmt der seinen Status quo zur Kenntnis und dann setzt es ein, dieses betäubende Gefühl, das jeglichen Ausbruch an Emotionen verwehrt. Tommens Züge gefrieren und werden sich nie wieder aus dieser Starre lösen. Denn dann gibt es für ihn keinen anderen Ausweg mehr außer dem endgültigen. Das Schloss fällt in die Tür und als wäre er mechanisch getrieben, bewegt sich Tommen zum Fenster. Lediglich das Schreien der Möwen vom Meer und die monoton neutralen Schritte der Stiefel über den Steinboden sind zu vernehmen.

Der nächste Geräusch, das danach in den Vordergrund spielt, gleicht bitterer Ironie. „For House Lannister“, lautet der Toast im Szenenübergang, der von einer abstoßenden Meute jubelndem Gegröle empfangen wird. Der Aufschlag von Tommens Körper scheint nicht stattgefunden zu haben. Und dennoch ist da auf einmal diese gewaltige Leere, die niemand leugnen, obgleich man sie nicht greifen kann. Tröstend ist lediglich das Wissen, dass Tommen selbst die Krone abgesetzt hat, mit der er sich nie identifizieren konnte. Die Akzeptanz, die mit dieses Gestus einhergeht, macht mir trotzdem Angst – wie so viele dieser leisen Zwischentöne, die Game of Thrones abseits des lautstarken Schlachtgetümmels im Rahmen der sechsten Staffel angeschlagen hat und für nachhaltige Albträume sorgte.

Game of Thrones © HBO

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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  • Oh, die Szene war großartig. Einfach, weil sie einerseits so ein heftiger Kontrast zu allem davor war, andererseits weil es der Hilflosigkeit, die dieser Junge durchgemacht hat, so perfekt Ausdruck verleiht. Marionetten gehen leise, selbst wenn sie König sind.

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