Goodbye, Dragon Inn – Kritik

Goodbye, Dragon Inn - Kritik

„Do you know this theater is haunted?“, fragt der eine Mann den anderen, als sie sich im Schatten der Gänge begegnen, während im Hintergrund ganz leise die Tonspur von King Hus Klassiker Dragon Inn aus dem Jahrs 1967 zu vernehmen ist. Es folgt eine längere Pause, ehe der bruchstückhafte Dialog fortgesetzt wird und sich die Wege der Sprechenden trennen. Ansonsten herrscht überwiegend Stille in Goodbye, Dragon Inn. Tsai Ming-liang beobachtet die Geister des Kinos – bereits in der ersten Einstellung späht die Kamera geradezu verängstigt durch einen Vorhang in den großen Saal, der dank des ratternden Projektors aus der Ferne in einem magischen Licht versinkt. Anfangs sind die Reihen gefüllt. Später am Abend, wenn der Regen unaufhörlich auf das Dach prasselt, zieht sich eine unheimliche Leere durch den Raum – unter Umständen befinden sich mehr Besucher auf der Toilette, anstelle den bewegten Bildern zu folgen, die von aufwirbelnden Bewegungen berichten.

Furiose Schwerkämpfe und peitschende Pfeile erobern die Leinwand – es ist atemberaubend und rührt in seiner Erhabenheit zu Tränen. Die Kamera von Goodbye, Dragon Inn bleibt dennoch eine ruhige, eine statische, die sich kaum bewegt, sondern wie gebannt in die Dunkelheit starrt. Es herrscht eine trostlose Einsamkeit und trotzdem kleben die Menschen, die unheimlich durch die Räume wandern, stets auf einem Haufen. In Anbetracht unzähliger Sitze und der ewigen Weite finden sich die verlorenen Seelen früher oder später im gleichen Frame wieder, als würden sie sich gleichermaßen abstoßen wie anziehen. Gleitende Begegnungen am Ende einer Ãra, von der schon bald die Erinnerung das Lebendigste sein wird. „No one goes to the movies anymore, and no one remembers us anymore“, klagt der ehemalige Star, als er auf einen alten Kollegen trifft, der sich zufällig mit seinem Enkel in die Spätvorstellung verirrt hat. Kur drauf führt ein elektrischer Rolladen herunter und verschließt das Tor der Träume.

Goodbye, Dragon Inn strahlt eine unbeschreibliche Sehnsucht nach etwas Vergangenem aus und fasziniert mit seiner bescheidenen Begeisterung für ein Medium, das trotz strahlender Lichter an Relevanz verloren hat. Ein bisschen irritiert der berührende Abgesang allerdings ebenso, ist Goodybe, Dragon Inn nicht zuletzt selbst Zeugnis der absoluten Vitalität des Kinos. So aufrichtig Tsai Ming-liang das Gefühl eines tragischen Endes heraufbeschwört, wird er sich eines Tages eingestehen müssen, dass es ein Film wie Goodbye, Dragon Inn ist, der die Menschen immer und immer wieder zusammenbringt. Wenige Minuten vergehen, da avanciert das Gezeigte zum Spiegelbild eines jeden Kinosaal inklusive der unbeständigen Geräuschkulisse, die gleichermaßen frustriert wie entspannt. Sticht das Rascheln der Plastiktüte zuerst noch unangenehm aus der stillen Einheit heraus, reiht es sich wenige Momente danach in einen unscheinbare Rhythmus, der Goodbye, Dragon Inn trotz lebloser (?) Kinogeister einen gewissen Pulsschlag verleiht.

Bei all den merkwürdigen bis amüsanten Ereignissen offenbart sich die letzte Vorstellung von Dragon Inn aber vor allem als ein Ort des Kommen und Gehen; eine wahrlich außergewöhnliche Interpretation, verbinden wir mit der Projektion eines Films für gewöhnlich das gebannte Starren, wie es etwa der erwähnte Enkel vormacht. Mit großen, staunenden Augen versinkt er im Sessel und träumt mit dem Leinwandabenteuer. Die übrigen Besucher rotieren stattdessen in aller Ruhe und Gelassenheit durch die Reihen, als würden sie innerlich von einer unbestimmten Rastlosigkeit angetrieben werden, die eine eigenartige Unruhe versprüht. Plötzlich verwandelt sich das Kino von einer Stätte des Beobachtens in eine Stätte des Suchens – so, wie die junge Frau vom Ticketschalter mhsam durch den Flur schreitet, auf der Suche nach dem Filmvorführer. Dieser scheint wie vom Erdboden verschluckt und dennoch läuft der Film tadellos, unaufhaltsam – mit der gleichen Unaufhaltsamkeit, wie er sich dem Ende, dem Abspann nähert. Niemand kann etwas dagegen tun. 

In Berlin gibt es die Filme von Tsai Ming-liang aktuell im Rahmen einer schönen Retrospektive zu sehen.

Goodbye, Dragon Inn © Homegreen Films

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.