The Grand Budapest Hotel – Kritik

The Grand Budapest Hotel - Kritik

Es beginnt wie ein Märchen: Verspielt, einfallsreich und in seiner Liebe zum Detail unwiderstehlich. Als würde Wes Anderson die erste Seite eines Romans aus der Feder von Thomas Mann aufschlagen, blättert ein junges Mädchen im einleitenden Kapitel ihrer Lektüre um. Auf jenen Seiten schildert der unbekannte Verfasser von einer Schreibblockade und wie ihm selbige auf unerwartete Weise genommen wurde. Plötzlich katapultieren die bewegten Bilder das Geschehen vom Jahr 1985 in die 1960er Jahre und ehe das titelgebende sowie zu dieser Zeit bereits heruntergekommene und beinahe ausgestorbene Grand Budapest Hotel zum Leben erwacht, stolpert die Erzählung in die dritte Zeitebene: Zubrowka, 1932. Es ist der Vorabend des Krieges. Die Welt blickt ins Angesicht ihres eigenen Untergangs und dennoch lässt das turbulente Alltagstreiben im zentralen Handlungsschauplatz kaum etwas von der bevorstehenden Katastrophe erahnen. Eine Figur nach der anderen passiert die Pforte des Grand Budapest Hotels, betritt die fulminante Lobby des traditionsreichen Anwesens und verliert sich in der Gastfreundschaft von Monsieur Gustave H. (Ralph Fiennes) respektive dem Herr des ultimativen Puppenhauses von Wes Anderson.

Verträumt geleitet Alexandre Desplats lebendiges Tonspiel die Kamera durch die verschiedenen Stilistiken er narrativen Diegesen, bis sich das Werk schließlich im Seitenverhältnis 4:3 wieder findet. Ein ausgefeiltes Spiel der Formen und Strukturen, als hätte Suzy (Kara Hayward) aus Moonrise Kingdom niemals damit aufgehört, Aufbau und Besetzung von Benjamin Buttons The Young Person’s Guide to the Orchestra zu analysieren. Sorgfältig bewegt sich Wes Anderson durch die Räume seines Märchenschlosses und würde liebend gerne die Geschichte eines jeden Kunstwerks im Hintergrund erzählen. Geometrische Bildkompositionen suchen stets den entscheidenden Fluchtpunkt in der Szenerie, umkreisen diesen oder betrachten ihn gänzlich unerkannt aus einer Ecke abseits der Geschehnisse. Ein Augenschmaus hinsichtlich der dekorativen Vielfalt, der dezent aberwitzig bis vollkommen absurden Einfälle und der eigensinnige Inszenierung vorgestellter Konflikte: Im Grunde geht es hier um nichts und trotzdem steht für die beteiligten Gestalten alles auf dem Spiel. Junge mit Apfel – so die namentliche Definition des MacGuffins, der hinsichtlich seiner Interpretationsmöglichkeit wahrhaftig den Exkurs in jegliches denkbare Genre ermöglicht.

Während man eben noch auf der zweiten Zeitebene in nostalgischen Erinnerungen schwelgte, ereignet sich im Kernplot eine Verfolgungsjagd im Schnee, wie sie selbst in einem James Bond-Film kaum spektakulärer erfolgen könnte. Wes Anderson schickt seine Figuren im straffen – geradezu rasendem – Erzähltempo durch sein kunterbuntes Labyrinth des unbändigen Ideen-, Zitate- und Referenzreichtums. Das große Kunststück dieser furiosen Schnitzeljagd bleibt der dynamische Ablauf, resultierend aus dem präzise abgestimmten Zusammenspiel sämtlicher Komponenten. Allen voran fungiert der virtuose Score als treibende Kraft, die nicht nur nach vorne stürmt, sondern pointiert die detailreiche Ausgestaltung sekundiert. Obwohl die Abschweifungen inklusive ihrer fragwürdigen Existenzberechtigung gelegentlich knapp am Selbstzweck vorbeischrammen, verkommt The Grand Budapest Hotel nicht zur unkonzentrierten Angelegenheit. Wes Anderson war schon immer ein Regisseur, der den Worten seiner Figuren mit der gleichen Aufmerksamkeit begegnete, mit der er ebenfalls das Vinyl im Plattenspieler betrachtete und nicht zuletzt aus diesem gewagt bis belanglosem Spagat einen einzigartigen Charme entwickelte.

Wenn Willem Dafoe als unermüdlicher Berserker, Auftragskiller und Bodyguard mit stummer Mime Jeff Goldblums Anwalt inklusive seiner Katze (!) in den Wahnsinn treibt, avanciert dieser Exkurs zwar nicht unbedingt zum essentiellen Handlungsbaustein, gleichwohl aber zum amüsanten Abstecher, der sich homogen in ein wunderschönes Potpourri entsprechender Anekdoten aus der Republik Zubrowka einfügt. Zwischen diesen leichtfüßigen sowie kurzweiligen Tönen verbirgt sich jedoch eine bittere, traurige sowie tragische Wahrheit. Für Wes Anderson-Verhältnisse fällt The Grand Budapest Hotel regelrecht düster aus und nicht einmal die bemerkenswerten Cameo-Intermezzi vermögen davon abzulenken. Wenngleich eben noch die Präsenz von Bill Murray, Tilda Swinton oder Harvey Keitel für herzhaftes Lachen sorgte und die Dialoge zwischen Ralph Fiennes sowie Tony Revolori generell auf einem äußerst geschliffenem Level der verbalen Akrobatik stattfinden, dringt regelmäßig ein Gefühl des Weltuntergangs durch das rosarote Kaleidoskop des gezeigten Mikrokosmos. Monsieur Gustave H. versucht verzweifelt als letzter seiner Art eine Zeit aufrecht zu erhalten, für die er im Grunde selbst zu jung ist. Es ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Und in diesem Punkt – egal wie tief er unter Schachteln von Mendels-Gebäck versteckt ist – weiß auch Wes Anderson keinen Ausweg außer den skurrilen.

Kritikenspiegel zu The Grand Budapest Hotel auf Film-Zeit

Von Matthias Hopf

The Grand Budapest Hotel © 20th Century Fox
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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