Han Solo, Ron Howard & die Angst vor der Langeweile

Han Solo, Ron Howard & die Angst vor der Langeweile

Als vor Phil Lord und Chris Miller vor zwei Jahren als Regisseure des Han Solo-Films bekanntgegeben wurden, war die Skepsis groß, allerdings nicht so groß wie die Neugier. Die Wahl der kreativen Köpfe hinter gut gelaunten Überraschungserfolgen wie dem 21 Jump Street-Reboot, The Lego Movie und Cloudy with a Chance of Meatballs versprachen nicht nur dem Muster der jungen, aufregender Regisseure zu folgen, die die Zukunft von Star Wars gestalten sollten, sondern ließ sogar auf einen wahren Franchise-Ausreißer hoffen. Im Gegensatz zu Gareth Edwards und Rian Johnson wirkte die Verpflichtung von Phil Lord und Chris Miller geradezu radikal – aber genau darin lag die große Chance für einen Anthology-Film, der das Versprechen des losgelösten Konzepts wirklich einhält.

Am gestrigen Dienstag ereignete es sich jedoch, dass Lucasfilm in einer Pressemitteilung verkündete, dass die beiden Regisseure nicht länger Teil der Projekts sind. Ausschlaggebend dafür waren kreative Differenzen mit Drehbuchautor Lawrence Kasdan und Produzentin Kathleen Kennedy. Dabei sind die mulmigen Erinnerungen an die Rogue One-Reshoots noch gar nicht verblasst, von Josh Tranks kryptischen Ausscheiden aus dem Franchise ganz zu schweigen. Auf moviepilot habe ich dazu gestern ein paar Gedanken zusammengefasst:

[…] Das eingespielte Duo hinter dem 21 Jump Street-Reboot und The Lego Movie steht dabei stellvertretend für eine extrem widersprüchliche Entwicklung im Hause Disney und allgemein in Hollywood: Talentierte Regisseure, die durch kleine Erfolge eine eigene Stimme entwickelt haben, werden mit den Argumenten ihrer kreativen Leistungen für ein hochbudgiertes Projekt verpflichtet, ehe sich herausstellt, dass eine eigene Vision gar nicht gewollt ist, kodiert unter dem Begriff der kreative Differenzen. „Einige Insider glauben, dass [Kathleen] Kennedy mit der Verpflichtung junger Indie-Regisseure für Aufsehen sorgen will […], schlussendlich aber nicht bereit ist, ihnen die Freiheiten zu gewähren, um ihre eigenen kreativen Entscheidungen zu treffen“, schreibt die Variety ihrem Bericht über die aktuellen Geschehnisse an der Star Wars-Front und ruft unglückliche Erinnerungen an Josh Trank und Gareth Edwards wach, die beide nach einem Indie-Hit in Blockbuster-Sphären katapultiert wurden, dort jedoch alleine nicht bestehen konnte.

Während sich Josh Trank neben anderweitiger Eskapaden mit seinem – von 20th Century Fox massiv zusammengestauchten – Fantastic Four-Reboot (zu Unrecht) jeglichen Kredit in Hollywood verspielte und kurz darauf seinen Posten als Regisseur des potentiellen Boba Fett-Films aufgeben musste, gelang es Gareth Edwards zumindest, die ersten Drehtage zu überleben, bevor ein Sturm an Meldungen über die anstehenden Reshoots von Rogue One das Narrativ veränderte und Tony Gilroy die nachträglichen Dreharbeiten übernahm. Wenn nun Ron Howard und Joe Johnston drei Wochen vor Abschluss der Dreharbeiten des Han Solo-Films als Ersatzregisseure gehandelt werden, bestätigt sich diese Tendenz. Als Folge weicht der Ansatz eines „auteur-driven“ Star Wars der großen Studiovision, die vorzugsweise einen routinierten Handwerker einstellt, anstelle das Versprechen gegenüber einem Individualisten einzulösen, der sich außerhalb der etablierten Markenidentität bewegt. […]

Zwei Tage später steht der Ersatzregisseur für den Han Solo-Film bereits fest. Nachdem zuvor unter anderem Joe Johnston und Lawrence Kasdan im Rennen um den Posten waren, hat sich letztendlich Ron Howard durchgesetzt, der schon im Vorfeld als Favorit gehandelt wurde. Dennoch ist die Wahl eine überaus knifflige Angelegenheit, die mindestens einen bitteren Nachgeschmack mit sich bringt. Abwegig ist die Entscheidung dagegen keineswegs: Ron Howard ist ein überaus begnadeter Handwerker, der seine Profession auf höchstem Level ausführen kann und das in Vergangenheit regelmäßig bewiesen hat. Wenn bei einem Hollywood-Blockbuster von der Größenordnung eines Star Wars-Spin-offs drei Wochen vor Ende der Dreharbeiten ein Regisseur ausgewechselt wird, dann braucht es einen verlässliche Kraft auf dem Regiestuhl, um den straffen Zeitplan einzuhalten.

Diese verlässliche Kraft bereitet gleichzeitig allerdings auch Kopfschmerzen, denn wenn Ron Howards jüngere Filmographie zum Symbolbild für eine Sache geworden ist, dann ist es die Langeweile der Routine. Seit einigen Jahren setzt sich sein Schaffen ausschließlich daraus zusammen, fremde Geschichte zu adaptieren oder die Leben anderer Persönlichkeiten in Form bewegter Bilder einzufangen, wie es zuletzt die von ihm betreute History-Serie Genius beispiellos und mit ernüchterndem Ergebnis demonstrierte. Da Kathleen Kennedy und Lawrence Kasdan offensichtlich aber nicht zufrieden mit der Vision von Phil Lord und Chris Miller waren, dürfte Ron Howard der ideale Ersatz sein, nicht zuletzt verbindet ihn eine lange Geschichte mit der Lucasfilm-Familie, die sich von einem Auftritt an der Seite von Harrison Ford in American Graffiti bis hin zur potentiellen Inszenierung von Episode I streckt.

Ron Howard, dem für Apollo 13 und Arrested Development durchaus ewige Ehre gebührt, ist kein Fremder und entspricht der Generation an Menschen, die aktuell bei Lucasfilm das Sagen haben und sich überaus sorgfältig über die Erschaffung eines perfekten Narrativs bemühen. Irritierend dabei ist jedoch, dass dieses perfekte Narrativ, das zum Beispiel nur ungern Erinnerungen an die polarisierenden Prequels aufkommen lassen will, ebenfalls darum bemüht ist, eine junge, frische, dynamische Attitüde auszustrahlen. Auf der einen Seite funktioniert das unter anderem durch das wundervolle Ensemble hervorragend, auf der anderen Seite reibt sich die Bemühung jedoch regelmäßig an unangenehmen Widersprüchen und beweist vor allem eines: Lucasfilm will kein Risiko eingehen. Wenngleich Rian Johnson erst auf Twitter betont hat, dass er bei Star Wars: The Last Jedi genauso viel Kontrolle über die kreativen Entscheidungen wie bei all seinen vorherigen Filmen hatte, offenbaren die jüngsten Konflikte, dass gerade bei den Anthology-Filmen große Uneinigkeit auf mehreren Ebenen herrscht.

Als unmittelbare Vorgeschichte zum Krieg der Sterne hätte Rogue One leichtes Spiel haben sollen, ebenso der Han Solo-Film, der es sich zur Aufgabe macht, eine der beliebtesten Figuren des Franchise näher zu beleuchten. Ein Selbstläufer, könnte also behauptet werden. Dennoch zeigt die Realität, dass ein solches Spin-off um einiges kniffliger ist als gedacht, besonders im Hinblick auf die finanziellen Erwartungen, die auf den entsprechenden Werken lasten. Obgleich das Einspielergebnis von Rogue One optimistisch stimmen sollte, scheint Lucasfilm kein großes Vertrauen in die ungeahnten Möglichkeiten eines sich tonal unterscheidenden Ablegers zu haben. Dabei zeigt Vince Gilligan momentan im Serienmetier mit Bravour, wie eine Figurenauskopplung im Idealfall profitieren kann: Better Call Saul fühlt sich nur bedingt nach Breaking Bad an, hat die Mutterserie in ihren Ambitionen jedoch längst überholt und eine eigene, nicht weniger faszinierende Aura entwickelt, die zunehmend ihre eigenen Fans generiert.

Han Solos Abenteuer aus Jugendjahren wären folglich eine großartige Steilvorlage, um die Konventionen des Franchise aufzubrechen und die weit, weit entfernte Galaxie trotz vertrauter Bestandteile um eine ganz neue Ecke zu erweitern. Phil Lord und Chris Miller waren der erste, mutige (!) Schritt in diese Richtung, die Besetzung von Alden Ehrenreich als schurkischer Weltraum-Cowboy der nächste. Die Vorzeichen hätten nicht besser sein können, zumal Lucasfilm auf den ersten Blick ein unglaubliches Vertrauen in seine Talente ausstrahlt. Wie spätestens seit Rogue One klar sein sollte, ist es jedoch der zweite Blick, der über die Zukunft einer solchen Produktion entscheidet. Rian Johnson mag mit seiner Vision deutlich näher an der von Kathleen Kennedy gewesen sein als es Phil Lord und Chris Miller je waren. Gleichzeitig dürfte die Reputation der engagierten Regisseure bei Lucasfilm niemandem entgangen sein, was am Ende dieser tragischen Ereignisse zu Enttäuschung und Verunsicherung führt.

Wie Ron Howards Han Solo-Film nun aussehen wird? Das wird vermutlich noch nicht einmal er genau wissen. Dennoch existiert fortan die Angst, dass sich das Star Wars-Franchise dem genormten Marvel Cinematic Universe annähert und darüber hinaus im gleichen Gestus produziert wird, wie Disney aktuell seine Zeichentrickfilme als Live-Action-Adaptionen nochmal ins Kino bringt. Beauty and the Beast hat es Anfang des Jahres auf beängstigend eindrucksvolle Weise vorgemacht: Eine beliebte Marke wird entstaubt, poliert und für die Unendlichkeit der heilen Erinnerung versiegelt. Auf der Suche nach dem perfekten Narrativ vergisst Lucasfilm, dass es die absolut wahnsinnige Geschichte ist, die Star Wars zu dem Phänomen gemacht hat, dass es heute ist. J.W. Rinzlers niedergeschriebene Dokumentation der Entstehung der Original-Trilogie zeugt von nichts als einem extrem holprigen Pfad, den George Lucas Ende der 1970er eingeschlagen hat. Es wäre schön, wenn Star Wars nicht den Mut verliert.

Star Wars © Disney/Lucasfilm

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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