Hard to Be a God – Kritik

Hard to Be a God - Kritik

Nur Dreck, Schlamm und Matsch: Der Regen löst ihn auf, den Erdboden. Der rohe Grund verwandelt sich in ein instabiles Fundament. Die Ursuppe brodelt, kocht und blubbert. Und selbstverständlich verbrennt sich eine jede Kreatur, die in den stürmischen Wogen ums Überleben rudert, den ganzen Leib. Dann setzt der Regen ein und noch mehr Dreck, Schlamm und Matsch erobert die Leinwand. In Hard to Be a God regiert pures Chaos und wer selbst nicht frisst, der wird gefressen. Die Hässlichkeit des Augenblicks scheint von ewiger Dauer. Er wird nie enden, der Sturm der Innereien, die sich in der Landschaft verteilen. Die Menschen kotzen sie heraus. Ein ständiges Schnaufen, Rotzen und Schluchzen gestaltet die Klangkulisse. Worte werden nur wenige Gesprochen, vielmehr grunzen sich die einzelnen Beteiligten ihren Weg durch das Moloch, das sich Arkanar nennt und auf einem fremden Planeten befindet, der in vielen Facetten der Erde gar nicht so unähnlich ist, auch in seiner Zeitgeschichte.

Der größte Unterschied bildet sich nur durch die Tatsache, dass der blaue Planet den Sprung vom feudalen Mittelalter ein einer moderne Gesellschaft geschafft hat, die sogar in der Lage ist, Vertreter der eigenen Spezies in die unendlichen Weiten des Universums zu entlassen. In ihrer Eigenschaft als interstellare Historiker gelangt eine Handvoll Erdenbürger nach Arkanar und findet das Spiegelbild ihrer eigenen Geschichte vor. Um jenes Spiegelbild jedoch über ihre Ankunft hinaus nicht noch weiter zu verzerren, beschließt der Trupp, sich als Nachkommen lokaler Gottheiten auszugeben und fortan nicht weiter in den Lauf der Zeit einzugreifen. Schließlich ist Observation die oberste Maxime der Mission und nur eine neutrale Haltung kann selbige garantieren. Als sich aber eine böse Macht erhebt und gegen den Fortschritt wittert, fällt es vor allem Don Rumhat (Leonid Yarmolnik) schwer, keine Position im Geschehen zu beziehen. Der Gott, der nicht handeln kann – aus Angst, (seine?) Schöpfung nachhaltig zu verändern respektive zerstören.

Basierend auf der gleichnamigen Novelle von Arkady und Boris Strugatsky erzählt Regisseur Aleksei German in Hard to Be a God von den großen Fragen des Lebens, ohne diese selbst nie auszusprechen, geschweige denn zu beantworten. Generell entsagt sein Science-Fiction-Epos einem konventionellen Narrativ und wird dadurch zum existenziellen Albtraum – als würden die Geister von Andrei Tarkovsky, Béla Tarr und Terry Gilliam aufeinandertreffen. Aleksei German, der aufgrund seines vorzeitigen Ablebens die Fertigstellung seines eigenen Werks nicht mehr miterlebt hat, erschuf Bilderwelten, wie sie – so hässlich und feinselig – noch nie im Kino zu sehen waren. Bis zu einem gewissen Punkt sind sie sogar unbeschreiblich, unfassbar. Eine Tour de Force im dreistündigen Rahmen: Das Abstoßende, Widerliche und Ekelerregende ist die Langsamkeit, die mit dem Warten auf die (längst überfällig?) Renaissance Hand in Hand geht. Und dann die Enttäuschung, wenn persönliche Vorstellung und Erfahrung mit der Wirklichkeit kollidieren. Ganz automatisch greift ein Mechanismus von Verantwortung, allerdings nur, weil er auf Vergangenheit und (Ein-)Bildung basiert.

Doch genau diese Vergangenheit ist der große Irrtum von Kontrolle. Kein Wunder, dass sich Hard to Be a God jegliche Mühe gibt, um auch nur den geringsten Anschein von Vernunft und Ordnung mit Gewalt zu zerschlagen. Im schleppenden Takt geht jeglicher Überblick verloren. Orientierungspunkte bieten lediglich wiederkehrende Orte – und natürlich Dreck, Schlamm und Matsch in Unmengen. Alles klebt, verläuft, ersäuft: Auch die Erzählung geht in ihrer eigenen Tristesse unter und verliert den Überblick. Völlig surreal wirkt dieser Trip, der wahrhaftig in eine andere Welt entführt. Nicht zuletzt gelingt es Aleksei German mittels der durchdringenden Kraft echter Kostüme und Bauten Hard to Be a God eine unvergessliche Bestie bewegter Bilder zu entfesseln. Erschütternd in seiner Ausgestaltung bleibt am Ende vor allem ein Gefühl von Ohnmacht. Ohnmacht trotz vermeintlicher Allmächtigkeit weder etwas verstanden, noch verändert zu haben. Nur die Musik findet nach dem dreistündigen Tohuwabohu mit zögerlichen Klängen ihren Weg in den Abgrund des Seins und löst – oder übermalt zumindest – das vernichtende Grunzen im Hintergrund.

Hard to Be a God © Bildstörung

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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