Hong Sang-soo & die Poesie der Variation

Hong Sang-soo & die Poesie der Variation

Auf der Berlinale 2017 feierte mit On the Beach at Night Alone der neue Film von Hong Sang-soo seine Premiere im Wettbewerb. Da der südkoreanische Regisseur hierzulande allerdings noch recht unbekannt ist, habe mich mir seine Filme in einem Text für moviepilot genauer angeschaut und am Beispiel von Right Now, Wrong Then aufgeschrieben, was sein Schaffen so besonders und einmalig macht. Herausgekommen sind dabei ein paar Gedanken über Hong Sang-soo und die Poesie der Variation:

[…] Dass die Grenzen zwischen dem Wahrhaftigen und der Fantasie verschwinden, ist für uns Zuschauer nicht sofort ersichtlich. Ausschlaggebend dafür ist Hong Sang-soos gleichermaßen strenge wie leichtfüßige Inszenierung. Seine filmischen Räume offenbaren mindestens genauso viel Disziplin, wie sie gewisse Unebenheiten zulassen. Auffällig ist in erster Linie die schlichte, minimalistische Herangehensweise. Lange Einstellungen werden bloß von wenigen ausgewählten Schnitten durchtrennt. Ein starrer Rahmen für einen Regisseur, der sich dermaßen beständig auf das Element der Variation verlässt. Doch dann gibt es immer wieder unerwartete Ausbrüche, die das Bild in ihrer Bewegung geradezu erschüttern. Auffällige Zooms oder ein plötzlicher Schwenk zur Seite – unzählige dieser feinen, versteckten Nuancen lassen sich im Œuvre von Hong Sang-soo entdecken. Sie sind es schließlich auch, die einen Hinweis auf die Deutung der Geschehnisse liefern.

Kommen wir zurück zu Right Now, Wrong Then, bei dem der Titel bereits einer kleinen Synopse gleicht. Endete das erste Gespräch zwischen Cheon-soo und Hee-jeong in einer Katastrophe, gestaltet sich der zweite Versuch aufgrund minimaler Veränderungen als Erfolgserlebnis für beide Teilnehmer, die fortan glücklich ihr Beisammensein genießen. Nur wir Zuschauer sind im Bilde über die komplette Situation und wie sie hätte verlaufen können – genauso wie wir mittlerweile 20 Filme von Hong Sang-soo gesehen haben, die sich stets in mal mehr, mal weniger offensichtlichen Abänderungen unterschieden. Bei einem – sowohl formal als auch inhaltlich – so aufmerksam durchkomponierten Lebenswerk gibt es kaum etwas Aufregenderes, als zu sehen, was Hong Sang-soo als Nächstes anders macht und was nicht. Jeder seiner Filme fühlt sich wie ein weiterer Baustein in einem größeren Gebilde an. Überflüssig oder redundant ist hier gar nichts.

Right Now, Wrong Then © Grandfilm

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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