Inferno – Kritik

Inferno - Kritik

In einer Welt, in der Franchise-Building/-Branding alles ist, scheint es geradezu absurd, dass ein millionenschwerer Blockbuster mit Tom Hanks in der Hauptrolle unter einem Namen in die Kinos kommt, den bestenfalls Kenner der Romanvorlage mit seiner tatsächlichen Zugehörigkeit identifizieren können. Wer hätte sonst geahnt, dass sich hinter dem epischen, wenn auch ziemlich beliebigen Titel Inferno der dritte Eintrag der populären Robert Langdon-Reihe versteckt, die sich auf die entsprechenden Werke von Dan Brown stützt. Doch The Da Vinci Code und Angels and Demons waren nur der Anfang, wie es auf dem Poster zum jüngsten Franchise-Segment zu lesen ist. Wer dachte, Robert Langdon wäre ein Relikt der vergangenen Dekade, hat sich gewaltig geirrt: Anno 2016 meldet sich der Ikonologie- und Symbologie-Professor auf der großen Leinwand zurück und bekommt es mit dem ersten Teil von Dantes Göttlicher Komödie zu tun. Erneut beginnt eine Schnitzeljagd rund um den Globus. Ausgerechnet dieses Sequel löst den müden Blockbuster-Sommer in der Herbst-Saison ab, bevor Marvel, Harry Potter und Star Wars wieder zuschlagen können.

Zahlreich waren die Fortsetzung, die in den vergangenen Wochen und Monaten vorzugsweise enttäuschten. Dass Sony ausgerechnet jetzt Robert Langdon aus der Versenkung zurückholt, gleicht geradezu einer traurigen Pointe. Die Marke ist so populär, dass es sich lohnt, sie weiterhin auszubauen, gleichzeitig aber nicht populär genug, um etwas vergleichbares wie einen Buzz (nach immerhin sieben Jahren Leinwand-Abstinenz) zu kreieren. Ron Howard, der nach den ersten zwei Filmen auch bei Inferno wieder auf dem Regiestuhl Platz genommen hat, lässt sich dieser Tatsache jedoch nicht beirren und liefert ein souveränes Abenteuer, das sich tonal ziemlich genau zwischen seinen Vorgängern einpendelt. War The Da Vinci Code ein spannender, kleiner Film, der viel zu leise viel zu lang ausgerollt wurde, offenbarte sich Angels and Demons als spannender, kleiner Film, der viel zu laut viel zu lang ausgerollt wurde. Inferno findet sich nun in der Mitte wieder und sollte somit als ausgeglichenes Spektakel durchgehen, das nicht wehtut und eventuell sogar unterhält.

Die Ironie dieser Angelegenheit gestaltet sich allerdings wie folgt: Inferno bietet kaum Reibungspunkte, so sehr die Erzählung auf moralische Konflikte aller Couleur drängt. David Koepp hat ein sauberes Script geschrieben, das voller Begeisterung den Spaß am Kombinieren befeuert, sich gleichzeitig aber so flüssig liest, dass es keine Möglichkeit gibt, sich wahrhaftig in der Welt des Films zu verlieren. Routiniert, ohne Ecken und Kannten: So lässt sich Kurzweil provozieren. Wenn die Auswirkungen der beschworene Apokalypse dann jedoch tatsächlich zum Tragen kommen sollen, fehlt jegliches Gewicht. Was bleibt, ist ein Showdown, der pflichtgemäß vonstattengeht, sich allerdings wie ein obligatorisches Übel anfühlt. Irritierend ist dabei, dass sich David Keopp und Ron Howard dieser Nachlässigkeit absolut bewusst sind und sie großzügig ignorieren – frei unter dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Mit dieser Erkenntnis nimmt Inferno eine radikale und durchaus sympathische Wendung. Hier geht es nicht um die Bemühungen für eine Rechtfertigung zur Existenz. Nein, hier geht es um puren Eskapismus.

Es ist der Eskapismus, den eine aufregende Schatzsuche mit ungewissem Ziel verspricht und an verwunschene Orte mit unglaublichen Geheimnissen entführt. Befeuert wird diese Odyssee durch all die faszinierenden Archetypen, die zwar dermaßen knapp an der Unerträglichkeit vorbeischrammen, aber gerade deswegen eine unwiderstehliche Faszination ausstrahlen. Etwa Felicity Jones als unerwartete Weggefährtin in einer Verfolgungsjagd ohne klaren Hintergrund oder Irrfan Khan, der sich im Verlauf von zwei Stunden auf mindestens drei verschiedenen Ebenen im Gut-gegen-Böse-Geflecht bewegt und sich somit trotz konventioneller Charakterzüge als unberechenbare Konstante in diesem ewigen Versteckspiel entpuppt. Am wichtigsten ist jedoch, dass sich Inferno ständig in Bewegung befindet, wenngleich dieser Umstand in einem Gros aller Szenen zur Folge hat, dass die Figuren durch die Gegend rennen. Durch Straßen, über Dächer, unter Gebäuden: Es gibt keinen Fleck dieser Erde, den Robert Langdon nicht per pedes erreichen könnte. Ein schöner, beruhigender Gedanke – gerade bei einem solch hektischen wie ungewissen Einstieg in ein Abenteuer, das einfach passiert ist, obwohl keiner danach gefragt hat.

Inferno © Sony Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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