The Interview – Kritik

The Interview - Kritik

Rückblickend auf die vergangenen Wochen fällt es tatsächlich schwer, The Interview, jene satirisch angehauchte Komödie von Seth Rogen und Evan Goldberg, einfach nur als Film wahrzunehmen. 112 Minuten, keine Überlänge, nur bewegte Bilder. Und trotzdem protzte die US-amerikanische Produktion vor wenigen Tagen noch mit einer Durchschnittswertung von 9,9 von 10 Punkten, wenn man sich die entsprechende Filmdetailseite der IMDb näher zu Gemüt führte. Ein utopischer Schnitt und nur gerade deswegen möglich, weil bis vor ein Tagen das umstrittene Werk nur für eine Handvoll Menschen auf diesem Planeten zugänglich war. Offensichtlich versteckt sich hinter dem geradezu unauffälligen bis einfallslosem Titel unterdessen viel mehr als harmloser Klamauk: Auf der einen Seite hat die provokante Prämisse die (Film)Welt regelrecht aus ihren Fugen geworfen und infolgedessen zahlreiche Fragen aufgeworfen. Auch auf der anderen Seite stehen spätestens seit der turbulenten Veröffentlichungshistorie von The Interview zahlreiche Fragestellungen im Raum. Gleichzeitig hat sich Seth Rogens und James Francos aufregender Trip nach Nordkorea in ein Symbol verwandelt.

Ein Symbol für Freiheit, Selbstbewusstsein, Zensur, Patriotismus, Terror – die Aufzählung könnte ewig fortgesetzt werden und erstreckt sich im gegenwärtigen Zeitgeschehen über eine gewaltige Palette politischen sowie internationalen Ausmaßes – angefangen bei den Ursprüngen im Sony Hack über die Veröffentlichungsdebatte inklusive ihrer (unter Umständen verheerenden) Konsequenzen bis hin zu wilden Spekulationen hinsichtlich eine gewagten PR-Stunts. The Interview lädt also schon im Voraus zum Diskurs ein. Und der ist natürlich höchst interessant und mit Sicherheit in seiner Nachhaltigkeit nicht minder ausgestattet. Umso enttäuschender mag ein Fazit ausfallen, wenn die knapp zwei Stunden Laufzeit vorüber sind und das skandalöse, bahnbrechende und unumstößliche Opus magnum ausgeblieben ist. Wenn in den Schlagzeilen Worte wie Cyberwar fallen und sogar 9/11 als drohender Vergleich durch die Medien geht, dann kann ein platter Dick-Joke unmöglich die Krone der Schöpfung sein. Doch eben darin besteht das Wagnis der Unternehmung: Evan Goldberg, Seth Rogen und James Franco schrecken nicht davor zurück, den unfassbaren Konflikt ihres Films mit banal-naiv-infantilem Humor zu begegnen. Spoiler: Sie gewinnen.

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Während Dave Skylark (James Franco) und Aaron Rapaport (Seth Rogen) auf die aberwitzige Idee kommen, Kim Jong-un (großartig: Randall Park) zu interviewen, um ihre journalistische Reputation auf Vordermann zu bringen, fokussieren sich die kreativen Köpfe hinter The Interview selbstbewusst auf das exakte Gegenteil. Evan Goldberg, Seth Rogen und James Franco wissen genau, in welcher Liga sie sich befinden und wie sich der fertige Film anfühlen soll: Nämlich wie eine spaßige Komödie vor satirischem Hintergrund – ganz im Zeichen ihres bisherigen gemeinsamen (!) Schaffens. The Interview erhebt keinen Anspruch, im Nachhinein als wegweisender Wendepunkt ihrer Karriere wahrgenommen zu werden, sondern markiert schlicht die perfekte Symbiose bisheriger Kollaborationen à la Pineapple Express oder This is the End. Der Gag in seiner Ausführung, Variation und Dichte bleibt ein altbekannter. Popkulturelle Referenzen vereinen sich im aufgeregt kindischen Gewand mit derber Balls-through-the-Wall-Einstellung und die Dynamik im Ensemble könnte nicht besser sein – allen voran Masters of Sex-Export Lizzy Caplan, die James Franco und Seth Rogen bei ihrem eigenen Spiel genauso frech wie clever in Schach halten kann.

Eine politisch inkorrekte Anarcho-Komödie wie sie im Buche steht und trotzdem bleibt einiges an Potential ungenutzt, was den Biss angeht. Zwar verläuft sich The Interview nicht wie zuletzt This is the End in einer Willkür an Sketch-Ideen, sondern profitiert besonders in diesem Aspekt von seinem formelhaften Story-Aufbau. Irgendetwas treibt das Geschehen – mal mehr mal weniger unbeholfen – stetig voran. Ärgerlicherweise sorgt ebenjene Formelhaftigkeit für das Gefühl, den Film trotz seiner mitunter verrückten Einfälle zu schnell durchschaut zu haben. Doch das von Katy Perry mehrmals im holprigen Verlauf der Attentatsmission besungene Firework findet eben im Moment statt, ein Credo, an das sich alle Beteiligten hingebungsvoll halten. Der gesamte Cast hat sichtlich Spaß, sich im (überschaubar) abgesteckten Rahmen auszutoben – selbst wenn ein bisschen an der Dreistigkeit von Team America fehlt. Dafür ist The Interview wohl sortiert und strukturiert, sei es durch bereits erwähnten Katy Perry-Song, die lässige Inszenierung oder den unermüdlichen Verweis auf J.R.R. Tolkiens The Lord of the Rings-Epos als Allegorie auf die abenteuerliche Odyssee der zwei Protagonisten, die sich auf den Weg machen, um einen Diktator zu stürzen.

Obgleich die Provokation nur die Oberfläche streift, versteckt sich da irgendwo ein kluger sowie überaus ambitionierter Film, der mit großer Freude am Kliff der seriösen Erwartungen zerbricht und viel mehr als Krönung Goldberg/Rogen/Franco-Comedy-Strömung funktioniert.

The Interview © Sony Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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