It – Kritik

It - Kritik

Eigentlich sollten sie rausgehen und spielen. Es ist schließlich Sommer, genau genommen der Sommer 1989. Der letzte Schultag hat begonnen und schon bald kippen die Jungs rund um Bill das zuvor mühselig herumgetragene Schulmaterial feierlich in den Mülleimer, während ihre Heimatstadt in den idyllischen Farben einer hingebungsvoll verklärenden amerikanischen Suburbia-Fantasie aufgeht. Die Freiheit winkt und dennoch können Bill und seine Freunde nicht einfach rausgehen und spielen, da sie insgeheim Gefangene sind. Gefangen im bitteren Schmerz eines tragischen Ereignisses. Gefangen in der strengen Religion der Eltern. Und gefangen vor der Angst als Außenseiter. Sie sind gefangen im Netz einer übervorsorglichen Mutter und eines gewalttätigen Vater. Es gibt kein Entkommen, denn der Druck kommt von allen Seiten, selbst wenn ihn sich die Jugendlichen nicht eingestehen wollen. Immerhin ist es ihr Sommer, vielleicht der letzte, den sie gemeinsam verbringen werden.

Doch etwas gestattet ihnen keinen Frieden. Etwas hat es auf sie abgesehen. Dabei handelt es sich in erster Linie aber nicht um die bedrohlichen Bullies auf dem Schulhof, ebenso wenig um die Erwachsenen im Rest der Stadt. Stattdessen werden die Protagonisten von It mit ihren innersten Urängsten konfrontiert, in Form des unverschämt genüsslich grinsenden Clowns Pennywise. Hinter der geschminkten Visage verbirgt sich das absolut Böse, der Ursprung aller Albträume, der selbst bei Tageslicht die Welt verdunkelt und dafür sorgt, dass in fruchteinflößenden Momenten einem der Atem stockt. It lässt sehr schnell durchblicken, was Stephen King seinerzeit beim Schreiben der Romanvorlage inspirierte: Das unfassbare Gefühl von jugendlicher Ohnmacht im Angesicht des ultimativen Grauens. In dieser Lebensphase ereignet es sich, dass Blutströme ganze Räume in einen Vorort der Hölle verwandeln und der Erwachsene ohne jegliches Verständnis für die Situation eine Drohung nach der anderen ausspricht, als wäre der herumlungernde Clown das geringste übel.

Mit großer Sicherheit sogar ist die Erscheinung von Pennywise bloß ein Mittel zum Zweck, um zu formulieren, was nicht mit Worten umschreiben werden kann. Regisseur Andy Muschietti und sein Autorenteam haben allerdings unlängst eine viel zu konkrete Vorstellung von dem Horror entwickelt, den sie auf die Leinwand bannen wollen, sodass sich It noch während dem Prolog überschlägt und daraufhin – wie später die Kinder selbst – einen Hang herunterpurzelt, der nicht zu enden scheint. Rasend geht es hier zur Sache, was jedoch zur Folge hat, dass viele der angesprochenen Themen lediglich in ihren theoretischen Wurzeln verankert bleiben. It ist durchdacht, von vorne bis hinten, geradezu auf die Minute genau kalkuliert, damit einhegend aber auch enttäuschend leblos und künstlich. Die große Bühne des Horrorfilms macht Platz für die verstörenden Erlebnisse einer Coming-of-Age-Geschichte. Leider muss der Film unermüdlich betonen, wo die Verbindung beider Elemente liegt und nimmt sich dabei selbst den Schrecken.

So behutsam sich die Figuren der Kinder in einzelnen Augenblicken von ihren Stereotypen distanzieren, so ignorant überrennt der nächste Gruselschub die mühevolle Arbeit, wodurch das emotionale Grundwerk unglücklich verkommt. Kaum lassen sich Benjamin Wallfischs Kompositionen auf einen Tanz von Schauer und Geborgenheit ein, übernehmen die stumpfen Schreie eines Jump-Scares, manchmal verdient, meistens aber drängelnd jenseits der Taktvorgabe. Wenn sich dann doch ein Diaprojektor unerwartet weiterdreht, schneller als ein Karussell vertraute Erinnerungen aus dem Familienalbum verwischt und den Abgrund offenbart, der anno dazumal nicht zu sehen war, gelingt Andy Muschietti einer dieser raren Momente, in denen It wahrlich über alle Maßen erhaben ist und der Summe seiner einzelnen Teile gleichermaßen effektiv wie spielerisch gerecht wird, ohne bereits eine anschließende Erklärung parat zu haben. Viel zu selten gewährt der Film solch verborgenen Schätzen das Atmen und vergisst, dass die größte Gänsehaut erst dann entsteht, wenn man einen Schritt zurücktritt, um das ganze Gemälde zu betrachten.

It © Warner Bros.

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.