Jackie – Kritik

Jackie - Kritik

Historische Ereignisse lassen oft vor allem eines vergessen: den Menschen. Wenngleich er stets im Mittelpunkt steht, fällt es oft schwer, ihn zu greifen. Zu leicht lässt sich ein Held, ein Märtyrer oder gar ein Antagonist formen, zu schnell findet eine Projektion ins Größere statt, sodass vom wahren Kern der Person, um die es eigentlich geht, nur noch wenig übrig bleibt. Als John F. Kennedy, seines Zeichens der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, am 22. November 1963 in Dallas erschossen wurde, dürfte es ähnlich gewesen sein – so zumindest schildert es Pablo Larraín in seinem ersten englischsprachigen Film Jackie. Tageszeitungen, Radiosender und Fernsehanstalten überschlagen sich mit Berichten, die das Ereignis zu fassen versuchen, das nicht nur die USA, sondern die gesamte Welt erschütterte und noch während seines Verlaufs zum eigenen Mythos avancierte. Inmitten dieses Wahnsinns findet sich Jackie Kennedy wieder, bravourös verkörpert von Natalie Portman, und lädt einen Journalisten zu sich ein, um ihre Seite der Geschichte zu erzählen.

Billy Crudup schlüpft in die Rolle des Schreiberlings, der die First Lady eine Woche nach dem Attentat aufsucht, um sie zu interviewen. Was folgt, ist ein langes, umfangreiches, intimes Gespräch, bei dem insbesondere ein Satz immer wieder fällt, nämlich die Aufforderung, soeben gesprochene Worte nicht zu Papier zu bringen. Anfangs irritiert macht der ansonsten aufmerksam zuhörende Journalist schließlich doch eine stechende Bemerkung, als würde Drehbuchautor Noah Oppenheim die zuvor aufgestellten Thesen seines eigenen Skripts in Frage stellen. Wo zuerst der Eindruck entsteht, Jackie wolle mit einem bestimmenden Drang für die endgültige Version der Geschichte dokumentieren, offenbart sich der Film in seinem Fortschreiten vielmehr als ambivalentes Unterfangen, das bewusst verschiedene Perspektiven und Ideen streut, um kein einheitliches Bild zu präsentieren. Es gibt nicht die eine Wahrheit in Jackie. Stattdessen spielt Noah Oppenheim bewusst mit den vielen verschiedenen Deutungsmöglichkeiten, die das Gesagte provoziert. Es geht um beides: die Dekonstruktion wie die Erschaffung des Mythos.

Dabei verschwimmen verschiedene Zeitebenen virtuos miteinander, ähnlich wie es zuletzt bei dem von Aaron Sorkin geschriebenem und von Danny Boyle inszenierten Steve Jobs der Fall war. Bildeten dort drei ganz konkrete Veranstaltungen den Dreh- und Angelpunkt eines gesamten Lebens, versteht sich Jackie ebenfalls herausragend darin, das Trauma einer Nation sowie das Trauma einer Familie in einer narrativen Zeitspanne von nur wenigen Tagen aufzudecken. Selten traut sich die Kamera auf die Nähe der trauernden Protagonistin zu verzichten. Egal, ob ein Tracking Shot Natalie Portman durch die gepflegten Gänge des Weiße Hauses folgt oder sie durch das spiegelnde Fensterglas eines Wagens beobachtet: Kameramann Stéphane Fontaine, der zuvor Paul Verhoevens Meisterwerk Elle mit Isabelle Huppert bebilderte, findet elegante wie aufwühlende Aufnahmen, die den Prunk mit dem Zerbrechlichen vereinen, ohne die ungemütlichen Ecken zu meiden. Wo eben noch die untergehende Sonne das feuchte Gras in einen goldenen Traum verwandelte, dringt später ein trister Nebel über die Felder.

Dieses Gefälle findet sich ebenfalls im ambivalenten Soundtrack von Mica Levi wieder, der sich insbesondere für das konträre Zusammenspiel von Harmonien und Disharmonien interessiert. Nachdem sie bereits verblüffende bis verstörende Klangwelten für Jonathan Glazers atemberaubendes Leinwand-Ungeheuer Under the Skin mit Scarlett Johansson komponierte, lässt Mica Levi nun eine reine Flöte, die der aufgeweckten Stimme eines Vogels gleicht, vibrierende Streicher durchbrechen, die ständig unter Anspannung stehen und selten in einem Gefühlszustand verweilen. Es ist ein musikalischer Mantel der Trauer, der Ungewissheit. Gleichzeitig vermitteln die einzelnen Kompositionen in ihrer Unbeständigkeit eine Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, wie sie Jackie Kennedy im Augenblick des Geschehens so dringend verspürt wie nie zuvor. Im Bruchteil einer Sekunde fällt alles, woran sie geglaubt hat, in sich zusammen. Plötzlich ist da diese unbeschreibliche Leere, der lediglich der Platz zwischen den Zeilen erahnen lässt. Tragisch, frustrierend, zerstörend: „There’ll never be another Camelot.“

Im Verlauf des Films verweist Jackie Kennedy mehrmals auf das oben zitierte Musical von Frederick Loewe und Alan Jay Lerner – insbesondere jenen Song, in dem Richard Burton diesen wundervollen Ort besingt, an dem sich einfache Menschen zusammengefunden haben, um für das Gutes zu kämpfen. Wenngleich dieses wiederkehrende Motiv nicht zu den subtilsten Merkmalen von Jackie gehört, vereint es sehr gut die große Stärke von Pablo Larraíns vielschichtigem Werk: Auf einfache Weise bündeln sich in einer unscheinbaren Sache – in diesem Fall dem Song – sämtliche Ebenen der Geschichte. Das Öffentliche und das Private, der Mythos und die Wahrheit, die Figuren und ihre Beziehungen. Es geht um das Erlebte, das Vermächtnis und die Balance dazwischen. Zum Schluss besteht Jackie Kennedy darauf, ihre eigenen Worte zu redigieren. Erst dann sind sie zur Veröffentlichung freigegeben. Doch was die Welt aus ihnen macht, dass kann weder Jackie Kennedy mit ihren Worten noch Pablo Larraín mit seinen Bildern bestimmen. Das bestimmt die Welt ganz alleine, in ihrem unergründlichen Lauf der Dinge.

Jackie © Tobis

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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