Jar Jar Binks – But remember the artist is a human

Jar Jar Binks - But remember the artist is a human

Vor einer Woche eroberte der finale Trailer zu Star Wars: The Force Awakens das Internet und es dauerte keine 24 Stunden, bis er von der Netzgemeinde in seine kompletten Einzelteile zerlegt wurde. Was mit harmlosen .gifs und Recuts anfängt, eskaliert schnell in den unendlichen Weiten von Tumblr und Reddit. Wie auch beim offiziellen Poster, das einen Tag zuvor veröffentlicht wurde, dauerte es auch nicht lange, bis es von sämtlichen Mashups auch eine Jar Jar Binks-Version gab. Ja, genau jener Weltraumclown, der 1999 selbst für die größten Fans gleich das gesamte Franchise ruinierte, ist auch über 15 Jahre nach seinem ersten Erscheinen auf der großen Leinwand nicht totzukriegen. So sehr ihn scheinbar jeder hasst, liebt es der ewig grummelnde Tenor,  Jar Jar Binks immer und immer wieder lebendig werden zu lassen. Im Grunde liegt hier schon die Ironie dieses banalen Hatings verborgen, das im Grunde genauso infantil ist, wie die Charaktereigenschaften, die dem liebenswürdigen Gungan seit der dunklen Bedrohung vorgeworfen werden.

Der Hass, der mit dieser kindlichen Figur verbunden ist, ist eigentlich unglaublich – so unglaublich, dass ich ihn selbst lernen musste. Als ich Star Wars: Episode I – The Phantom Menace zum ersten Mal gesehen habe, war ich bedingungslos verloren, verliebt. Der perfekte Film, der beste Film – und zwar in Belangen, unwichtig zu erwähnen, dass es meine erste Begegnung überhaupt war, die ich mit George Lucas‚ Weltraummärchen hatte. Dementsprechend war auch Jar Jar Binks nie ein Problem für mich. Ganz im Gegenteil: Sogar mein Vater freute sich über die Figur, weil sie bei LEGO Star Wars nicht schießen, dafür aber doppelt so hoch hüpfen konnte wie seine Videospielkolleg_innen – inklusive flatternder Ohren! Erst später habe ich gelernt, dass es zum guten Ton (eines Star Wars-Fans gehört), Episode I und insbesondere Jar Jar Binks zu verteufeln, was letzten Endes dazu geführt hat, dass ich mich später mindestens genauso oft herablassend über die Figur geäußert habe wie ich sie früher in meine LEGO-Spielwelten integriert hatte. Gruppenzwang und Herdentrieb und so wären passende Keywords.

Mittlerweile bin ich den ganzen Hass nur noch leid und fühle mich oft alleine in dieser Diskussion, die vielen Fans aus unerklärlichen Gründen so unfassbar wichtig ist, obgleich es sich dabei eher um obligatorisches Bashing handelt. Nachtreten wird niemals langweilig, egal wie redundant es ist. Selbst wenn anno 2015 ein Gungang-Kopf das Thumbnail eines The Force Awakens-Trailers ziert, werden die Stimmen wieder laut, die unermüdlich um den Ruin ihrer Kindheitserinnerungen fürchten bzw. hinterhertrauern. Meinen es die Menschen wirklich ernst, frage ich mich oft, oder handelt es sich hier um eine Art Metahumor, weil eh keiner mehr damit rechnet, dass J.J. Abrams so doof ist und George Lucas‘ offensichtlich unverzeihliches Kapitalverbrechen noch einmal begeht? Ich verstehe es nicht, finde es gelegentlich sogar absurd, deuten unterschiedliche Figuren in der Ur-Trilogie (C-3PO, Yoda und die Ewoks) auf die Entstehung von Jar Jar Binks mit all seinen Eigenheiten hin. Das Schlimmste an der Debatte ist allerdings, dass sie sich ständig wiederholt, um einen engstirnigen Status quo zu bestätigen, und dabei die tatsächlich wichtigen wie interessanten Fragen ignoriert.

Über einen Link auf Twitter bin ich heute zum Beispiel aus diesen großartigen Vice-Artikel gestoßen, der nicht zuletzt ein sehr lesenswertes Interview mit Ahmed Best, seines Zeichens Darsteller und Synchronsprecher von Jar Jar Binks, beinhaltet. Wenngleich die Überschrift die provokant die üblichen Reaktionen hervorlockt (The Actor Who Played Jar Jar Binks Is Not Sorry), liest sich die folgende Transkription äußerst spannend und aufschlussreich. So gibt Ahmed Best nicht nur Einblicke in den Casting-Prozess und die Zusammenarbeit mit George Lucas, sondern erzählt ebenfalls von der Problematik, die beim oberflächlichen Hass auf eine Filmfigur untergehen, wie beispielsweise das Missverständnis der seinerzeit erstmals im großen Stil angewandten Motion-Capture-Technik oder – viel wichtiger noch – der Tatsache, dass sich hinter der Maske/Animation stets ein echter Mensch befindet. Joanna Robinson hat erst vor Kurzem im unten eingebundenen Tweet die übergreifende Problematik anhand von Jon M. Chus Rede auf dem diesjährigen Film Independent Forum präzise auf den Punkt gebracht. Ahmed Best macht es im Interview nicht weniger.

Dass es sich beim Künstler stets um einen Menschen handelt, fängt beim Casting an. Und das fiel im Fall von Episode I durchaus unkonventionell aus – vor allem, weil Ahmed Best genauso wie George Lucas in Pionier war, in dem, was er im Rahmen der Dreharbeiten tat.

They were still writing the software, and they didn’t really know how it was going to work or if it was going to work. I was kind of the guinea pig for all of that. I met George at my motion-capture audition and he put me through a whole bunch of movements and paces, and then he just walked out the room [laughs]. I actually thought I fucked it up.

Später kommt der Schauspieler auf die Problematik des Motion-Capture-Verfahrens zu sprechen, für das die Welt zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht bereit war.

It’s very difficult to say that a motion capture performance is purely an individual acting performance. It’s a symbiotic relationship between the animators, the software designers, and the actor. I think each one informs the other, and I think to have one without the other does a disservice to all of the software developers and all of the animators who actually bring that thing to life.

Aber würde Jar Jar Binks mit heutiger Technologie vom Publikum anders wahrgenommen werden?

Well, the first one out of the gate is always the bloodiest. That’s a very difficult question to answer. I know I’d probably have more of a career if Jar Jar came out now. It was very difficult, at the beginning, for me to explain exactly what I do. No one really believed that I as an actor could bring this thing to life; they thought it was more the power of Industrial Light and Magic animators. So, I was on the other side of the Andy [Serkis] argument. Everybody thinks Andy brings the character to life and then the animators just come along. When I was in it, everybody thought the animators brought the character to life and I was just a model. Now, you can be a motion capture actor and have a career. Peter Jackson and Andy Serkis together really pioneered that thing. Peter Jackson made sure that everyone knew there was an actor behind Gollum. I don’t think that Lucasfilm understood that at the time because everything was just so new.

Und dann die entscheidende Frage, abseits von Form und Design: Wann war das erste Mal, dass Ahmed Best sich tatsächlich von einer negativen Reaktion auf Jar Jar Binks verletzt gefühlt hat?

It didn’t happen until the New York press junkets. The first person who kind of gave me an idea of where it was going was a writer from The New York Post. I didn’t really think much about it because I always felt like the The New York Post was a paper that fed off of that type of energy, that type of negativity. Growing up in New York you know which papers give you the news and which papers give you the gossip and the Post was definitely heavier on the gossip side than anything else. But I was really surprised that everyone picked up on that afterwards. It’s a very American thing to take somebody down when they’re at the top and a lot if it had to with that; people really wanted to see George crash and burn. Unfortunately, this character was so new, so experimental; he became a lightning rod for all that. It was me, and it was [original Anakin Skywalker] Jake Lloyd who took a lot of the heat for the movie. Fortunately, I was in my 20s. I wasn’t eight years-old like Jake, who I think took it worse. Jake had it far worse than me. I’m a 20-year-old from from the Bronx; I’ve seen and I’ve done things that were a lot harder than criticism in that newspaper. Although it hurt me emotionally and it was hard to take at the time, it wasn’t debilitating for me. I just put my shoes on and went back to work. But Jake had a difficult time.

Zudem erwähnt Ahmed Best die Ohnmacht, mit der ein/e Schauspieler/in am Endes des Tages konfrontiert wird, weil eine Filmproduktion eben noch aus zehntausendfünfhundertmillionen anderen Teilen besteht.

All we’re trying to do is our best work and more of it. We’re trying to get the director’s vision on the screen so that the director is happy, and we can move on and do another project. So, when folks were holding Jake accountable for final decisions that George made it was just completely unfair. No one really understands—outside of the movie industry—how these things are made, and it’s a miracle that any of them get made. When criticism like that affects the future of an actor when has a very little control over what’s going on on the screen, that’s when it gets tough.

Und letzten Endes ist die Filmgeschichte voll von Beispielen, bei denen ein ähnlicher Konflikt mit viel verheerenderen Konsequenzen ausgegangen ist, als Jake Lloyds kürzliche Verfolgungsjagd mit der Polizei von South Carolina.

Abschließend ein wunderbares Fundstück, das ich noch nicht kannte und am liebsten mit John Boyegas Worten betiteln würde: „Get over it.“

#TBT the first draft of my #starwars ep. 2 script. And yes that was the original title of #attackoftheclones

A photo posted by Ahmed Best (@bestahmed) on

Star Wars: Episode I – The Phantom Menace © Lucasfilm

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias


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