Knight of Cups – Kritik

Knight of Cups - Kritik

Terrence Malick setzt seine jüngste Schaffensphase nach The Tree of Life und To the Wonder mit Knight of Cups überaus konsequent fort. Nach dem Lebeb und der intimen Momentaufnahme eines Augenblicks folgt nun das Porträt einer Stadt, namentlich Los Angeles. Dazwischen befindet sich weiterhin ein Protagonist, der wahrhaftig zwischen den Bildern schwebt. Auf moviepilot habe ich aufgeschrieben, warum ich mich in Terrence Malicks poetische Odyssee verliebt habe.

Der Knight of Cups (zu deutsch: Ritter der Kelche) ist fester Bestandteil eines jeden Tarotkartendecks. So beständig er zwischen seinen Kartenkollegen und -kolleginnen auftauchen mag, so unberechenbar präsentiert er sich im Rahmen seiner späteren Offenbarung: Sollte er aufrecht liegen, steht der Kelchritter für neuen Schwung. Er wirbelt die Redundanz des Alltags auf, bläst frischen Wind in die schlaffen Segel einer ermüdeten Seele und ist allgemein nicht schüchtern, wenn es um die Neuausrichtung des Lebens geht. Folglich ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten in seiner Gegenwart – es sei denn, jener schicksalhafte Mann in Rüstung zeigt sein Antlitz in umgekehrter Position. Sollte der Knight of Cups auf dem Kopf stehen, so verwandeln sich seine positiven Eigenschaften in negative. Aus liebenswürdigem sowie intelligentem Auftreten wird ein Zeitgenosse der Enttäuschung. Unzuverlässig und rücksichtslos mischt sich der Ritter der Kelche ins irdische Treiben ein. Vor falschen Versprechungen und bewusstem Betrug schreckt er dabei zum Wohle eigener Ergötzung nicht zurück.

„Once there was a young prince whose father, the king of the East, sent him down into Egypt to find a pearl. But when the prince arrived, the people poured him a cup. Drinking it, he forgot he was the son of a king, forgot about the pearl and fell into a deep sleep.“

Es ist also stets ein Rätsel, auf welcher Seite der Destination sich der Knight of Cups befindet. Und auch Terrence Malick macht daraus kein Geheimnis, dass sein Protagonist ein launischer Weggefährte ist, der verloren im Exzess jeglichen Boden unter seinen Füßen verliert. Mit Emmanuel Lubezki schwereloser Kameraführung im Rücken taucht Terrence Malick in die Wogen einer pulsierenden Stadt in Los Angeles County ein, gleich in der Nähe jener Stadt der (gefallenen) Engel, die David Cronenberg zuletzt in seiner bitterbösen Satire Maps to the Stars auseinander genommen hat. Während die Dekonstruktion Hollywoods mit Julianne Moore, Mia Wasikowska und Robert Pattinson gnadenlos und direkt erfolgte, schwingt sie bei Terrence Malick nur im Hintergrund mit, sich in assoziativen Bildfolgen mit dem Schicksal von Rick (Christian Bale) vereinend. Rick gehört zu den Sternchen, die – obgleich sie nicht jeden Abend im Blitzlichtgewitter einen anderen roten Teppich passieren – ganz oben angekommen sind. Eine Erfüllung in seinem Schaffen hat er bis dato jedoch nicht gefunden. Ziellos lässt er sich treiben; ein Durchtriebener auf der Suche nach einem Fundament.

Gleich zu Beginn fällt Rick auf einer Party um, kullert über das Dach eines der höchsten Hochhäuser im Stadtzentrum und verliert sich später in den Untiefen eines Pools mit glasklarem Wasser. Ständig von hübschen Mädchen umgeben streift er durch die Straßen – ein Bild wunderschöner Hässlichkeit. Wo vorher bei Terrence Malick die unberührte Reinheit der Natur regierte, breitet sich nun urbanes Schnaufen aus. Elegante Bauten versuchen sich im Minutentakt in ihrer Erhabenheit zu übertreffen, obwohl Terrence Malick diese architektonische Welt im Anschluss kompromisslos aus ihren Fugen hebelt. Die Kamera wirbelt umher, befindet sich genauso wie der Knight of Cups mal aufrecht und kurz darauf auf dem Kopf. Dennoch versteckt sich überall das Geometrische; klare Linien, Formen und Strukturen. Erst ein Erdbeben bringt alles durcheinander, gänzlich unerwartet. Auf einmal zerspringt Glas in Unmengen und jede noch so perfektionierte Konstruktion erliegt der überwältigenden Naturgewalt. Rick wird wachgerüttelt, aus einem tauben Tiefschlaf gerissen und erkennt die Leere seines Lebens. Ein Leben, das dermaßen leer ist, dass es nicht einmal (mehr) beraubt werden kann, wie zwei Gangster enttäuscht feststellen müssen, als die in der Wohnung des Protagonisten nichts außer kalten Minimalismus und ein dickes Bündel (wertloser) Dollarscheine entdecken.

Trotzdem folgt Knight of Cups mit dieser Erkenntnis keinem Narrativ der Verwandlung. Vielmehr – und wie sollte es bei Terrence Malick anders sein – formt sich das folgende Geschehen aus einzelnen Gedanken, Momentaufnahmen und der poetischen Verknüpfung selbiger. Aus einer geradezu explodierenden Lichterwand wird innerhalb des Bruchteils einer Sekunde ein Gebirge, so majestätisch in seiner Ewigkeit, und der nächste Schnitt lässt Rick im Schaum des Meeres versinken. Fußspuren am Strand, Fußspuren einer Geschichte. Überall verstecken sie sich – seien sie von Natalie Portman, die unbeschwert durch Wellen hüpft, oder von Cate Blanchett, die sich auf den Spuren von Jessica Chastain fast im Vorhang der heimischen Wohnung verirrt. Wenngleich sich die bisher beschriebenen Eindrücke nach purem Standard-Malick-Repertoire anhören, sticht Knight of Cups durchaus aus dem Œuvre des Regisseur heraus. Unangenehm und bedrohlich wirken die Untertöne des Kelchritters. Zwischen dem unschuldigen Hund, der verzweifelt versucht, im Wasser nach einem Ball zu schnappen, schlummert etwas Düsteres, das sogar Rick aus der Bahn wirft und ihm Angst einjagt.

Eine zerbrochene Ehe, ein Streit mit Bruder und Vater sowie die kurzweilige Gesellschaft einer Liebschaft: All diese Erfahrungen gehen ineinander über, spielen sich parallel ab und vermischen sich in Bewegungen. Denn gerade diesen Bewegungen schenkt Terrence Malick unermüdliche Aufmerksamkeit – angefangen bei einer zärtliche Berührung hinter der spiegelnden Oberfläche einer wandgroßen Fensterscheibe über bereits erwähnten Hund, der wie auch Rick hilflos unter Wasser paddelt und vergebens nach etwas zu greifen versucht, bis hin zu Holzsplittern und zerbrochenem Porzellan, das unbeherrscht kontrolliert durch den Raum fliegt. Die Schönheit in jeder Faser des Films geht eine fatale Bindung mit dem Erschrecken von verheerender Einsamkeit ein. Rick bewegt sich alles andere als entschlossen durch die Straßen Santa Monicas, dort, wo die gefallenen Engel enden. Gepeinigt von der Fügung des Lebens erscheint Rick schon am Anfang auf einer eskalierenden Party ein entsprechendes Geschöpf mit Flügen, das ohnmächtig vom Himmel zu fallen scheint.

Von Obdachlosen und Müllbergen umgeben gipfelt Ricks rastloser Exzess im unbestimmten Treiben, gefüllt von unzähligen Momenten der Epiphanie. Worte aus dem Off beschreiben Erinnerungen, Wünsche und Träume. Ein zerbrechliches Fragment-Werk, das von Hanan Townshend musikalischem Unterbau auf dem schmalen Grat des Zerfalls zusammengehalten wird – zusätzlich sekundiert von Werken aus der Feder von Edvard Grieg über Ludwig van Beethoven bis Frédéric Chopin. Sich in Knight of Cups zu verlieren ist wundervoll. Gerade dann, wenn Rick ohne konkretes Ziel um eine Ecke geht und sich in einem menschenleeren Straßenzug befindet. Ausgestorben, verlassen und trostlos: Die Kulissen der Traumfabrik wirken wie einer dieser unbeschreibliche Nicht-Orte, wo die Zeit stehen geblieben ist und nur der Augenblick existiert. Die Frage ist nur, was der Ritter der Kelche aus diesem Ort, der besonders aufgrund seiner unglaublichen Leere auch einem unbeschriebenem Blatt gleicht, in seiner Laune macht.

Knight of Cups © Berlinale

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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