Les Misérables – Kritik

Les Misérables

Am Anfang von Les Misérables stauen sich die Menschen in den Straßen von Paris. Zum WM-Finale sind sie aus den Vororten ins Stadtzentrum gekommen, um ihre Mannschaft anzufeuern. Faszinierend ist es, wie sich die Masse vereint bewegt, allerdings weniger zum Takt der Fanchöre, als einem langsam anschwellenden Brummen. Trotz der ekstatischen Freude in den Gesichtern, transportiert Regisseur und Drehbuchautor Ladj Ly in diesem Menschenauflauf etwas Bedrohliches, geradezu Unheimliches. Noch bestimmt eine gleichmäßige Bewegung das Chaos in der Weite der Stadt. Am Ende den Films bleibt nur noch ein verzweifeltes Hämmern in der Enge, während das Poltern im Hintergrund immer lauter wird.

Damit greift Ladj Ly eine Idee auf, die er 2017 bereits im Rahmen seines gleichnamigen Kurzfilms verfolgt hat: Les Misérables spielt – in Anlehnung an die Elenden von Viktor Hugo – im Pariser Stadtteil Montfermeil und beobachte die Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft. Dabei folgen wir einer Spezialeinheit der Polizei, angeführt von dem einschüchternden Chris (Alexis Manenti), der das Gesetz nach eigenem Ermessen auslegt und damit sichtlich kein Problem hat. Im Gegenteil: Nur so kann er sich mit seinem Kollegen Gwada (Djebril Zonga) im Viertel durchsetzen. Das irritier vor allem den Neuankömmling Stéphane (Damien Bonnard), der die Regeln des Ortes erst noch lernen muss, obwohl schnell feststeht, dass hier vieles grundlegend falsch läuft.

Ladj Ly, der selbst in Montermeil aufgewachsen ist, beschäftigte sich schon in seinem ersten Dokumentarfilm, 365 jours à Clichy-Montfermeil, mit der Gewalt in den Vororten der französischen Hauptstadt. Zudem filmte er 2008 selbst einen Polizeieinsatz, der außer Kontrolle geriet. Die Aufnahmen sorgten später dafür, dass die Polizisten verurteilt wurden – ein Element, das auch in Form einer Drohne seinen Weg in Les Misérables gefunden hat. Von einem Jungen wird der Quadrocopter durch die Häuserblöcke gesteuert, als eine Auseinandersetzung zwischen den Polizisten und einer Gruppe Jugendlicher eskaliert. Dann fällt ein Schuss und die digitale Aufnahme wird Auslöser einer dramatischen Verfolgungsjagd.

Beobachtungen spielen folglich eine entscheidende Rolle: Ladj Ly dokumentiert nicht nur die Grenzüberschreitungen, sondern beschäftig sich ebenso mit den Strukturen, die dafür verantwortlich sind, dass Chris mit seinem Team wie ein Cowboy durch den Wilden Westen reitet und allen Widerständen ein achtloses „Ich bin das Gesetz!“ ins Gesicht schleudert. Mit jeder weiteren Minute spitzt sich die Lage zu, selbst wenn sich Stéphane als ausgleichende Kraft zwischen den Fronten bemüht. Es kostet alle Kraft, sich gegen das Etablierte zu stellen, besonders dann, wenn Ladj Ly die moralische Diskrepanzen seiner Figuren zum Vorschein bringt. Ein Kompromiss folgt auf den nächsten. Schlussendlich rettet dieses Feilschen um Macht aber nur in den nächsten Tag.

Selbst der höchste Einsatz verpufft im Angesicht der Zeit. Nichts von dem, was Chris und sein Team bewirken, baut auf Nachhaltigkeit. Stattdessen werden wir in Les Misérables Zeugen von dem hoffnungslosen Versuch, einen toxischen Status quo zu erhalten, der andere unterdrückt. Hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um die Angst, dass man von was weniger hat als der andere. Das kann zum Beispiel eine Handelsfläche sein, hauptsächlich aber geht es um Macht. Dieser Kampf wird unter den Erwachsenen ausgetragen, während die Kinder wie Schachfiguren auf einem Brett verschoben und im Fall ihres Versagens mit Lektionen gerügt werden. Der daraus entstehende Teufelskreis erklärt sich von selbst: Gewalt löst Gewalt aus.

In Les Misérables können wir die Eskalation geradezu in Zeitlupe verfolgen. Selbst wenn nach einer kurzzeitigen Zuspitzung der Ereignisse der Eindruck entsteht, das Schlimmste wäre überstanden, kocht die Wut kurze Zeit später wieder hoch, bis es kein Halten mehr gibt. Helden sucht man hier auf beiden Seiten vergebens, auch wenn es Ladj Li gelingt, dass wir mit einzelnen Figuren mitfiebern – in der Hoffnung, die Situation könne in einem ruhigen Gespräch doch noch unter Kontrolle gebracht werden. Es ist die beklemmendste Erkenntnis in Les Misérables: Das Treppenhaus mit allen seinen Türen und Gängen, die eigentlich Möglichkeiten bieten und Verbindungen schaffen sollten, hat sich längst in eine apokalyptische Sackgasse verwandelt.

Les Misérables © Alamode Film