Logan – Kritik

Logan - Kritik

Nachdem Hugh Jackmans erster Auftritt als Wolverine in X-Men kurz nach der Jahrtausendwende eine neue Ära des Superheldenkinos einläutete, sehen wir nun in Logan dem ersten neuen Superhelden beim Sterben zu. Das dritte Spin-off, das sich exklusiv um den titelgebenden Mutanten dreht, ist ein jäher Abgesang auf das Heldentum in Form eines apokalyptischen Westerns, der seinen eigenen Mythos zu Grabe trägt. Völlig unabhängig, wer hier wie, wann, warum und ob überhaupt stirbt, geht es James Mangold es um ein exemplarisches Requiem, das nach 17 Jahren die Konsequenzen zieht, vor denen sich das Marvel Cinematic Universe selbst in seiner dritten Phasen noch drückt. Logan kennt keine Regeln und weiß sie dennoch alle zu brechen: Wenn Hugh Jackman ein letztes Mal in die Rolle seines Lebens schlüpft, erfolgt nicht weniger als die leidenschaftlichen wie krönende Dekonstruktion der eigenen Legende.

In unzähligen Kriegen hat er gekämpft und ebenso viele Menschen getötet. Der Wolverine war von Anfang an kein strahlender Held, sondern ein zweifelnder. Verfolgt von einem verheerenden Trauma sucht der Mutant, dessen spezielle Fähigkeit es ist, sich binnen weniger Sekunden selbst von den schlimmsten Verletzungen wieder vollständig zu heilen, seinen Weg durch die Geschichte. Nach all den Jahren könnte geradezu der Eindruck entstehen, er sei unsterblicher Natur. Immerhin überlebt die Figur im Rahmen der Handlung überdurchschnittlich viele Dekaden und kehrt darüber hinaus als einer der wenigen Bestandteil der überaus unbeständigen X-Men-Franchise in regelmäßigen Abständen auf die große Leinwand zurück – sogar diverse Soft-Reboots der Reihe hat der Wolverine überlebt. Jetzt ist das Ende jedoch förmlich spürbar. Der Himmel ist in lila-orange-rote Farben getaucht. Heute Nacht wird Blut vergossen.

Heruntergekommen mimt Hugh Jackman seinen sonst zuverlässig überlebensgroßen Superhelden, der sich coole Posen leisten, weil er im Anschluss auch austeilen kann. Von Lederjacken und Zigarren existiert im tristen Opening von Logan allerdings keine Spur. Stattdessen befindet sich der Protagonist am Ende einer langen Reise, die unfassbar viele Verluste gekostet hat. Seit 25 Jahren wurde kein neuer Mutant mehr geboren. Das Jahr 2029 gleicht einer dystopischen Version des einst so strahlenden X-Men-Universums. Ja, düsterer noch als die alternative Timeline in X-Men: Days of Future Past. Waren sich Bryan Singers Franchise-Beiträge ihrem Comic-Ursprung stets sehr bewusst, lässt Logan diese Wurzeln größtenteils hinter sich und beschwört eine abgründige Weltuntergangsstimmung herauf, die zudem als bittere Parabel auf das gegenwärtige Amerika funktioniert, das im unklaren Staub der Wüste unterzugehen droht.

Die Abenteuer der X-Men waren nie verlegen, sich als zeitpolitischer Kommentar zu verstehen. Anno 2017 geht es um Flüchtlinge, Grenzen sowie die Überschreitung selbiger. Logan entführt in die Welt einer verdorbenen Gesellschaft, die sich entgegen besseren Wissens in ihrer Erbärmlichkeit suhlt. Von Superhelden träumt hier niemand mehr. Lediglich das Merchandise hat die Zeit überdauert und sorgt für verklärende Erinnerungen. Wolverine ist ein Fremder in seinem eigenen Comic-Heft – mit den bunten Farben und Bildern kann er sich jedoch kaum identifizieren. Zu tief sitzt der Schmerz, der sich seit Beginn der Erzählung tief in seinem Innern formt. Ab diesem Punkt bringt James Mangold zusammen mit seinen Co-Autoren Scott Frank und Micahel Green ein Bemerkenswertes Bewusstsein für das Vergangene mit. Logan ist sich seiner filmischen Origin-Story extrem bewusst, was insbesondere im Zusammenspiel mit alten und neuen Gesichtern beispiellos zur Geltung kommt.

Während Charles Xavier aka Professor X (Patrick Stewart) von Anfang an Teil der X-Men-Geschichte war, gesellt sich mit Laura aka X-23 (Dafne Keen) ein völlig unbeschriebenes Blatt in die Runde, das dennoch die Macht besitzt, bestehende Beziehungen zwischen den Figuren gewaltig ins Wanken zu bringen. Dass Logan das Ende einer Ära markiert, daran besteht kein Zweifel. Der Erhalt des Status quo ist nicht weiter von Belang. James Mangold kann endlich das letzte Wolverine-Kapitel aufschlagen, als würde er den Unforgiven des Superheldenfilms inszenieren. Eine Abrechnung des Tötens, die gerade deswegen so ultra-brutal ausfällt, weil der Schrecken nicht länger versteckt werden kann. Wie eingangs erwähnt interessiert sich Logan vor allem für die qualvollen Konsequenzen und demonstriert dies anhand von drei Mutanten-Generationen, die in einem mitreißenden wie vernichtenden Roadtrip der Endlichkeit allen Lebens entgegenblicken. Zum Schluss bleibt bloß einehrfürchtiges Zittern.

Logan © 20th Century Fox

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.