Looper – Kritik

Looper - Kritik

Am Rand eines kargen Maisfeldes: Der Blick von Joseph Gordon-Levitt fokussiert eine unerbittlich tickende Taschenuhr und nimmt anschließend ein ausgebreitetes weißes Laken ins Visier. Noch im gleichen Moment erscheint dort ein gefesselter Mann, ein Knall ist zu hören und die Brust des Neuankömmlings wird zerfetzt. Postum befindet sich dieser wenige Augenblicke später auf dem Weg zur Verbrennungsanlage und Protagonist Joe hat sein Tagwerk erfolgreich erledigt: Als Looper ist er für die Beseitigung des Mülls von Morgen verantwortlich, der via Zeitreise die Welt im Jahr 2044 erreicht. Obwohl dieser Einstieg ebenso unmittelbar wie der einer klassischen Kurzgeschichte ist, kommt Regisseur Rian Johnson im weiteren Verlauf nicht daran vorbei, seine vorgestellte Dystopie erst einmal zu erklären. Während Regie-Kollege Christopher Nolan in ‚Inception‘ sogar eine ganzen Charakter (Ellen Page) aufgeopfert hat, um das Publikum an die Hand zu nehmen und die Regeln des Science-Fction-Actioners zu erklären, löst Rian Johnson diese Aufgabe um einiges eleganter. Wenn Joseph Gordon-Levitt durch das Zukunftsszenario von Kansas streift, wird der Mikrokosmos von ‚Looper‘ fast beiläufig dargelegt und dank gelungener Inszenierung gehört der erste temporeiche Auftritt von Bruce Willis zu einer der effektivsten und stärksten Charaktereinführungen des Jahres.

Bevor sich ‚Looper‘ jedoch in Spielereien und selbstverliebten Details verliert, tritt die Storyline aktiv in Kraft und eine der spannendsten Prämissen im Science-Fiction-Genre seit geraumer Zeit mutiert zur atemberaubenden Hetzjagd. Als Gegenentwurf zu aktuellen Blockbustern à la ‚Total Recall‘, besteht hier der dominierende Nährwert des Dargestellten nicht nur aus dem optischen Rausch der überbordenden Spezial Effekte. Stattdessen baut Rian Johnson auf authentische Kulissen, die nicht sofort als reine Staffage entlarvt werden können, sondern tatsächlich ausschlaggebend für ein überzeugendes Zukunftsszenario sind. Dieses findet sich irgendwo zwischen dreckigen und düsteren ‚Blade Runner‘-Referenzen sowie trostloser und ländlicher Prärie wieder. Trotzdem bietet die raue Optik ihre visuellen Reize, denn auch ‚Looper‘ besitzt Aufnahmen einer futuristischen Skyline inklusive Häuserschluchten und sogar die aktuell im Kino sehr inflationär verwendeten Lens Flares werden vorbildlich als atmosphärisches Stilmittel zum Einsatz gebracht. Rian Johnson beweist einmal mehr, dass sich ein audiovisuelles Erlebnis nicht zwangsläufig aus netten Schauwerten und dröhnenden Bässen definieren muss, sondern auch eine weniger herkömmliche Herangehensweise überzeugen kann.

Dabei erfindet ‚Looper‘ sein eigenes Genre natürlich nicht neu und dennoch sind Begriffe wie originell und unkonventionell keine übertriebene oder gar unangebrachte Beschreibung. Bereits sein Debüt ‚Brick‘ war ein mutiger und eindrucksvoller Zusammenklang der unterschiedlichsten Elemente und auch sein jüngstes Werk zeichnet Rian Johnson als einen der kreativsten und talentiertesten Regisseure unserer Zeit aus. Nachdem er bereits Comic of Age-Drama, Highschool-Milieu und den Film noir kongenial unter einer Decke vereint hat, steht ‚Looper‘ ebenfalls im Zeichen filmgeschichtlicher Einflüsse. Standards wie Thriller, Drama und Action vermischen sich im Gewand eines Science-Fiction-Films mit Western-Details zu einem faszinierenden Neo-Noir-Zeitreise-Spektakel und unter diesen Umständen ist eine facettenreiche Geschichte – zumal der sowieso schon aufregenden Plotidee wegen – vorprogrammiert. ‚Looper‘ atmet den Geist von Klassikern wie ’12 Monkeys‘, setzt sich gleichzeitig aber auch als eigensinniger und eigenständiger Beitrag durch.

Existenzielle Fragen sowie die Konfrontation mit dem eigenen Ich prägen die Metaebene und im kleinen Rahmen findet sich ein ausgeklügeltes Drama wieder, das auch ohne Grundsatzdiskussionen bewegt. Zwischen Raum und Zeit lässt sich ‚Looper‘ ebenso als Metapher auf die Verantwortung der Gegenwart für die Zukunft wie auch als Überwältigung des Egoismus und der Selbstbestimmung lesen. Letzten Endes geht es um nicht weniger als das Schicksal unserer Erde, das im finalen Showdown folgenschwer entschieden wird. Bis es soweit kommt, werden sowohl die Charaktere präzise vertieft und sollte furiose Action gerade das Gebot der Stunde sein, entsteht diese stets als Notwendigkeit der Handlung und verkommt folglich kaum zum reinen Selbstzweck. Bruce Willis bekommt auch seinen Moment geliefert, um eine großartige One-Man-Show abzuliefern und toppt dabei im Handumdrehen sowohl seinen Einsatz in ‚Stirb Langsam 4.0‘, wie auch in ‚The Expendables 2‘. Emily Blunt überzeugt ebenfalls – wenn auch nur an vierter Stelle, denn Pierce Gagnon arbeitet sich mit unheimlicher Präsenz öfter in den Vordergrund des Geschehens.

Im Westen nichts Neues? Ganz im Gegenteil: Rian Johnson jongliert gekonnt mit Genres, überzeugt mit komplexer Handlung und schließt ‚Looper‘ im finalen Paukenschlag als doppelbödiges und dramatisches Stück Kino ab. Nicht zuletzt demonstriert der vielfältige Soundtrack von Nathan Johnson als Symbiose aus standardisierten Blockbuster-Klängen und einfallsreichen musikalische Besonderheiten bemerkenswert, dass Originalität und frische Ideen noch nicht ausgestorben sind. ‚Looper‘ ist ganz groß!

Von Matthias Hopf

Looper © Concorde
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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