Mad Max & die Sound-Eskalation der Fury Road

Mad Max & die Sound-Eskalation der Fury Road

Schon in den Trailern hat er für Aufsehen gesorgt: Ein Gitarrist mit Flammenwerfer-Gitarre, der auf dem Dach eines gigantischen Monstertrucks inmitten einer ekstatischen Verfolgungsjagd von Mad Max: Fury Road für Krawall sorgt. Ein Detail das selbst in einem furiosen Inferno des absoluten Irrsinns – wie es George Millers Rückkehr ins Wasteland ist – heraussticht und für den Bruchteil einer Sekunde sogar die eigentliche Action-Orgie in den Hintergrund verdrängt. So absurd, so bekloppt, so grotesk: Nicht einmal sehen kann er, der Gitarrist, der auf den liebevollen Namen Doof Warrior reagiert. Darüber redet er kein Wort, sondern verständigt sich alleine durch seine Präsenz inklusive Musikspiel zum Schlachtgetümmel. Während Antagonist Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) die Verfolgung seiner entflohenen Frauen aufnimmt, treibt der, vom australischen Schauspieler und Musiker iOTA verkörperte, Hofnarr die Vehikel-Armada an. Ein Riff nach dem anderen dröhnt durch eine riesige Anlage, als wären es Peitschenhiebe, die das Fußvolk antreiben, die Krieger wild machen sollen.

Natürlich gibt es auch die obligatorischen Trommeln, die unerbittlich einen strammen Takt vorgeben. Doch an Taktangaben hält sich der Doof Warrior letztendlich genauso wenig wie George Miller an eine klinische Inszenierung dieses durchgeknallten Einfalls. Mad Max: Fury Road ist ein Film, der Grenzen durchbricht und generell in einer kraftvollen Ouvertüre verschwimmen lässt. Auf Ordnung wird wenig Acht gelegt, nicht zuletzt provoziert George Miller in seinem orchestrierten Tohuwabohu immer wieder den Augenblick des Kontrollverlusts, der absoluten Eskalation. Bilder gleiten in assoziativen Schnittfolgen in einem visuellen Rausch über – und auch auf der auditiven Ebene entsteht ein vergleichbarer Mischmasch, der nie zur Ruhe kommt, sondern stets am Brodeln ist. Dieser kräftige Pulsschlag überträgt sich auf diegetischer sowie nicht-diegetischer Ebene. Während der Soundtrack von Junkie XL in jedem anderen Film das Treiben auf der großen Leinwand ganz unberührt für das Publikum untermalt hätte, wird er in Mad Max: Fury Road ständig unterbrochen. Der Doof Warrior zerstört respektive durchbricht die letzte Ordnungsinstanz und sprengt regelrecht den Rahmen der filmischen Wirklichkeit.

Während Max Rockatansky (Tom Hardy) und Imperator Furiosa (Charlize Theron) trotz halsbrecherischen Stunts und waghalsigen 3D-Effekten mehrmals aus der Leinwand auszubrechen drohen, reißt der Doof Warrior diese einfach nieder, bricht tatsächlich aus und lässt seine kreischenden Gitarrensounds mit dem Score von Junkie XL verschmelzen – allerdings ohne sich die Mühe zu machen, dynamisch in die musikalische Untermalung einzusteigen. Nein, ganz im Gegenteil: Die Gitarrenriffs bleiben angerissene Akkorde, extrem verzerrt und mit Sicherheit alles andere als harmonisch. Trotzdem wirkt der gitarrenspielende Krieger mit seinem Tun und Handeln nie deplatziert, sondern fügt sich organisch in das impulsive Gesamtwerk ein. Der Übergang von diegetischer zu nicht-diegetischer Ebene, der sonst ein feiner Kunstgriff – sprich Stilmittel und somit deutlich erkennbar ist – avanciert unter der regieführenden Hand von George Miller zum unsichtbaren Biest, das nicht gezähmt werden, sondern omnipräsent die filmische Wirklichkeit durcheinander wirbelt. Pauken sind nicht mehr Teil des Soundtracks, sondern stehen für die unausgesprochene Befehlsgewalt Immortan Joes, ebenso die schrägen, dröhnenden Gitarrensoli.

Es ist fast ein bisschen so wie Electros (Jamie Foxx) bedrohlicher Monolog in The Amazing Spier-Man 2, der gleichzeitig Bestandteil der diegetischen und nicht-diegetischen Ebene war. Während der Bösewicht in Marc Webbs Comic-Blockbuster auf der einen Seite seine Worte ganz eindeutig zum Tonus des Soundtracks von Hans Zimmer und The Magnificent Six eingesprochen hatte, richtete sich seine Ansage im Film direkt an die Menschen von New York City – als würde er sich auf dem schmalen Grat eines Musicals den Menschen der Metropole vorstellen und in ebenjenem Atemzug die Einführung seines eigenen Charakter für die Zuschauer im Kinosaal übernehmen. Musik und Film können so viel mehr, als nur nebeneinander koexistieren. Die vermeintliche Unordnung in The Amazing Spider-Man 2 und jetzt auch Mad Max: Fury Road sind die besten Beispiele dafür: Der Interaktion sind keine Grenzen gesetzt und dann ist es auch kein Wunder mehr, wenn sich dieser unscheinbare Doof Warrior mit seiner Flammenwerfer-Gitarre in einen cleveren Scene-Stealer verwandelt, der nicht nur aufgrund seines eigenwilligen Auftritts, sondern ebenso aufgrund seines unheimlich umfangreichen Eingreifens in das gesamte Konstrukt Mad Max: Fury Road im Gedächtnis bleibt.

Mad Max: Fury Road © Warner Bros.

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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