Mad Max: Fury Road – Kritik

Mad Max: Fury Road - Kritik

Mad Max: Fury Road, seines Zeichens schon das vierte Segment einer Reihe, die seit Ende der 1970er Jahre die cinematische Post-Apokalyps. Stets im dystopischen Wüstensand: Irgendwo zwischen Roadmovie und Weltuntergang erschuf George Miller drei Werke mit jeweils eigener, unverkennbarer DNA. Auch 30 Jahre später hat das regieführende Mastermind hinter der Geschichte rund um den ehemaligen Cop und jetzigen Outlaw Max Rockatansky nicht die kreative Kontrolle verloren – und das obwohl Mad Max: Fury Road eine millionenschwere Blockbusterproduktion ist. Nahezu losgelöst von sämtlichen Regeln und Einschränkungen, startet George Miller das Reboot des Road Warriors sprichwörtlich mit dem Zünden eines Motors gleich zu Beginn des Films. Ein Brummen, ein Summen und es soll für die darauffolgenden zwei Stunden kein einziges Mal verstummen. Pausenlos liefern sich die Figuren in der darauffolgenden Vehikelschlacht einen Kampf auf Leben und Tod. Nicht einmal zum durchatmen haben sie Zeit, die Verbliebenen Menschen dieser düsteren Zukunftsvision. Pure Kinematik, pure Bewegung: Das ist Kino, vollkommen ungehemmt und schonungslos, hässlich und wunderschön zugleich.

Ekstatischer Wahnsinn, absolute Eskalation: Mad Max: Fury Road ist ein tosendes Inferno, das ohne Rücksicht auf Verluste niemals zur Ruhe kommen will und gerade dadurch den kompletten Stillstand erzeugt. Leichtfüßig, präzise und kontrolliert erweckt George Miller dieses pulsierende Spektakel zu Leben und dennoch kann er nicht verschleiern, dass ihm seine entfesselte Furie immer wieder die Zügel aus der Hand zu reißen droht und die letzte Bastion der Sicherheit einreißt. Aber gerade diese Risikofreude verwandelt den Film in jenes aufregende sowie intensive Erlebnis. Plötzlich befindet sich George Miller wieder am Ursprung seines Schaffen – genau genommen an jenem Punkt, an dem er seinen eigenen Wohnwagen opferte, um einen Moment für die Ewigkeit zu schaffen – ganz egal wie unscheinbar sich dieser in das spätere Gesamtkunstwerk eingliedern würde. Mit bedingungsloser Hingabe probiert sich der Regisseur aus, verfolgt eine Vision, selbst wenn er kein direkten Ziel vor Augen hat. Dieses Ziel spielt in Mad Max: Fury Road allerdings auch keine primäre Rolle mehr, denn was in erster Linie zählt, ist das monströse Inferno, das – wie bereits erwähnt – aus ständiger Bewegung respektive Stillstand resultiert.

Die Fury Road ist eine wüste Straße voller Gefahren und Hindernisse. Verfolger von allen Seiten und am Ende das Ganze nochmal, denn nach sämtliche Meilen, die Imperator Furiosa (Charlize Theron) mit ihren (un)freiwilligen Begleiterinnen und Begleitern zurückgelegt hat, gilt es den Weg zum Schluss wieder in die entgegengesetzte Richtung zu bewältigen. Ein hin und her im Wasteland – und trotzdem verläuft sich der titelgebende Krieger nicht in der willkürliche Unendlichkeit dieses Landstrichs. Mad Max: Fury Road ist sehrwohl ein tiefgründiges, reflektierendes und geradezu erschütterndes Ungetüm in der aktuellen Blockbuster-Landschaft, wenngleich explodierende Monsterfahrzeuge und grotesk gestaltete Widersacher, die es inmitten selbiger zerlegt, definitiv das hemmungslose Treiben auf der Bildoberfläche dominieren. Was sich allerdings darunter verbirgt, ist ein tiefer Abgrund, den kein Sandsturm der Welt verschleiern kann. Egal wie schweigsam und abgebrüht Max (Tom Hardy) sich gegenüber seinen Weggefährten präsentiert, auch er verbirgt ein Trauma – ganz zu schweigen vom menschenverachtenden Höllekreis, dem Imperator Furiosa und die fünf Frauen (Rosie Huntington-Whiteley, Zoë Kravitz, Riley Keough, Abbey Lee und Courtney Eaton) des gestörten Herrschers King Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) zu entkommen versuchen.

Wenn sie nicht gerade dem gestörten Unterdrücker kein Kind schenken sollen, werden die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes gemolken, während der Rest des Volkes am Fuße der Zitadelle, jener Felsenfestung des Antagonisten, von Seuchen und anderen Krankheiten heimgesucht wird. Dann präsentiert sich King Immortan Joe, spricht vom schwarzen Gold – dem Treibstoff der metallen-schmierigen Post-Apokalypse – und gewährt den Verdurstenden in seiner demonstrativen Güte ein paar Tropfen Wasser. Das wuselnde Chaos löst sich in zerstörerische Abhängigkeit. Ein bestehendes System, in das sich Max durch Zufall verirrt, denn selbst wenn der Held des Franchise in großen Letter auf dem Poster steht, ist er in George Millers überwältigend orchestrierter Mythen-Wiederbelebung ein regelrecht stummer Begleiter. Ungeschickt stolpert er in eine Handlung, die eigentlich ganz dem Schicksal von Imperator Furiosa gehört. Und die ist eine der spannendsten Frauenfiguren im entsprechenden Genre überhaupt. Nicht, weil es großartig thematisiert wird, sondern viel mehr, weil sie mit Max einfach auf einer Augenhöhe agiert. Der Schmerz ist auf beiden Seiten echt – völlig unabhängig, welches Geschlecht sich schreiend in die brennenden Dünen schmeißt.

Diese Selbstverständlichkeit auf allen Ebenen spricht im Endeffekt für den gesamten Film und den Auteur George Miller, der selbstbewusst variiert, anstelle sich in der Redundanz seines eigenen Vermächtnis zu verlieren. George Miller ist jemand, der das Kino vorantreibt und im konkreten Fall von Mad Max: Fury Road tatsächlich einen jener sagenhaften Winkel auf der großen Leinwand entdeckt, die bis dato fast unangetastet waren. Das Ergebnis gestaltet sich als berauschendes Erlebnis irgendwo zwischen John Fords Stagecoach und Peter Weirs The Cars That Ate Paris. Dazwischen pocht ein unaufhaltsamer Trieb, wie er schnon Snowpiercer, Dredd und Resident Evil: Retribution von einem Level in das nächste gejagt hat. Der entscheidende Unterschied ist nur, dass bei George Miller all diese Grenzen im Abbild einer unfassbaren Bestie verschwimmen und verschmelzen. Alles ist ein Rauschen, ein Dröhnen. Nach der ersten Zündung des Motors gibt es kein Zurück. Max Rockatansky ist in einem neuen Kapitel seiner eigenen Geschichte angelangt – und zwar mit wundervoller Begleitung und einem Haufen kriegswütiger Vehikel, die förmlich darauf warten, im apokalyptischen Tohuwabohu auseinandergenommen zu werden.

Mad Max: Fury Road © Warner Bros.

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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