Moana – Kritik

Moana - Kritik

Nachdem Disney Anfang des Jahres eine Horde sprechender Tiere losgelassen hat, die uns Menschen in ihrem Tun und Handeln gar nicht so unähnlich waren, folgt mit Moana (hierzulande als Vaiana betitelt) zum Ausklang des Jahres ein Märchen, ganz in der Tradition jüngster Produktionen wie Tangled und Frozen. So etabliert wie ausgeklügelt die Formel auch sein mag, die sich auf jeden Disney-Film anwenden lässt: Die Welt ist im Wandel und gewisse Dinge, die einst selbstverständlich waren, müssen dringendst überdacht werden. In den vergangenen Jahren waren entsprechende Bemühungen bei Disney eindeutig zu erkennen – sei es mehr Diversität bei den Figuren oder eine Kurskorrektur in punucto propagierter Rollenbildern. Moana fällt eindeutig in diese Übergangsphase, in der die Neuorientierung allerdings nicht nur aus dem Trieb nach politischer Korrektheit resultiert, sondern tatsächlich als Möglichkeit wahrgenommen wird, um erzählerisch neue Territorien zu entdecken. Dabei konzentriert sich Moana im Kern auf eine einfache, altbekannte Geschichte, nutzt diese klare Grundlage jedoch hervorragend, um im Einklang mit dem Erzählten den Diskurs anzuregen.

Anfangen tut alles mit einem kleinen Mädchen, der titelgebenden Protagonistin des Films. Moana (Auli’i Cravalho) wächst als Tochter des Chiefs der idyllischen Südseeinsel Motunui auf, die dem Paradies auf Erden gleicht und gar nicht daran denken lässt, diesen wunderbaren Ort jemals zu verlassen. Dennoch zieht es Moana immer wieder an den Strand, wo die Wellen des Meeres im Sand verlaufen. Der Blick Richtung Horizont offenbart weite Ferne, doch es scheint geradezu unmöglich, überhaupt das Riff zu passieren. Vielseitig sind die Gründe, die Moana davon abhalten, die Grenzen ihrer Heimat zu überwinden. Als jedoch die Fischer ohne Fang nach Hause kommen und sämtliche Früchte auf der Insel verderben, zwingt die Not Moana zu einer wagemutigen Entscheidung, die ihr Leben für immer verändern soll. Durch ihre Großmutter erfährt sie, dass die Vorfahren ihres Stamms einst als Entdecker die Weltmeere eroberten. Nun ist es ihre Aufgabe, die vergangenen Tage neu aufleben zu lassen. Nicht zuletzt muss sie den Halbgott Maui (Dwayne Johnson) finden, der durch einen Diebstahl all die Probleme verursacht hat, unter denen die Menschen auf Motunui leiden.

Es beginnt – wie sollte es anders sein – ein großes Abenteuer. Alleine macht sich die inzwischen 16-jährige Moana gegen den Willen ihres Vaters auf den Weg ins Unbekannte. Keine zehn Minuten vergehen, da hat das Drehbuch aus der Feder von Jared Bush die zentralen Themen dieser Odyssee offengelegt. Auf der einen Seite geht es um Selbstfindung und Selbstverwirklichung. Eine junge Frau, die eines Tages in die Fußstapfen ihres Vaters treten soll, wendet sich vom auferlegten Schicksal ab und geht ihren eigenen Weg. Die Rückbesinnung auf das Vergangenen spielt eine entscheidende Rolle, denn ohne Reflexion würde Moana nie den Mut finden, sich all den Gefahren und Herausforderungen ihrer Reise zu stellen. Es gilt, Geschichte und Erzählungen zu überprüfen. Immerhin könnte sich hinter der vermeintlichen Wahrheit ein großes Geheimnis verbergen, das Moana eine völlig neue Sicht auf ihr Leben offenbaren könnte. Auf der anderen Seite betont der von Ron Clements und John Musker inszenierte Film, wie wichtig das Bewusstsein für unsere Natur ist. Vor allem das ständige Geben und Nehmen steht dabei im Vordergrund.

Hätte Maui niemals das Herz der Naturgöttin Te Fiti gestohlen, wären die Ereignisse in Moana wohl niemals in Kraft getreten. Die Parabel mag simpel sein, entscheidend ist in diesem Fall jedoch ihre Notwendigkeit: Auf jede Handlung folgt eine Konsequenz und möglicherweise kann das Geschehene nie wieder rückgängig gemacht werden. Dementsprechend ist es von entscheidender Bedeutung, neue Wege zu gehen und Alternativen zu finden, wenngleich das Risiko des Scheiterns besteht. Moana wagt sich jedoch über das gefährliche Riff hinaus und findet – untermauert von ausgefeilter Bildsprache – eine Möglichkeit, wie sie im Einklang mit der Natur leben kann. Da sich der Film in erster Linie als abenteuerliches Märchen versteht, geht die Heldin im Verlauf der Geschichte sprichwörtlich ein Bündnis mit den Elementen ein. Ähnlich, wie es zuletzt Fantastic Beasts and Where to Find Them getan hat, fordert Moana einen Dialog, der sich neugierig dem Fremden nähert und vor allem eines verdeutlicht: Jegliche Angst ist vorerst unbegründet, wenn niemand den ersten Schritt macht. Entgegen der warnenden Sagen ihres Volkes geht Moana dieses Wagnis ein und wird vom sonst als so feindseligem beschriebenem Wasser mit offenen, kümmernden Armen empfangen.

Zu dieser Form von Dialog gehören ebenfalls zahlreiche Gespräche zwischen Moana und ihrem mehr oder weniger unfreiwilligem Wegbegleiter Maui, der zuerst einmal in seinem blinden Stolz gebrochen werden muss. „If you wear a dress and have an animal sidekick, you’re a princess!“, posaunt er in der Gegend herum, um Moana zu verdeutlichen, dass sie definitiv die falsche Person für Heldentaten sei. Charakterentwicklung und Metaebene in einer Szene: Dieses eine Zitat kann stellvertretend für alle Entwicklungen der jüngeren Disney-Filme genannt werden. Beim genauen Hinsehen mag es folglich nicht neu erscheinen – überholt ist es deswegen allerdings noch lange nicht. Wenngleich Jared Bushs Skript gelegentlich zu oft das Bedürfnis hat, sich zu rechtfertigen und dadurch ganz scharf an der Grenzen zum Theoretischen vorbeischlittert, kann Moana seine Botschaft gar nicht ausdrücklich genug betonen. In seinem letztendlichen Zauber stört es den Film keineswegs – dafür sorgt neben den prächtigen Bilderwelten Hamilton-Schöpfer Lin-Manuel Miranda, der mit seinen Kompositionen eine weitere aufregende Facette dieses Abenteuers geschaffen hat. Nur das kleine Schweinchen… das hat zu wenig Screentime.

Moana © Walt Disney Studios Motion Pictures

Matthias

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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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