Musik & Film #17: Unerträgliche Präzision

Stoker von Chan-wook Park

Ursprünglich hatte ich für diesen Artikel einen anderen Film – um genauer zu sein sogar eine Serie – vorgesehen. Aufgrund meines letzten Kinobesuchs habe ich diesen Plan jedoch über den Haufen geworfen und widme die folgenden paar Zeilen einer Sequenz aus Chan-wook Parks Stoker. Das US-Debüt des südkoreanischen Regisseurs, der vor allem mit Oldboy ein kleines Meisterwerk in der Geschichte der bewegten Bilder hinterlassen hat, begeisterte mich mehr, als geplant. Um ehrlich zu sein wusste ich nicht wirklich, was mich erwartete und dementsprechend überrumpelte mich das Werk mit zunehmender Laufzeit. Anfangs gefielen mir nur die inszenatorischen Spielereien – doch bevor auf dem Gedanken kam, das Geschehen auf der Leinwand mit dem Prädikat Routineübung zu versehen, entfachte Chan-wook Park ein fesselndes, audiovisuelles Feuerwerk, das weit weniger durch ohrenbetäubenden Lärm als durch eine unheimlich sowie unerträglich präzise platzierte Sounduntermalung glänzte.

Angefangen bei der ausgeklügelten Geräuschkulisse bis hin zum fabelhaften Score von Clint Mansell sorgten die eindringliche Komposition der unterschiedlichen Eindrücke dafür, das mir mehrmals der Atem stockte – einmal sogar für beinahe drei Minuten. Natürlich wäre es gelogen, zu schreiben, dass ich tatsächlich im Kino saß und die Luft angehalten habe. Dennoch: Wenn Mia Wasikowska und Matthew Goode sich zum ersten Mal am heimischen Flügel begegnen, traute ich mich kaum zu regen. Unter dem Deckmantel eines Duetts aus der Feder von Philip Glass ereignet sich weit mehr als nur das harmonische Zusammenspiel von vier Händen: Machtspiel, Provokation und Terror. Eigentlich ist es sprühende Erotik im eiskalten Gewand und trotzdem prägt zärtliche Liebe, die ausschließlich durch kühle Kalkulation zum Ausdruck gebracht werden kann, diesen intensiven Augenblick. Unglaublich stark.

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Von Matthias Hopf

Bildquelle: Stoker © 20th Century Fox
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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