Musik & Film #44: Wise Up

Magnolia (Paul Thomas Anderson, 1999)

Filme wie Magnolia gibt es nur wenige. Genaugenommen gibt es kein zweites Werk, das in der Liga von Paul Thomas Anderson Opus Magnum spielt. Egal wie pulsierend The Master dem aufbrausenden Wellengang verfolgt oder There Will be Blood den Niedergang der Menschheit dokumentiert: In diesen drei Stunden ereignet sich ein unvergesslicher Augenblick nach dem anderen. Es ist womöglich diese seltene Aura der Zeitlosigkeit, die Magnolia ab der ersten Minute begleitet und wenn schließlich die Credits das Schwarz des Abspanns durchbrechen, fühlt man sich so, als hätte man die gesamte Welt in einem einzigen Bilderrausch gesehen und erlebt. Doch nicht nur der flotte Prolog sowie das nachdenkliche Ende gehören zu den herausragenden Passagen des Films. Auch dazwischen gibt es eine ganze Menge kleiner Geschichten, Figuren und Details zu entdecken. Eine Sequenz in Verbindung mit Aimee Manns Stimme hat sich mir dabei besonders ins Gedächtnis gebrannt.

In einem Moment, in dem genauso gut die Welt untergehen könnte, ertönt der Wise Up im Radio. Doch Paul Thomas Anderson verwendet den Song nicht einfach als untermalendes Beiwerk. Stattdessen überlässt er der emotionalen Kraft der Melodie sowie den bewegenden Worten die absolute Freiheit und arrangiert im Rahmen des Episoden-Dramas etwas ganz Besonderes: Auf der nicht-diegetischen Ebene beginnend, greift Aimee Manns Stimme später auf die diegetische Ebene über und übernimmt die narrative Funktion der Sequenz. Darüber hinaus verbindet das Lied gleichzeitig sämtliche Figuren der unterschiedlichen Handlungsstränge – selbst wenn diese meilenweit von einander entfernt sind. Aufgrund einer ungewissen wie absolut legitimen Zufälligkeit im filmischen Mikrokosmos lauschen sie alle dem Lied im Radio und teilen somit ihre Gedanken der zerstrittenen Melancholie sowie der Angst vor dem alltäglichen Geschehen. Gänsehaut. Überlebensgroß.

Magnolia © Arthaus

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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