Musik & Film #59: O Children

Musik & Film #59: O Children

Es gibt diesen Augenblick in Harry Potter and the Deathly Hallows, wenn plötzlich – beinahe schon unerwartet – aus unschuldigen Kinderaugen die von Erwachsenen werden. Inmitten des vonstattengehenden Weltuntergangs ereignet sich dieser zerbrechliche Augenblick. Inmitten aller Hoffnungslosigkeit, inmitten aller Düsternis und inmitten aller Verlorenheit gibt es nur noch die Musik und das Einander. Im Radio ertönt O Children von Nick Cace & the Bad Seeds und Harry (Daniel Radcliffe) und Hermine (Emma Watson) fangen an zu tanzen, ganz schüchtern und unsicher, als könnte jede unvorsichtige Bewegung die komplette Welt ins Wanken bringen, obgleich sie sowieso schon aus den Fugen geraten ist.

Das Radio, ein gewöhnlicher Gegenstand der Muggle-Welt, bahnt sich seinen Weg in die Zauberwelt, die sonst so frei von jeglicher Errungenschaft technischer Natur zu sein scheint. Und dennoch transportiert das Medium die Musik, die allgemeingültig in beiden Welten funktioniert – ganz egal ob sie aus der Feder eines Normalsterblichen oder eines magisch Begabten stammt. Beide Welten teilen sich mittlerweile das gleiche Schicksal und sind im gleichen Maße der dunklen Bedrohung ausgeliefert. Darüber hinaus überwindet David Yates in diesen wenigen Minuten nicht nur sämtliche Hürden der Koexistenz und Muggeln und Zauberern, sondern sprengt sogar die die Ketten des eigenen Mikrokosmos auf der großen Leinwand, indem er bewusst Elemente unserer gegenwärtigen Popkultur als narrativen Bestandteil in die Geschichte integriert.

Ein Kunststück, das im ähnlichen Maße vor David Yates nur Alfonso Cuarón in Harry Potter and the Prisoner of Azkaban gelang. Nicht zuletzt schließt David Yates diese überragende sowie einmalige Sequenz mit dem mustergültigen Übergang der Musik von der diegetischen in die nichtdiegetische Ebene ab. Alle Welten verschmelzen in der zerrissenen Stimme von Nick Cave zu einem intimen Moment der Unendlichkeit.

Harry Potter and the Deathly Hallows © Warner Bros.

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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