Need for Speed – Kritik

Need for Speed Film (Scott Waugh, 2014) - Kritik

Zuletzt absolvierte Vin Diesel im Rahmen des sechsten Segments des Fast & Furious-Franchises einen Sprung, der jeglicher Absurdität zu strotzen schien: Am Ende einer nervenaufreibenden Vehikelschlacht auf der Autobahn katapultierte er sich in die Luft, um Michelle Rodriguez im freien Fall abzufangen und auf der gegenüberliegenden Spur der Brücke in Sicherheit vor den Verfolgern zu bringen. Ein Stunt epischen Ausmaßes und womöglich die kühnste Unternehmung, die sich Justin Lin seit der Übernahme des Rennspaßes mit The Fast & the Furious: Tokyo Drift geleistet hat. Gleichzeitig fungierte das halsbrecherische Manöver als endgültiger Freiheitsschlag von den Fesseln zuvor etablierter Mechanismen, der seine Gattung auf ein neues Level hievte. Knapp ein Jahr später hat die Konkurrenz und ursprüngliche Inspiration den gleichen Highway entdeckt, den Universal bereits seit über einer Dekade mit tiefergelegten Monstern für sich beschlagnahmt. Mit beachtlicher Verspätung kündigt sich Need for Speed dennoch als spektakulärer Kontrahent auf den letzten Kilometern der Zielgeraden an. Allerdings scheint die filmische Videospiel-Umsetzung von Scott Waugh die Evolution des Alphawolfs vollkommen verpasst respektive ignoriert zu haben.

Am Anfang steht ein illegales Straßenrennen. Wie sollte es auch anders sein. Im Handumdrehen stehen die zentralen Figuren auf der Rennpiste und sitzen kurze Zeit später in ihren getunten Wägen. Der Vertiefung auftretender Sympathieträger sowie deren Gegenspieler ist somit bereits Genüge getan und im weiteren Verlauf interessiert aus offensichtlichen Gründen nur noch das Profil der Fahrzeugreifen. Need for Speed bedient sich weder den ausschmückenden Mechanismen eines Heist-Plots, noch denen eines Undercover-Thrillers. Nein, auf dem brennenden Asphalt interessiert vordergründlich bloß die Bewegung und hinsichtlich dieser macht Scott Waugh keine Gefangenen. Der Regisseur des äußerst fragwürdigen Machwerks Act of Valor geht hier radikal ans Werk und legt die Betonung der umfangreichen Actionsequenzen stets auf dem authentischen Charakter selbiger. Daraufhin erfolgt ein halsbrecherischer Stunt nach dem anderen und in dynamischen Zusammenschnitten schleudern Autos aller Couleur durch die Gegend – alles natürlich auf einem handwerklich konsequent ordentlichem Niveau. Ein Action-Potpourri sondergleichen mit dem entscheidenden Vorteil, dass Kratzer und Dellen im Metall überwiegend echt sind.

Need for Speed Film - Kritik

Wohl oder übel passiert Need for Speed jedoch dem entscheidendem Punkt, an die temporeichen Segmente mit den verbindenden Elementen eines Films konfrontiert werden. Genau in diesem Augenblick, in dem Figuren und Handlungsstränge das testosterongeladene Gemälde mit Farbe füllen wollen, versagt das Script allerdings vollkommen und die unbeholfenen Versuche, dem Geschehen etwas Leben einzuhauchen, enden im schematischen Muster eines Exposés der Schablonen. Aus dieser förmlichen – nahezu uninspirierten sowie lustlosen – Abarbeitung der elementaren Standards resultiert eine konventionelle Dramaturgie par excellence. Damit verbunden ist ein gewisses Maß an vorhersehbarem Content, der wiederum langatmige Passagen garantiert, wenngleich die furiose Raserei im Anschluss für den obligatorischen bis komplett belanglosen und austauschbaren Dialogfluss entschuldigen soll. Dabei gestaltet sich der Grundgedanke der Geschichte als charmante Mischung aus Roadmovie und dem Abenteuer einer halbstarken Jugend, die denn Rennspaß auf vier Rädern dem Klassentreffen nach zehn Jahren den Vorzug gewährt. Ärgerlicherweise mausert sich dieser liebenswerte Kern zur aggressiven Missinterpretation von Stand by Me, die zudem an der pathetischen Heroisierung ihrer blassen Figuren krankt.

Egal wie wehleidig Aaron Paul das technische Verfahren hinter dem Objektiv, das ihn ununterbrochen auf dem Highway beobachtet, zu verstehen versucht, avanciert sein Rennfahrer zu keiner der sympathischen Ikonen, wie sie zuletzt Justin Lins vielseitige Vehikel-Übertreibung bevölkerten. Abseits davon bleiben Need for Speed die üblichen Sidekicks (Scott Mescudi, Rami Malek und Ramón Rodríguez) seiner Gattung, ein wunderschönes Mädchen (Imogen Poots), das im Gegensatz zum Frast & Furious-Franchise vorzugsweise auf dem Beifahrersitz Platz nehmen muss, und Dominic Cooper als starrer Antagonist – ganz zu schweigen von Michael Keatons Inkarnation eines hibbeligen Masterminds, das hinter einer ganzen Reihe legendärer Underground-Wettrennen steckt. Im Idealfall funktionieren diese Bausteine zweckhaft im großen Konstrukt der quietschenden Reifen, auf keinen Fall aber als facettenreiche Ergänzung der Karossen, die sich vielmehr über ihre Pferdestärken definieren. Immerhin übernimmt Need for Speed den essentiellen Drive seiner zugrundeliegenden Videospielvorlage – sei es durch verfolgende Kameraperspektiven oder futuristische Anzeigen sämtlicher Mitspieler im Armaturenbrett. Folglich obsiegt das Brummen der Motoren, das Glänzen der Felgen und der entschlossenen Blick der todesmutigen Rowdys, die ihr NOS ein paar Jahre zu spät unter dem Rücksitz entdeckt haben und wie besessen einen inkonsequent realistischen Ansatz im Spektakel verfolgen.

Von Matthias Hopf

Need for Speed Movie © Constantin Film
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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