Nerve – Kritik

Nerve - Kritik

Immer wieder scheitert das Kino daran, den Social-Media-Wahnsinn unserer Zeit in bewegte Bilder zu fassen. Eines der positivere, weil völlig überdrehten Beispiel der vergangenen Jahre ist zweifelsohne der Thriller Nerve vom Regie-Duo Henry Joost und Ariel Schulman. Basierend auf dem gleichnamigen Roman aus der Feder von Jeanne Ryan wird die Geschichte einer App erzählt, die mehr oder weniger einer futuristischen Version von Wahrheit oder Pflicht entspricht. Wer sich einmal bei besagter App angemeldet hat, bekommt fortan von sämtlichen Zuschauern des Spiels Herausforderungen gestellt, die es entweder zu akzeptieren oder abzulehnen gilt. Wer kneift, hat verloren. Wer sich jedoch wagt, in die Untiefen des Online-Spiels, das sich im ständigen Austausch mit der Realität befindet, vorzudringen, dem Winken Ruhm und Ehre – von einem pekuniären Gewinn sondergleichen ganz zu schweigen.

Als sich die junge Studentin Vee (Emma Roberts) dazu entschließt, Teil dieser eingeschworenen Gemeinschaft zu werden, ahnt sie nicht, wie schnell ihr Leben außer Kontrolle geraten soll. Was als Spaß anfängt, wird früher oder später bitterer Ernst. Das Knifflige ist: Die Grenzen sind fließen und nur die wenigsten Teilnehmer sind sich über die Folgen des Worst-Case-Scenarios im Klaren. Vorerst triumphiert nämlich alle Begeisterung für das Spektakel, wie es eindrucksvoll von Henry Joost und Ariel Schulman in Szene gesetzt wird. Irgendwo zwischen Crank und The Hunger Games legt der Film ab der ersten Minute ein beachtliches Tempo vor, das sich in den folgenden zwei Stunden beständig steigert. Die Mechanismen dahinter sind genauso schlicht wie effektiv. Das Tollste ist jedoch, dass Nerve immer vollkommen bei der Sache ist und sich im Kern keinesfalls um seine exploitative Ader schämt.

Energiegeladen hetzt die Handlung durch die nächtlichen Straßen von New York City, streift dabei obligatorische Coming-of-Age-Elemente und verliert sich ebenso in satirischen Untertönen. Bei dieser Raserei kann das Geschehen sowohl auf einer bitteren als auch auf einer einfühlsamen Note enden. Möglich ist dies allerdings nur, weil Emma Robert und ihr Co-Star Dave Frank eine erfrischende Harmonie mit sich bringen, die zwischen Neugier, Abenteuerlust und Zurückgezogenheit schwankt. Nerve macht es uns Zuschauer viel zu einfach, sich von dem Rausch des Gezeigten mitreißen zu lassen, sodass der Aufschlag nach dem Fall um einiges gewaltiger ausfällt, als anfangs angenommen. Dass die Situation früher oder später eskaliert – daran bestand nie Zweifel. Nerve macht es sich allerdings zur Aufgabe, diese Kollision mit dem Unabwendbaren in einer aufregenden Mitternachts-Odyssee zu präsentieren.

Ob Nerve bei all dem Tohuwabohu etwas unlogisch ist? Auf alle Fälle. Doch um solch ausbremsenden Ungereimtheiten geht es bei dieser Geschichte überhaupt nicht, die sich im Prozess des Erzählens dekonstruiert und ihre hässlichen Facetten offenbart. Zu einem gewissen Teil ist Nerve ganz Dokument unserer Zeit und bewegt sich genauso wild wie unsicher durch ein Labyrinth, das irgendwo tief unter der Oberfläche von YouTube, Snapchat und Co. vergraben liegt. Alles dreht sich, alles steigert sich, bis es schließlich kulminiert. Am Ende stockt kurz der Atem und Neonlichter blitzen durch die Gegend, wie sie spätestens seit Spring Breakers zum Puls einer Generation geworden sind, die sich rastlos in Bewegung verliert. Wenngleich Nerve einige Schwächen und Ungereimtheiten bereithält, ist die Adaption von Jeanne Ryans zugrendeliegendem Werk durchaus gelungen: ein packender Trip durch die Abgründe einer kurzlebigen Social-Media-Dystopie.

PS: Casey Neistat-Cameo, be prepared!

Nerve © Studiocanal

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias


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