Nymph()maniac: Volume 1 – Kritik

Nymphomaniac (Lars von Trier, 2013) - Kritik

Inmitten der Nacht, inmitten der Düsternis und am Ende der Geschichte beginnt die Odyssee von Joe (Charlotte Gainsbourg), einer ganz normalen Frau, einem unschuldigen Mädchen, einem schlechten Menschen. Gepeinigt liegt sie in einer dunklen Gasse, der Regen prasselt unerbittlich auf den kalten Stein und das Knarzen eines verrosteten Lüftungsrades des Anwesens um die Ecke definiert den Rhythmus des erbärmlichen Anblicks. Bevor Lars von Trier jedoch überhaupt ein erstes Detail dieser hoffnungslosen Situation offenbart, herrscht die absolute Dunkelheit, das unmittelbare Nichts, das verheerende Ende. Lediglich die unangenehmen Geräusche dringen durch die Schwärze des Weltuntergangs oder zumindest dessen, was davon übrig geblieben ist.

Nach und nach nimmt dieses jähe Ende jedoch Gestalt an und als wäre es die Einführung respektive Entführung in eine märchenhafte Erzählung, macht sich der Mensch Seligman (Stellan Skarsgård) auf den Weg, um einzukaufen. Nur wenige Gegenstände füllen später seinen gestrickten Beutel und bloß ein zögerlicher Blick zurück lässt ihn in der Nässe auf dem Boden eine offensichtlich misshandelte Frau erkennen. Er sieht den Schmerz, möglicherweise das Unrecht und bietet ihr abseits des wärmenden Tees sogar leckeren Kuchen an. Den hat er glücklicherweise eingekauft. Ein aufmerksames Detail der Willkür und tatsächlich ist Nymph()maniac reich derartig absurder Augenblicke, die ziellos vorgetragen werden, als hätte des Enfant terrible als Persona non grata die Poesie eines Marquis de Sade entdeckt.

Nachdem der Prolog das Ende bereits vorwegnimmt, gibt es im Grunde nichts mehr zu erzählen. Dessen ist sich Lars von Trier bewusst und nunmehr wendet er sich mit vollem Engagement den Formen und Strukturen seines epochalen Gebildes zu. Genauso subtil, wie die anfängliche Stille von Rammsteins tosendem Führe mich aufgerüttelt wird, setzt der dänische Regisseur den Leidensweg seiner Protagonistin fort, hinein in den Schlund der Verdammnis. Sobald Nymph()maniac diese Stelle bei der Überfahrt des Styx passiert, sich dem episodischem Aufbau hingibt und arbiträr verschiedene Perspektiven einnimmt, ist das Opus monstrum nicht mehr zu stoppen: Wo eben noch Joes Gedanken die Erzählung dominierten, unterbricht Seligman selbstgerecht das Geschehen und Pakt eigene Anekdoten inklusive erlangter Lebensweisheiten aus, nur um schließlich selbst das Gezeigte mit seiner Fantasie und spätere Absolution zu erfüllen.

Der obligatorische Kommentar seitens Lars von Trier fehlt natürlich ebenso wenig: Wenn eine Sex-lastige Zugfahrt mit der raffinierten Vorgehensweise eines Anglers beim Fischfang verglichen wird, erläutern kurze Zwischenschnitte im dreist naiven Gewand die gesprochenen Worte der metaphorischen Parallelen und nicht zuletzt orchestriert der Maestro in finalen Kapitel von Volume 1 Johann Sebastian Bachs Orgelbüchlein zur furiosen Konstellation eines Geschlechtsakts um. Während Seligman eben noch die Polyphonie des musikalischen Werkes erklärte, greift Joe die drei Stimmen des ursprünglichen Hymnus auf und adaptiert dabei besonders den Cantus firmus auf Jerômes (Shia LaBeouf, ein mittlerweile nicht mehr so berühmter Mensch) Schlüsselrolle in ihrer ereignisreichen Vita.

Während sich Nymph()maniac also jeglichen Konventionen des Erzählen verwehrt und sich beliebig in entsprechenden Spielereien und Exkursen ablenkender sowie belangloser Natur verliert, taucht das Genie des Konzepts immer wieder auf und hinterlässt tatsächlich schmerzenden Eindruck – namentlich in Form von Mrs. H (Uma Thurman). Die Mutter dreier Kinder und plötzliche Ex-Frau eines von Joes Liebhabers erdreistet sich die Wohnung der Nymphomanin mitsamt Kind und Kegel zu stürmen und bittet den nachrückenden Jüngling ebenfalls in das bohemian Apartment. Was folgt, ist schlicht grotesk und bietet dennoch lediglich einen Ausblick auf das, was Lars von Trier wirklich hätte schaffen können.

Denn genau im Moment des Schmerzes verliert sich das Trauerspiel im konfusen Dilemma: Ein erneuter Stilbruch, ein radikaler Wandel der Inszenierung und ein weiteres Streichholz im Irrgarten der Redundanz. Als würde das Schicksal der gebrochenen Frau dem Autopiloten der etablierten Mechanismen eines jeden Films aus dem Œuvre von Lars von Trier folgen, verfängt sich Nymph()maniac im Tohuwabohu der Wiederholung und verliert sich im manisch depressiven Grundtenor einer unfassbaren Leere, die sich befremdlich über die Geschehnisse stülpt. Am Ende spürt Joe nichts mehr und womöglich resultiert der unbefriedigende Aspekt aus der fragwürdigen Zweiteilung, denn Volume 1 bleibt ein unfertiger Fetzen eines sowieso zerbrechlichen Konstrukts, das vollkommen dem berechenbar unberechenbaren sowie unkonzentrierten Stückwerk verfallen ist.

Von Matthias Hopf

Nymphomaniac © Concorde
Matthias

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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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  • Jan

    Ich bin überrascht, da ich zum ersten Mal eine wirklich kritische Rezension zu Film lese und bin mir nicht sicher, ob ich bei jedem Punkt so zustimmen kann.
    Eines ist aber wohl unbestreitbar – die Zweiteilung der Geschichte, kann keinen vollkommen fertigen (ersten) Film bieten. Allerdings habe ich mit dem finalen Höhepunkt, ein Faustschlag in das Gesicht des Zuschauers, eher Lust auf den zweiten Teil bekommen, als mich unvermittelt aus dem Geschehnissen rausgerissen zu fühlen. Ich hatte nach dem Film und habe immer noch nicht das Gefühl, dass dem Film wirklich etwas fehlt, wobei er ausgehend von allen möglichen narratologischen Strukturen her gesehen, unvollständig bleibt.

    Die Stilbrüche fielen mir gar nicht so sehr auf. Ich war tatsächlich überrascht ob der humorvollen Inszenierung eines eigentlich vollkommen düsteren oder doch zumindest verpönten Themas. Aber Gerade das Zusammenspiel zwischen Seligman und Joe, die meiner Meinung nach so die zwei Geister von Triers zeigen (den manisch-depressiven und die „gute Seele“), das auf viele Pointen hinausläuft, geht in eine Perfektion auf, die ich selten auf der Leinwand so gesehen habe.

    Ich habe allerdings auch die knapp 30 Minuten längere Fassung des Films im Vergleich zum deutschen Kino-Release auf der Berlinale gucken können. Womöglich sind die Unterschiede da doch groß genug, um die erzählerische Qualität des Werks einzudämmen. Ich habe noch keine Zeit gefunden, einen eigenen Vergleich der Versionen anzustellen, weshalb ich mir darüber leider kein Urteil bilden kann…

    • Beeeblebrox

      Mittlerweile habe ich ihn zwei Mal im Kino gesehen und bin mir immer noch nicht sicher, was das genau ist. Vielleicht bringt die lange Fassung mehr Ordnung in die essayistischen Kompisitionen, die ich aus einer „cineastischen“ Perspektive gerne anschaue. Soll heißen, ich finde es grundsätzlich spannend, was Lars von Trier macht, wie er es macht und vielleicht auch warum er es macht. Aber hinsichtlich einer „emotionalen“ Perspektive funktioniert Nymph()maniac für mich (bisher) überhaupt nicht. Obwohl sich alles um das Schicksal von Joe dreht, überkommt mich ständig das Gefühl, Lars von Trier interessiert sich nur in einem zweckhaften Rahmen dafür. Als würde er seine Protagonistin instrumentalisieren, um aus Versatzstücken seines bisherigen Schaffens ein Opus magnum ohne Herz zu schustern. Problematisch war vor allem das vierte Kapitel: Hier gewinnt die manisch-depressive Haltung absolute Überhand und es gibt keine humorvolle Unterbrechung. Dennoch ist die Distanz zum Geschehen erschreckend groß und als es zum entscheidenden Knackpunkt der Anekdote kommt, kommentiert Seligman das ganze nur als vollkommen normale Reaktion und Lars von Trier befindet sich schon auf dem Sprung zur nächsten Attraktion.

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