Princess Cyd – Kritik

Princess Cyd - Kritik

Sanfte Sonnenstrahlen fallen in die Vorgärten und verwandeln das Chicago abseits des einschüchternden Stadtkerns in ein Märchenland. Hierhin verschlägt es die 16-jährige Cyd Lughlin (Jessie Pinnick), nachdem ein kryptischer Anruf bei der Polizei seine düsteren Schatten vorausgeworfen hat. Die unbeschwerte Schönheit der Sommertage lässt die Bedrohung dennoch vorerst im Hintergrund verschwinden und weckt stattdessen die Neugier für das Leben, für das Unbekannte. Cyd kommt für ein paar Wochen zu ihrer Tante Miranda Ruth (Rebecca Spence), einer populären Romanautorin, die immer noch im gleichen Haus wohnt, in dem sie aufgewachsen ist.

In harmonischen Farben gestaltet lagert hier ein Literaturklassiker über dem anderen und die Hektik des Alltags scheint vergessen. Princess Cyd, der neue Film von Stephen Cone, fängt das Gefühl eines jenen raren Urlaubstages ein, der komplett vergisst, dass sich die Welt dreht – und trotzdem will Cyd aus Angst, den Anschluss zu verlieren, als erstes das WLAN-Passwort ihrer Tante wissen, ehe sich die beiden näher kennenlernen. Es ist ein vorsichtiges Herantasten, stets verfolgt von einer gewissen Unsicherheit, aber auch von dem Willen zur Provokation: In einer familiären Beziehung, die sich noch im rohen Zustand befindet, kann ganz anders über sonst unangenehme bis befremdliche Dinge gesprochen werden, wie Cyd feststellen muss.

Binnen weniger Minuten hat sich die titelgebende Prinzessin aus dem Süden im fremden Märchenland ausgebreitet und lässt sich ohne Ziele von der entspannten Umgebung treiben. So gelangt sie schließlich auch zu Katie (Malic White), die in einem Coffeeshop arbeitet. Ein einziger Blickwechsel besiegelt daraufhin das spätere Schicksal der beiden. Wo Stephen Cone, der ebenfalls das Drehbuch zu Princess Cyd schrieb, auf den ersten Blick die konventionellen Bestandteile einer märchenhaften Erzählung als Grundgerüst seines verträumten Dramas verwendet, entfaltet sich nachfolgend ein Film, der sich angenehm von zu erwartenden Strukturen loslöst und bedingungslos mit seinen Figuren in den Garten legt, um die Sonne zu genießen.

Dabei schwankt Princess Cyd elegant zwischen schwerelosen und melancholischen Momenten, findet großes Glück im erlösendem Augenblick der Trauer, schreckt aber ebenfalls nicht davor zurück, die unangenehmen Facetten dieser Welt auf einer versteckten Ebene anzudeuten, bevor der Schlag in die Magengrube erfolgt – allerdings überhaupt nicht penetrant und reißerisch, sondern taktvoll im Geist der Figurenentwicklung. Stephen Cone besitzt ein unglaubliches Gefühl dafür, sein Ensemble natürlich zusammenzuführen und ins Gespräch zu verwickeln. Princess Cyd vertritt stets eine offene, aufrichtige und interessierte Haltung, die manchmal besorgt und manchmal zu voreilig zum Ausdruck kommt, am Ende aber immer wieder versöhnend wirkt.

Insbesondere die Szenen zwischen Cyd und ihrer Tante entpuppen sich als das kostbare Herzstück dieses Films, der dank klugem Schnitt und feiner Kameraarbeit gar nicht darauf angewiesen ist, beide Figuren in einem Raum zu verankern, um ihre Beziehung auszubauen und um nachdenkliche Töne zu erweitern. Zuerst prallen die großen, offensichtlichen Gegensätze aufeinander, wie etwa das Alter oder die Interessen, bis sich aus den groben Argumenten filigrane Gedanken formen, die schlussendlich dazu ermutigen, entgegen aller Vorurteile und anderweitigen Unterschiede aufeinander zuzugehen und das Gegenüber in seiner ganzen Person zu erkennen und wahrzunehmen.

Cyd fungiert dabei als faszinierende Protagonistin, die sich trotz schicksalhafter Erfahrungen in vielen Dingen des Lebens noch unsicher ist, prinzipiell aber der Welt offen gegenübersteht – vorausgesetzt, es handelt sich nicht um diese schweren Wälzer mit ihren unzähligen Wörtern und Buchstaben, die sämtliche Räume im Haus ihrer Tante füllen. Stephen Cone nutzt das Stereotyp des uninteressierten Jugendlichen gekonnt und vor allem charmant aus, ehe er es im Anschluss infrage stellt, umkehrt und – mitunter sprichwörtlich – zwischen den Zeilen ein verborgenes Geheimnis, eine unerkannte Wahrheit entdeckt. In diesen Momenten ist Princess Cyd schlicht wundervoll und erzählt eine der wertvollsten Coming-of-Age-Geschichten jüngerer Vergangenheit.

Princess Cyd läuft im Rahmen des Unknown Pleasures – American Independent Film Festival am 28. Januar 2018 um 20:00 Uhr noch einmal im Arsenal in Berlin. 

Princess Cyd © Wolfe Releasing

Matthias mag Filme und Serien. Ansonsten wäre er gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen und schaut laut Werner Herzog zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.