Recharge & Revolt: 25 Lieblingsfilme 2016

Recharge & Revolt: 25 Lieblingsfilme 2016

Entgegen aller Enttäuschung, die die vergangenen zwölf Monate bereitgehalten hat, möchte ich an dieser Stelle den glücklichen Stunden gedenken, die ich dieses Jahr im Kino erlebt habe. Wie schon 2015 ist dabei eine Liste mit meinen 25 Lieblingsfilmen herausgekommen – mit einem Unterschied: Dieses Mal war ein deutscher Kinostart im Jahr 2016 das entscheidende Auswahlkriterium. Dadurch fallen leider zahlreiche Festival-Entdeckung raus, ebenso Filme, die erst im nächsten Jahr bei uns starten. Trotzdem haben mich alle, der im Folgenden erwähnten Werke auf unterschiedlichste Weise begleitet und nehmen einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Wie jedes Jahr musste ich irgendwann jedoch feststellen, dass ein paar wichtige Vertreter noch fehlen.

Daher sei zuvor – als Prolog sozusagen – noch gesagt, dass ich mit Star Trek Beyond sehr viel Spaß hatte, mich in How to Be Single verliebt habe und am liebsten sofort nochmal mit Blake Lively gegen einen Monster-Hai in The Shallows kämpfen würden. Außerdem war das Entkommen aus dem Green Room ein unvergessliches Leben, ebenso der Ritt auf dem Rücken von Pete’s Dragon – von Steven Spielbergs artverwandten The BFG ganz zu schweigen. Oh, und habe ich schon erzählt, wie toll Mary Elizabeth Winstead in 10 Cloverfield Lane war? Oder, dass Richard Linklaters Everybody Wants Somme!! der lässigste Film des Jahres war? Wobei in diesem Punkt darf man A Bigger Splash und Dope auch nicht vergessen. Okay, ich schweife ab. Off we go!

25. X-Men: Apocalypse (Bryan Singer, 2016)

Von all den Superhelden-Filmen dieses Jahr hat mich keiner so gepackt wie X-Men: Apocalypse. Klar, Captain America: Civil War hatte einige Szenen zu bieten, die durchaus meinen Beifall erhalten haben. Das ist aber alles kein Vergleich zu der mitreißenden Geschichte, die Bryan Singer auf die große Leinwand gezaubert hat. Alleine die Phoenix-Sequenz mit Sophie Turner gehört zu den epischsten Momenten der gesamten Reihe. Auch wenn ich mich daran erinnere, wie Michael Fassbender Magnetos Leiden im Wald auf den Punkt bringt, bekomme ich jetzt noch eine Gänsehaut. Da könnt’ ihr sagen, was ihr wollt’: X-Men: Apocalypse hat mich komplett mitgenommen.

24. Rudolf Thome – Überall Blumen (Serpil Turhan, 2016)

Wenngleich wir wohl niemals Rudolf Thomes letzten Film Überall Blumen im Kino sehen werden, so können wir uns wenigsten seit diesem Jahr Rudolf Thome – Überall Blumen im Kino anschauen. Die Dokumentation von Serpil Turhan entführt für knapp eineinhalbstundend auf Rudolf Thomes Bauernhof im südbrandenburgischen Niendorf und schweift in den Erinnerungen eines Filmemachers, der so viel zu Erzählen hat und gleichzeitig die ruhigen, schlichten und einfachen Momente im Leben schätzt. Ein hervorragendes Porträt, gleichermaßen inspirierend wie nachdenklich. Ich könnte ewig den Geschichten dieses Films lauschen. 

23. Jason Bourne (Paul Greengrass, 2016)

Mit Jason Bourne hat Paul Greengrass eine furiose Rückkehr zu jenem Franchise hingelegt, das er einst mit The Bourne Supremacy und The Bourne Ultimatum maßgeblich definierte. Zwar war der Rest er Welt alles andere als begeistert von dieser Rückkehr, mich hat sie trotzdem überzeugt, ja geradezu begeistert. Schon lange saß ich nicht mehr so elektrisiert im Kino und habe dermaßen atemberaubende Verfolgungsjagden bestaunt. Und dann passiert es irgendwann, dass nach all dem modernen Tohuwabohu in einer globalisierten Welt zwei Menschen im Schlamm und Dreck aufeinander einprügeln, verloren in den Untiefen einer Unterführung, wo niemand jemals von dem unerbittlichen Faustkampf erfahren wird. Außerdem gehört Alicia Vikander die Welt!

22. Toni Erdmann (Maren Ade, 2016)

In Cannes als Komödie des Jahres gefeiert, blieb mir bei Toni Erdmann ziemlich schnell das Lachen im Hals stecken. Dass Maren Ades Opus magnum ein paar der witzigsten Szenen des Jahres besitzt, will ich gar nicht bestreiten. Überwältigt hat mich allerdings eine andere Seite von Toni Erdmann, nämlich die zerbrechliche, die aufwühlende, die zerstörerische. Ein Film, der eine unfassbar breite Palette an Gefühlen einfängt, zu denen selbst die besten Dramen dieser Art keinen Zugang finden. Zum Glück durchbrach mit dem Abspann Plainsong von The Cure die unerträgliche Stille zwischen zwei Figuren, die sich zuvor fast drei Stunden in den absurdesten Situation über den Weg gelaufen sind, obwohl das vermutlich das Letzte war, was sie im Sinn hatten. Die Käsereibe war auch ganz gut.

21. Things to Come (Mia Hansen-Løve, 2016)

In Mia Hansen-Løve hatte ich mich nach dem wundervollen Eden bereits verliebt. Auch ihr jüngstes Werk, Things to Come, hat mich verzaubert, wenn auch nicht so sehr. Gegen Isabelle Huppert habe ich allerdings nie etwas einzuwenden, insbesondere nicht im Zusammenspiel mit einer famosen Katze namens Pandora. Geistreich und elegant: Things to Come ist einer der Filme, die ewig gehen könnten. Am liebsten hätte ich nach der perfekten Einstellung, die während dem Abspann zu sehen war, gar nicht mehr den Berlinale-Palast verlassen, so gefesselt hat mich dieser außergewöhnlich Trip ins Nirgendwo, voller existenzphilosophischer Fragen und menschlicher Abgründe.

20. Mustang (Deniz Gamze Ergüven, 2015)

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Mustang ein guter Film ist, der seiner Thematik auch nur ansatzweise gerecht wird. Dennoch saß ich die komplette Laufzeit über im Kino und wollte meinen Blick zu keiner Sekunde von diesem Schrei nach Freiheit abwenden, der mich emotional komplett vereinnahmt hat. Was habe ich mitgelitten, was war ich wütend, bis der Film schließlich auf dieses unglaublich kraftvolle Ende zusteuert. Wenngleich die Protagonistinnen von Mustang nicht die Welt verändern können, so gesteht ihnen der Film wenigstens ein, dass sie der grausamen Welt, in der sie groß geworden sind, für den Bruchteil einer Sekunden entkommen können. Außerdem: Wenn Warren Ellis einen Soundtrack macht, dann kann ich mich dem Geschehen nur sehr schwer entziehen.

19. Fantastic Beasts and Where to Find Them (David Yates, 2016)

Ein Spin-off, das seine Möglichkeiten nutzt: Mit Fantastic Beasts and Where to Find Them hat David Yates tatsächlich einen dieser wenigen Blockbuster des Jahres geschaffen, die mich durch und durch begeistert haben. Gegen ein paar Referenzen an die Harry Potter-Filme habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Doch dann war auch schon Schluss mit den Details aus Hogwarts und der Film entführt ins New York der 1920er Jahre. Im Hintergrund sind jazzige Töne zu vernehmen und die amerikanische Zauberwelt liefert eine ergiebige Steilvorlage zum Worldbuilding. Dazu kommt, dass Fantastic Beasts and Where to Find Them genau zu dem Zeitpunkt kam, an dem die Welt gleichermaßen verzaubert wie an ihre Probleme erinnert werden musste. Ich bin gespannt, wie die Geschichte über all die liebenswerten neuen Figuren weitergeht. Oh, und ich hätte gerne einen Niffler. Habe ich das schon erwähnt?

18. Spotlight (Todd McCarthy, 2015)

Dass Spotlight dieses Jahr so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, finde ich sehr gut. Einerseits, da es ein ausgezeichneter Film it. Andererseits, da er sich ausgezeichnet mit einem schwierigen Thema auseinandersetzt, das viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Und wenn sie dann da ist, läuft der Diskurs für gewöhnlich katastrophal. Nicht so bei Todd McCarthys spannendem Drama, das sich mit den sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche in Boston beschäftigt. Spotlight beleuchtet zahlreiche Seiten der Geschichte und verblüfft mit einer beeindruckenden Weitsicht für die angesprochenen Konflikte. Ein Film, der in seinem Drehbuch alles andere als leere Worthülsen vereint: Jeder Gedanke ist nicht nur ehrlich, sondern nach wie vor extrem wichtig.

17. Vor der Morgenröte (Maria Schrader, 2016)

Lange Zeit dachte ich, Toni Erdmann wäre der einzige deutsche Film, der es in diese Liste schaffen würde. Doch dann ereignete es sich an einem warmen Tag im Juni: Ich suchte einen gekühlten Kinosaal und habe mich in Vor der Morgenröte verirrt. Maria Schraders Film widmet sich in episodischen Auszügen dem Leben von Stefan Zweig, verkörpert von Josef Hader. Herausgekommen dabei ist ein unvergleichliches Schwelgen in Erinnerungen, das sich nicht davor fürchtet, die düsteren wie tragischen Ecken der Geschichte zu beleuchten. Nur wenige Filme waren 2016 so eloquent wie Vor der Morgenröte, einem wahrlich erhabenen Werk, das sich mit überwältigender Präzision einem der größten Autoren der Weltgeschichte annähert und im absoluten Einklang mit seiner Erzählung ist.

16. Brooklyn (John Crowley, 2015)

Vielleicht der schönste Film des Jahres: Mit Brooklyn hat John Crowley einen fantastischen Film abgeliefert, der Saoirse Ronan die Bühne auf der großen Leinwand bietet, die sie schon immer verdient hat. Zusammen mit Emory Cohen und Domhnall Gleeson läuft sie in dieser einfachen – geradezu konventionellen – Geschichte zu ungeahnter Höchstform auf. Brooklyn lässt sich aber niemals anmerken, dass in seinem Kern keine innovative Erzählung über Liebe, Identität und Selbstbestimmung schlummert. Doch das braucht er gar nicht, denn Brooklyn ist eine aufrichtige Erzählung über Liebe, Identität und Selbstbestimmung – und das ist viel mehr wert als jedes bahnbrechende Konzept, das am Ende womöglich bloß vom eigentlich Kern des Geschehens ablenkt.

15. Arrival (Denis Villeneuve, 2016)

Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, warum Denis Villeneuve zu den großen Regie-Visionären unserer Zeit gehört. Prisoners mochte ich damals in erster Linie nur wegen Roger Deakins‘ Kamera und bei Sicario war Emily Blunt dafür verantwortlich, dass ich bis zum Schluss gezittert habe. In Arrival saß ich allerdings ab der ersten Minute staunend im Kino, ja, habe nach den ersten fünf Minuten sogar schon die erste Träne weggewischt. Arrival ist wirklich ein starker Film, der von seinem Timing zu keinem besseren Zeitpunkt ins Kino hätte kommen können.  Abgesehen davon besitzt Arrival eine dermaßen bemerkenswerte Sogkraft, der ich mich selbst beim dritten Kinobesuch nicht entziehen konnte.

14. The Forbidden Room (Guy Maddin & Evan Johnson, 2015)

The Forbidden Room von Guy Maddin und Evan Johnson gehört zu jener Art von Filmen, aus denen Albträume gemacht sind. Hier passiert alles in verstörender Ausführung, selbst der einfache Gang in die Badewanne wird danach nie wieder der gleiche sein. Das Bild frisst sich selbst auf oder wird von einer neuen Ebene überlagert, sodass nie Gewissheit über das vonstattengehende Geschehen einkehrt. Zu keiner Sekunde existiert die Ruhe der Übersichtlichkeit. Nein, stets springt etwas hin und her, verwandelt sich oder verschwindet komplett – nur, um später völlig unerwartet andernorts zu erscheinen. Das Fieber steigt und irgendwann ist es unmöglich zu erkennen, was abseits von Gesichtern und Schattierungen wirklich passiert.

Guy Maddin und Evan Johnson bieten nur Bruchstücke eines Kunstwerks, die Idee, einen Entwurf. Verzweifelt versucht man, sich bei der Betrachtung an etwas Wahrhaftes zu klammern, meistens jedoch ohne Erfolg. Das Verblüffende im Rückblick: Jeder einzelne wie angebliche Frame birgt mehr Wahrhaftigkeit in sich als die meisten Filme überhaupt in zwei Stunden zustande bringen – so überlebensgroß erobern die mannigfaltigen Motive die große Leinwand, wenngleich von einer Eroberung gar nicht mehr die Rede sein kann. The Forbidden Room überrumpelt das Kino, reißt den gesamten Saal ein und sprengt die herkömmlichen Dimensionen durch das Begehren nach einem wahnsinnigen, pulsierenden, assoziativen Rausch.

13. Into the Inferno (Werner Herzog, 2016)

2016 war für Werner Herzog ein so produktives Jahr wie schon lange nicht mehr. Zuerst machte er sich in Lo and Behold, Reveries of the Connected World Gedanken darüber, ob das Internet von sich selbst träumt, dann schickte er Veronica Ferres, Michael Shannon und Gael García Bernal in die Salztonebenen Salar de Uyuni im Süden Boliviens. Ach ja, und dazwischen begab er sich mit Into the Inferno auf die Suche nach ekstatischen Wahrheiten. Zwar geht es in diesem Film um alles andere außer Vulkane und ehrlich gesagt war ich in einer fiebrigen, komplett übermüdeten Stimmung, als ich mich in die Tiefen des Infernos wagte. Womöglich gibt es aber auch keine bessere Stimmung, um sich einen Film von Werner Herzog anzuschauen.

12. Room (Lenny Abrahamson, 2015)

Ein ähnliches Gefühl wie bei Mustang – nur noch viel stärker: Lenny Abrahamson erzählt in Room die komplette Bandbreite dieser zerstörerischen Geschichte. Schon nach 20 Minuten war es um mich und meine Emotionen geschehen. Doch das eigentlich Drama beginnt erst danach. Eine Entscheidung, die ich diesem Film hoch anrechne. Dort, wo die meisten Filme dieser Art bereits ihr Ende gefunden haben, erzählt Lenny Abrahamson von den eigentlichen Problemen und Traumata, die in der Prämisse verborgen liegen. Ein bisschen musste ich dabei an Rectify denken, was nie ein schlechter Vergleich ist. Außerdem hat sich Brie Larson nach Short Term 12 mit Room endgültig in den Kreis meiner Lieblingsschauspielerinnen katapultiert. Ich hoffe, dass sie ebenfalls Captain Marvel zum erstrahlen bringt.

11. Paterson (Jim Jarmusch, 2016)

Heimlich, still und leise kündigen sich Jim Jarmuschs neue Filme an und dann sind sie auf einmal da. Auch bei Paterson hatte ich dieses Gefühl – und es ist ein wunderbares, besonders bei einer solch filmisch liebevollen Übung im Alltäglichen. Nichts in Paterson ist spektakulär, aufregend oder gar weltverändert. Adam Driver steht jeden Morgen auf, geht zur Arbeit, fährt seinen Bus und kommt am Abend wieder nach Hause. Doch Jim Jarmusch hat sich von den unscheinbaren Dingen im Leben noch nie einschüchtern lassen. Ganz im Gegenteil: Paterson ist zweifelsohne einer der poetischsten Filme des Jahres, der aus dem Redundanten, dem Langweiligen, dem Lästigen etwas Atemberaubendes macht.

10. Cemetery of Splendor (Apichatpong Weerasethakul, 2015)

Cemetery of Splendour ist ein unglaublich poetischer Film. Jede Regung ist von erhabener Schönheit und stets verschwimmt der Traum mit der Realität. Was ist wirklich in dieser Welt, die auf der einen Seite schlicht und reduziert scheint, auf der anderen Seite jedoch von unfassbarer Größe und Tiefe zeugt? Eine spannende Frage, der Apichatpong Weerasethakul bewusst mit keiner definitiven Antwort begegnet. Stattdessen verankert er einfach das Monster, das zwischenzeitlich im Dialog Erwähnung findet, ganz nebenbei in der Wahrhaftigkeit des Films – eine Wahrhaftigkeit, die sich auch in der letzten Szene zu Love is a Song von DJ Soulscape finden lässt, wenn Kinder auf einem Fußballfeld spielen, das zuvor von einem Bagger aufgegraben wurde.

9. Queen of Earth (Alex Ross Perry, 2015)

Würde sich jemand an meine Worte direkt nach dem Berlinale-Screenings 2015 erinnern, wäre er nun verdutzt, diesen Film so weit vorne in dieser Liste zu finden. Queen of Earth hat mich allerdings seit der ersten Sichtung nie wieder losgelassen, wenngleich mein erster Eindruck damals alles andere als euphorisch war. Doch dann bin ich in den letzten zwölf Monaten immer wieder zu Queen of Earth zurückgekehrt und habe mich schließlich komplett in Alex Ross Perrys einnehmenden Fiebertraum verloren. Elizabeth Moss und Katherine Waterston bringen alleine mit ihren Blicken so viel Ungewissheit auf die Leinwand, dass jedes gesprochene Wort verschenkte Mühe ist. Kaum etwas kann dieses unheimlich Böse beschreiben, das tief im Inneren von Queen of Earth schlummert. Man muss es erleben, selbst wenn es mehrere Anläufe braucht, um sich vollständig überwältigen zu lassen.

8. Tangerine (Sean Baker, 2015)

Energiegeladen bis zur letzten Minute: Tangerine ist eine mitreißende Odyssee und ein richtig starker L.A.-Film. Im Verlauf von eineinhalb Stunden geht die Sonne über der Metropole unter und das Ergebnis sind dermaßen knallige Farben – als wären Pain & Gain und Spring Breakers direkt vor Sean Bakers iPhone-Linse kollidiert. Ein Film, der nicht nur vorgibt, in den Straßen einer Stadt zu spielen, sondern diese Straßen einfach zum Leben erweckt, indem er schlicht ein paar Figuren folgt, die sich ihren Weg an Heiligabend durch die Stadt der Engel bahnen. Powerful. Emotional. Awesome.

7. High-Rise (Ben Wheatley, 2015)

J.G. Ballards High-Rise ist eines der besten Bücher, die ich bisher gelesen, ja, förmlich verschlungen habe. Ein faszinierender Albtraum, der lange Zeit nur in vagen Vorstellungen in meinem Kopf existiert hat, obwohl jeder einzelne Satz erschreckend präzise zu Papier gebracht wurde. Insofern war ich wirklich neugierig, was Ben Wheatley aus dieser herausragenden Literaturvorlage mit Menschen wie Tom Hiddleston, Elisabeth Moss, Jeremy Irons, Luke Evans und Sienna Miller machen würde. Spätestens aber, als das SOS-Cover von Portishead den Weltuntergang untermalte, war es um mich geschehen. Obgleich die Verfilmung von High-Rise nicht so geworden ist, wie ich sie mir immer vorsichtig vorgestellt habe, hat Ben Wheatley eine tollwütige Bestie entfesselt, die ich in ihrer Eigenart nicht vermissen möchte.

6. Right Now, Wrong Then (Hong Sang-soo, 2015)

Endlich, endlich, ja, endlich bekam ein Film von Hong Sang-soo auch hierzulande einen Kinostart, weswegen ich umso glücklicher bin, ihn in dieser Liste zu erwähnen. Zwar handelt es sich hierbei nicht um sein jüngstes Werk, den fabelhaften Yourself and Yours. Dennoch ist Right Now, Wrong Then kein bisschen schlechter, sondern einer der vollkommensten Filme, die Hong Sang-soo je gedreht hat. Es wirkt fast ein bisschen wie ein Querschnitt durch seine Vita, in dem zahlreiche vertraute Motive seines Schaffens zur Sprache kommen und in einem ultimativen Twist variiert werden. Ob Hong Sang-soo nicht immer nur den gleichen Film macht, habe ich in den vergangenen Wochen des Öfteren gelesen. Diesen Vorwurf werde ich nie verstehen. Und selbst wenn, so hoffe ich, dass Hong Sang-soo noch ganz oft diesen einen gleichen Film macht.

5. The Assassin (Hsiao-hsien Hou, 2015)

Hsiao-Hsien Hou hat mit The Assassin ein Werk erschaffen, bei dem ich aufgrund seiner Schönheit aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Wenngleich die Kunst des Tötens auf den ersten Blick als quälend langsame erscheint, offenbart sie sich schnell als furioses Unterfangen. Kampfsequenzen, die nicht im Krawall ersticken, sondern voller Erhabenheit und Grazie die große Leinwand erobern. Dazu Qi Shu, die regelrecht schwerelos durch die verträumte Landschaft gleitet, sich anpirscht und sich dann in einem Akt des leichtfüßigen Blutvergießens in exakt jene Blume verwandelt, die im Hintergrund gänzlich unerkannt dem eindrucksvollen Gemälde zur unbeschreiblicher Vollkommenheit verhilft.

4. Rogue One: A Star Wars Story (Gareth Edwards, 2016)

Für Rogue One: A Star Wars Story empfinde ich nichts als Liebe und Begeisterung. Nach all den Dingen, die ich zuvor gelesen hatte, war ich zum Schluss tatsächlich ein bisschen nervös, doch Gareth Edwards hat einen wundervollen Fußabdruck im Star Wars-Kosmos hinterlassen, den ich mittlerweile so oft gesehen habe wie keinen anderen Film dieses Jahr – und er wird niemals langweilig oder uninteressant. Jedes Mal entdecke ich neue Einstellungen, in denen ich mich verliere, und jedes Mal stockt mir der Atem, wenn sich Rogue One: A Star Wars Story auf die finalen Minuten zubewegt. Seit ich zum ersten Mal von der Geschichte gehört habe, habe ich mir dieses Ende gewünscht – und Gareth Edwards hat zusammen mit seinem fantastischen Cast und seiner mindestens genauso fantastischen Crew (fast) alle Erwartungen übertroffen. ♥

3. Midnight Special (Jeff Nichols, 2016)

Was passiert, wenn sich der Regisseur von Take Shelter, Mud und Shotgun Stories wieder mit Michael Shannon zusammentut und eine Hommage an das Kino der 1980er Jahre dreht, wie es einst von Steven Spielberg und John Carpenter geprägt würde? Nach diesem Jahr könnte die Antwort auf die Frage aufgrund von einer akuten Nostalgie-Übersättigung ziemlich negativ ausfallen – aber nicht bei Jeff Nichols, der den Blick in die Vergangenheit als Chance versteht, um ein visionären Science-Fiction-Drama zu inszenieren, das sämtlichen Genre-Kollegen um Längen überlegen ist. Midnight Special vereint die Erinnerung mit dem ungewohnten Blick einer eigenwilligen Interpretation, die den essentiellen Kern der Vorbilder versteht, aber niemals nachahmt, selbst wenn in den meisten Momenten lediglich ein Auto über eine Landstraße durch die Nacht fährt.

2. The Hateful Eight (Quentin Tarantino, 2015)

Nach Inglourious Basterds und Django Unchained greift Quentin Tarantino zum dritten Mal in die Geschichte ein und liefert ein verblüffendes Kunststück ab, das niemals müde wird, Vergangenes zu rekapitulieren und daraus seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Darüber hinaus war The Hateful Eight die wohl beeindruckendste Kinoerfahrung des Jahres, denn ich hatte das große Glück die Roadshow-Version im Ultra Panavision 70mm Format inklusive Ouvertüre und 12-minütiger Pause im Zoopalast zu sehen. Oft überlege ich, ob es nicht ein bisschen übertrieben ist, dass ich diesen Umstand ständig erwähne. Schlussendlich ist es aber einfach notwendig, ein Bewusstsein für das Material zu schaffen, denn nur so kann es auch in Zukunft bewahrt werden. Alleine deswegen sollte Quentin Tarantino niemals aufhören, Filme zu machen – besonders, wenn dabei auch weiterhin hochkonzentrierte Meisterwerke wie The Hateful Eight herauskommen.

1. American Honey (Andrea Arnold, 2016)

Nach all den Superlativen, die ich bei den Filmen zuvor verwendet habe, fällt es mir nun wirklich schwer, noch eine Steigerung für American Honey zu finden. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig, da ich selbst noch nicht genau weiß, was dieser Film für mich bedeutet. Was ich aber ganz sicher weiß, ist, dass mich kein Film so mitgenommen hat wie Andrea Arnolds pulsierende Meditation über den Amerikanischen Traum. Zum Schluss verschwindet die Protagonistin in einem Teich. Ich hätte mir gewünscht, dass diese wahrhaft berauschende Odyssee niemals zu Ende geht. Womöglich liegt hier, in seiner Endlichkeit, die unangenehmste Erkenntnis des Films vergraben, die allen Träumen irgendwann einen Strich durch die Rechnung macht und ein neues Kapitel aufschlägt.

Rogue One: A Star Wars Story © Disney / X-Men: Apocalypse © 20th Century Fox / Rudolf Thome – Überall Blumen © Peripher / Jason Bourne © Universal Pictures / Toni Erdmann © NFP / Things to Come © Weltkino Filmverleih / Mustang © Weltkino Filmverleih / Fantastic Beasts and Where to Find Them © Warner Bros. / Spotlight © Paramount Pictures / Vor der Morgenröte © X-Verleih / Brooklyn © 20th Century Fox / Arrival © Sony Pictures / The Forbidden Room © Kino Lorber / Into the Inferno © Netflix / Room © Universal Pictures / Paterson © Weltkino Filmverleih / Cemetery of Splendour © Rapid Eye Movies / Queen of Earth © IFC Films / Tangerine © Kool / High-Rise / DCM Film Distribution / Right Now, Wrong Then © Grandfilm / The Assassin © Delphi Filmverleih / Rogue One: A Star Wars Story © Disney / The Hateful Eight © Universum Film / American Honey © Universal Pictures

 

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias

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