Sherlock – His Last Vow – Recap

Sherlock - Season 3, Episode 3 (His Last Vow) - Recap

Obwohl bereits zwei Episoden dieser dritten Staffel von Sherlock ins Land gezogen sind und somit mit den letzten 90 Minuten das unmittelbare Finale vor der Tür steht, stellt sich die Frage, was in den vergangenen drei Stunden überhaupt passiert ist? Handlungstechnisch ist die Entwicklung sowohl in The Empty Hearse als auch The Sign of Three auf wenige Schlagworte reduzierbar: Während anfangs die lang ersehnte Rückkehr des titelgebenden Helden auf dem Plan stand, erfolgte später eine Hochzeit in all ihren Peinlichkeiten und unerträglichen Facetten. Ironischerweise war es genau der Moment, in dem Benedict Cumberbatchs engagiert die versammelte Gesellschaft im Rahmen der Feierlichkeit zum Fremdschämen brachte, als sich das Drehbuch selbst in äußerst unangenehmen Albernheiten verlor. Als müsste eine unbestimmte Zeit überbrückt werden, verschwendeten sich die ersten zwei Kapitel der dritten Staffel im kurzweiligen wie fragwürdigen Gewand – als hätten Mark Gatiss und Steven Moffat zwei Füller-Episoden abzuarbeiten. Tatsächlich ist mit His Last Vow das Staffelmaß jedoch schon wieder voll und die Anhängerschaft des Formats erwartet einen packender Schlussakt. Ärgerlicherweise bleibt kaum Zeit, um dieses epische Unterfangen adäquat in seine Wege zu leiten und wir dürfen einmal mehr bestaunen, wie sich der Sherlock-Kreisel in London um die eigene Achse dreht. Im Gegensatz zur vorherigen Bodenlosigkeit bleibt wenigstens ein ambitionierter wie spannender Kern, versteckt unter dem pathetisch angehauchtem Reißbrett, das wirklich nur darauf abgestimmt ist, im letzten Augenblick tumblr zum Explodieren zu bringen.

Wohl kaum eine Serie hat in jüngster Zeit einen derart direkten Bezug zu ihrer Anhängerschaft aufgebaut wie Sherlock. War es anfangs noch der überwältigende Überraschung hinsichtlich der gekonnten Adaption diverser Sherlock Holmes-Abenteuer aus der Feder von Sir Athur Conan Doyle in ein urban pochendes London der Gegenwart, so peitschte die zweite Runde kalkulierender den etablierten Pfad entlang, um mittels fulminantem Cliffhanger den Fandom zwei Jahre lang erwartungsvoll hungern zu lassen. Zweifelsohne ein verständlicher Mechanismus, rückblickend allerdings mit verheerenden Folgen, die den Tellerrand des Serienspektrum nahezu unerreichbar scheinen lassen. Seit The Empty Hearse dreht sich die Welt von Sherlock Holmes und seinem fabelhaft von Martin Freeman verkörperten Kumpanen Dr. John Watson wie einem Kreisel, der sein Maximum an Umdrehungen längst erreicht hat. Die Jubelstürme feuern ihn dennoch weiter an und so schleppt er sich mit blinder Begeisterung immer wieder in dieselbe Kurve, nichtsahnend, zu welch monotonem, langweiligem sowie uninteressantem Spektakel er in seinen schleppenden bis wankenden Bewegung avanciert. Einzig und alleine die Frage, wann er schließlich umfällt – das Wie? dürfte sich in Anbetracht früherer Ereignisse aus leicht variierten Mustern definieren – garantiert ein letzte Maß an Aufmerksamkeit. Irgendwo dahinter verbirgt sich womöglich noch ein Funke Hoffnung, den naiven Glauben bestärkend, dass sich der Kreisel weiterdrehen wird – schneller denn je. Und überraschenderweise gelingt der Kniff. In seinen entscheidenden Szenarien lässt His Last Vow den alten Sherlock das voluminöse .gif-Dickicht durchbrechen und ein vielversprechender Plot inklusive verheißungsvoller Fragestellungen betritt den mehrfach angeteaserten Mind Palace der Serie.

Erst einmal in Gang gesetzt, ist die ereignisreiche Handlung kaum noch aufzuhalten. Der zuvor geheimnisvoll eingeführte Charles Augustus Magnussen (Lars Mikkelsen) findet seinen Weg als aktiver Gegenspieler auf der Schachbrett der Entscheidung und nach dem holprigen Start übertrifft eine Wendung die andere. Eindrucksvoll entfaltet sich ein sehr konstruiertes, aber dennoch dynamisches Geflecht an Hintertürchen und unerwarteten Wendungen. Lobenswerterweise bleibt Mary (Amanda Abbington) ein zentraler Bestandteil der Geschehens und erteilt dem vorausgehenden Tohuwabohu zumindest den Hauch einer Existenzberechtigung. Selbst wenn es in Anbetracht des rasenden Fortgangs unmöglich ist, das verzwickte Wechselbad der Gefühle ausführlich zu thematisieren, deutet Steven Moffats Drehbuch immer wieder geschickte Konstellationen an. Wenn zahlreiche Ebenen zu einer gigantischen Montage verschmelzen und Sherlocks obligatorische Allwissenheitslitanei für einen Augenblick zur zweitrangigen Attraktion verkommt, gewährt His Last Vow einen großartigen Einblick in die (potentiell) komplexe Figurenkonstellation. Manipulation und Kindheitstrauma gehen Hand in Hand mit der Unberechenbarkeit der Liebe und während die Freundschaft zwischen beiden Protagonisten weiterhin eine bestimmende Rolle einnimmt, wirft die Episode sogar moralische wie nachhaltige Fragen hinsichtlich der (Macht-)Position unterschiedlicher Charaktere auf. Bevor das shakespear’sche Drama jedoch Überhand gewinnt und die Charakterentwicklung ihren fortschrittlichen Lauf nimmt, blitzt Steven Moffats Interesse eiskalt an der Oberfläche der glänzenden Lichter ab und eine überstilisierte Spielerei gewinnt die gesamte Aufmerksamkeit des amtierenden Showrunners.

Letzten Endes sind es die Gesetzmäßigkeiten (?) des seriellen Erzählens, die His Last Vowin die Enge eines unbeholfenen Finales treiben. Nach der letzten Enthüllung, nach der letzten Raffinesse sowie nach dem letzten Kopfschuss müssen Konsequenzen folgen und dessen ist sich sowohl Steven Moffat als auch Mark Gatiss bewusst. Selbst wenn der Kreisel am Auspendeln ist, muss er sich weiterdrehen und darf unter keinen Umständen zur Ruhe kommen. Bereits ein notwendiges Luftholen beschert ungebetene Verzögerung und folglich bleibt die Neuordnung der abgefrühstückten Konstanten aus: Nemesis Jim Moriarty (Andrew Scott) findet seinen Weg in die britische Metropole und erklärt dem cleveren Meisterdetektiv erneut den Krieg. Eine verhältnismäßig nachvollziehbare Verzweiflungstat, strotzte die dritte Staffel nur so vor schwarzen Löchern in Anbetracht einer fehlenden, gegnerischen Macht, die das Geschehen spürbar beeinflusst hat. Nun ist ganz England auf die Fähigkeiten von Sherlock Holmes (und John Watson?) angewiesen. Eine weitere Rückkehr, eine weitere Umdrehung des Kreisels. Die Frage ist nur, wie lange er sich noch drehen kann, bevor endgültig offensichtlich wird, dass den kreativen Köpfen jegliche Vision für die Zukunft fehlt. Der Masterplan, den Sherlock im Minutentakt kolportiert und dessen Abstinenz er mit einem wahnwitzigerem Twist nach dem anderen zu kaschieren versucht, existiert womöglich nur in Form der effizienten Hashtag-Vermehrung des populärkulturellen Phänomens: #MissMe?

Lesenswerte Meinungen:

Wir schauen Sherlock – Staffel 3, Episode 3 | Sherlock – His Last Vow – Kritik

Weitere Recaps zu Sherlock – Season 3:

Sherlock – Season 3, Eepisode 1: The Empty Hearse

Von Matthias Hopf

Sherlock – Season 3 © BBC One
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Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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