Snowpiercer – Kritik

Snowpiercer (Bong Joon-ho, 2012)

Schwerfällig und unheilvoll: Marco Beltramis Score passt sich den Schneeflocken an, die langsam die Finsternis des Bildes durchbrechen. Obwohl ein tiefes Schwarz weiterhin das schlichte Opening dominiert, gleiten die leuchteden Eiskristalle elegant zu den schweren Klavierklängen durch die Bandbreite der großen Leinwand. Buchstaben erscheinen, eine Stimme erzählt etwas. Dann setzten die Streicher ein mit ihnen eine pulsierende Bewegung, wie sie das darauffolgende Geschehen nie wieder verlassen wird. Es poltert dissonant und der Himmel erscheint urplötzlich für einen Augenblick im strahlenden Blau. Nur die Kondensspuren dreier Flugzeuge erschaffen einen Kontrast in der eintöntigen wie beunruhigend beruhigenden Farbfülle. Was später davon bleibt, ist lediglich die Erinnerung oder zumindest die Vorstellung dieser blauen Welt, denn Menschen wie Curtis (Chris Evans) haben sie nie richtig erlebt. Er weilt seit Anbeginn seines Denkens in einem Zug, der ununterbrochen die eisige Landschaft durchquert und zur existenzielle Grundlage allen Lebens avanciert ist, seitdem eine verheerende Eiszeit die Erde übermannt hat. Der Snowpiercer, ein Perpetuum mobile zum Überleben, bahnt sich seinen Weg durch die ewige Eiswüste, durch die ewige Hoffnungslosigkeit. Gleicher Zustand breitet sich ebenfalls im letzten Wagon des massiven Vehikels aus, denn hier fristet die untere Schicht der verblieben Gesellschaft ihr erbärmliches Sein. Und dennoch: Am dunkelsten Ort dieses sich ständig in Bewegung befindlichen Mikrokosmos keimt der Gedanke einer Revolution. We move forward.

Genannter Ausruf erklingt auch im Verlauf von Snowpiercer immer wieder und wird ebenso mit zunehmender Laufzeit bedeutender. Aus der überschaubren Prämisse entfacht – sobald der erste Funken des Strichholzes die Dunkelheit durchbrochen hat – ein Konstrukt, dass sich stetig auffächert. Mit jedem Abteil, das Regisseur Bong Joon-ho erobert und entdeckt, entfaltet sich Snowpiercer zum ideen- wie facettenreichen Epos, wenngleich die wahre Größe dieses Überlebenskampfes bereits in der bedrohlichen Ungewissheit unscheinbaren Prolog verborgen lag. Hier versammeln sich im Dunkeln die Pauken und Trommeln der Apokalypse. Noch sind sie still. Dann öffnet sich jedoch eine Tür und der Tod erwartet die Stürmischen, ausgestattet mit schwarzen Lederschürzen, beängstigenden (Strumpf-)Masken und martialischem Kriegswerkzeug. Daraufhin ereignet sich die blutige sowie unvermeidbare Konfrontation. Ein Akt der eskalierenden Gewalt, sekundiert vom rauschenden Trauma, das seit Anbeginn des Films im Hintergrund lauert und unerwartet im ruhigen Moment des Gemetzels zuschlägt. Selbst wenn das Scharmützel im entsprechenden Wagon an die Ästhetik eines Zack Snyders erinnert, setzt sich Bong Joon-ho entschlossen über hyper-stylischen Bauklötze in Zeitlupen hinweg und entgeht dieser fetischistischen Ergötzung an der formvollendeten Gewalt mittels rauer wie durchdachter Darstellung der Geschehnisse. Mit symbolischem Subtext geladen, frönt Snowpiercer in diesem Augenblick der furiosen Action nur zweitrangig, denn tatsächlich interessieren die fassungslose Blick, die in der Finsternis aufblitzen und verzweifelt den Ausweg aus der Unterdrückung suchen.

Ein Ausweg, der ausschließlich in einer Richtung zu finden ist – nämlich vorne. Wie schon in The Raid von Gareth Evans und Dredd von Pete Travis treibt dieser Kerngedanke die Handlung zum obligatorischen Klimax. Während in genannten Werken die Bezwingung eine Gebäudes (von unten nach oben) die Eckpfeiler der entscheidenden Ereignisse definierten, erfolgt nun die Verlagerung in die Horizontale und es handelt sich nicht mehr um ein felsenfestes sowie geerdetes Fundament. Das Grundgerüst – sprich der titelgebende Zug – befindet sich jetzt im dynamischen Wechselspiel mit den einzelnen Versatzstücken der Storyline und geht im finalen Akt sogar eine verhängnisvolle Symbiose mit allen Beteiligten ein. Die Koexistenz von Mensch und (überlebensnotwendiger) Maschine in Anbetracht des eisigen Todes ist eine notwendige – zumindest seitens der Passagiere. Auf engem Raum kulminiert allerdings das Konzept der Nachhaltigkeit mit dem persönlichen sowie individuellen Überlebensinstinkt und folglich erfordert es der Selektion per manus. Dann erscheinen sie, die Männer in der Uniform eines Schlächters, und es beginnt das Massaker zum Wohle der Gesellschaft. Wenn jedoch entgegengesetzt aller Erwartungen die revolutionierende Partei die Schlacht der Unterdrückung in dieser dystopischen Zukunftsvision gewinnt, droht das System zu kollabieren, droht der Snowpiercer auseinanderzubrechen und zu entgleisen. Und das obwohl oder gerade weil die stählerne Eisenbahn letzten Endes bloß im Kreis fährt, ohne bestimmtes Ziel.

Schließlich treffen die zwei Welten aufeinander und das System überschlägt sich, während die kindliche Unschuld fleißig die auswendig gelernten Parolen der verblieben Zivilisation aufsagt. Virtuos reiht Bong Joon-ho dieses Kaleidoskop der Gegensätze aneinander, sodass hinter jeder Tür eine Überraschung wartet – egal, ob es sich hierbei um ein verspieltes Element, einen durchgeknallten Einfall oder um eben jene Details handelt, die Snowpiercer zur vielschichtigen wie eigensinnigen Dystopie krönen. Glücklicherweise verkommen diese mitunter couragierten Wendungen nie zum reißerischen Twist respektive Selbstzweck, der den etwaigen Mindfuck ins ausweglose Nirgendwo steigert. Stattdessen bleibt Snowpiercer der konzeptionell wohl strukturierte Albtraum einer abhängigen Gemeinschaft, die sich erschreckend passiv dem ewigen Loop ihres Untergangs ausgesetzt hat. Doch wie sich der Snowpiercer unbändig in pulsierender Bewegung befindet, bleibt auch die Besatzung keine beständige und muss den richtigen Weg auf dem schmalen Grat der Anpassung des Lebens finden. Insofern funktioniert die Adaption der französischen Graphic Novel Le Transperceneige aus der Feder von Jacques Lob und Jean-Marc Rochette auf vielen Ebene, immerwährend um das spannende Plateau eines visionäre Science-Fiction-Action-Films kreisend, der selbstbewusst im Gewand eines ausgefeilten wie ausgeglichenen Blockbuster die große Leinwand in Beschlag nimmt.

Snowpiercer ist am 23. September 2014 bei Ascot Elite Home Entertainment als DVD und Blu-ray schienen.

Snowpiercer © MFA/Ascot Elite/24 Bilder

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
Matthias


  • raisevoice .

    Schöne Kritik mit kleiner Unachtsamkeit: der Protagonist Curtis hat die Außenwelt zuvor gesehen. Die Katastrophe ereignete sich vor 17 Jahren.

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