Steve Jobs – Life Out Of Balance

Steve Jobs - Life Out Of Balance

Als vergangenes Jahr Steve Jobs ins Kino kam, eroberte alles andere als ein konventionelles Biopic die große Leinwand, wenngleich der Film auf der autorisierten Biographie von Walter Isaacson basierte, die neben anderen vergleichbaren Werken beispielsweise an dieser Stelle auf audible zu finden ist. Was Danny Boyle und vor allem Drehbuchautor Aaron Sorkin aus der überaus detaillierten Vorlage gemacht habe, ist keine Sekunde lang daran interessiert, chronologisch die Vita des US-amerikanischen Unternehmers abzuarbeiten, der 1976 gemeinsam mit Steve Wozniak und Ron Wayne Apple gegründet hat.

Wo Walter Isaacson im oberen dreistelligen Seitenbereich gleichermaßen präzise wie ausführlich Einblick in das Leben eines außergewöhnliches Mannes gibt, konzentriert sich der Film im Rahmen seiner zweistündigen Laufzeit gerade einmal auf drei große Sequenzen. Dennoch – oder gerade deswegen – gehört Steve Jobs zu einer der wohl bemerkenswertesten Adaptionen, die es in den vergangenen Jahren ins Kino geschafft hat und dieses Jahr zu Unrecht bei den Oscar-Nominierungen übergangen wurde. Doch was macht die Verfilmung so besonders?

Nach seiner Arbeit an den drei Staffeln der HBO-Serie The Newsroom sowie der Umsetzung von The Social Network mit David Fischer dürfte Aaron Sorkin zweifelsohne der prädestinierteste Drehbuchautor in ganz Hollywood gewesen sein, um sich dem gigantischen Werk anzunehmen, das Walter Isaacson über Steve Jobs zu Papier gebracht hat. Seine Dialoge sind stets geschliffen scharf und beinhalten keinen überflüssigen Nebensatz, selbst wenn sie erst über elegante Umwege auf den Punkt kommen.

Aber gerade darin liegt womöglich auch die Faszination und später auch der Spaß bei der Rezeption: Aaron Sorkin liebt es, seine Figuren reden zu lassen und erst nach und nach im Zusammenspiel Zusammenhänge und Beziehungen zu offenbaren. Dementsprechend setzt der Film unmittelbar im Jahr 1984 ein und kommt gleich mit einer geballten Ladung Zeitdruck daher, denn in nicht weniger als einer Stunde soll der Macintosh der Welt vorgestellt werden. Es herrscht Panik und Menschen reden – ja, sie reden sogar richtig viel. Ein unübersichtliches Gewusel, das sich erst in den folgenden Minuten in wohl überlegter Ordnung auflöst.

Kein obligatorisches Fachsimpeln: Nur auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde Aaron Sorkin den Figuren willkürliche Worte in den Mund legen und sich gegenseitig mit Fachtermini bombardieren – immerhin geht es hier um den Typ, der die Computerindustrie maßgeblich revolutioniert und nachhaltig beeinflusst hat. Tatsächlich integriert Aaron Sorkin jedoch bereits an dieser Stelle unzählige Details (z.B. die Erwähnung und Demonstration des Reality Distortion Fields und dessen Auswirkungen auf Steve Jobs‘ Umfeld), wie sie alle in Walter Isaacsons Schriftwerk zu finden sind – und das mit einer unfassbaren wie angenehmen Beiläufigkeit.

Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, wie aufmerksam Aaron Sorkin die Vorlage wirklich studiert hat. Randnotizen vermischen sich mit Meilensteinen und Gespräche finden längst nicht mehr in einem Raum, geschweige denn zu einer Zeit statt. Wenn später im Film die Vorbereitungen der NeXT-Demo 1988 laufen und sich danach die Präsentation des iMac 1998 ankündigt, werden die drei Kapitel am ehesten noch durch ihre inszenatorische Aufbereitung voneinander getrennt (von 16mm auf 35mm auf digital), das Drehbuch jedoch beschäftigt sich immer noch mit dem gleichen Dialog, der bereits in der ersten Minuten angefangen hat und kein Ende nehmen will.

Eine kluge Auswahl an Gesprächspartnern (sprich Schlüsselpersonen) spielt sich in repetitiven Mustern den Ball zu, um der Persona Steve Jobs Kontur zu verleihen und die Essenz der Biographie herauszuarbeiten. Und genau hier greift das Können von Aaron Sorkin, der den Kern der Geschichte absolut verinnerlicht und im Zeitgeist des jeweils entsprechenden Jahres verankert hat. Folglich ist das Drehbuch von Steve Jobs ein komplexes wie reichhaltiges Konstrukt. Besonders die NeXT-Sequenz schöpft in dieser Eigenschaft aus den Vollen und bereichert die Geschichte um eine weitere, rückblickende (Zeit-)Ebene, die – mitunter sprichwörtlich – die angefangenen Sätze der Gegenwart im Film aufgreift und vollendet.

Auf einmal laufen zwei Streitgespräche ineinander – und das auf überaus furiose Art und Weise, denn die hitzigen Diskussionen zahlen sich nicht nur hinsichtlich der Dramaturgie des Films aus, sondern zeugen ebenfalls von unheimlichen Wissen, was die tatsächlichen Streitpunkte der zentralen Konflikte angeht – als hätte Aaron Sorkin beim Schreiben des Drehbuchs jede einzelne Zeile aus der Feder von Walter Isaacson im Hinterkopf gehabt und passend verknüpft, sobald sich die Gelegenheit geboten hat. Was am Ende bleibt, ist eine großartige wie bemerkenswerte Annäherung an eine der wohl inspirierendsten wie einflussreichsten Persönlichkeiten der jüngeren Weltgeschichte.

Dieser Text wurde mit freundlicher Unterstützung von audible umgesetzt.

Steve Jobs © Universal Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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