Suicide Squad – Kritik

Suicide Squad - Kritik

Der Mann aus Stahl ist nicht mehr. Seitdem sich Kryptons Sohn mit Gothams dunklen Ritter ein Duell auf Leben und Tod geliefert hat, ist die Welt nicht mehr die gleiche. Bereits seines Ankunft brachte die dominierenden Kräfte aus dem Gleichgewicht – seine Abstinenz schafft ähnliche. Ein großer Graben klafft auf. Diese Beobachtung macht auch Amanda Waller (unberechenbar: Viola Davis), die Kurzerhand die Initiative ergreift und die Suicide Squad ins Leben ruft. Dabei handelt es sich um ein Team von Superschurken, die ausnahmsweise nicht den Mächten der Finsternis dienen, sondern – mehr oder weniger unfreiwillig – den Guten unter die Arme greifen sollen.

Im Gegenzug winkt eine Verkürzung ihrer Haftstrafe und andere Boni. Sollten sie sich dennoch der Ausführung ihrer Befehle widersetzen, folgt die Detonation eines zuvor implantierten Mini-Sprengsatzes im Hals der Todesmutigen. Eine waghalsige wie wahnsinnige Unternehmung, die Amanda Waller in die Wege geleitet hat und sich ebenso auf Suicide Squad als Film übertragen lässt. Anstelle ein furioses Klassentreffen der Superschurken auf die Beine zu stellen, liefert Regisseur David Ayer jedoch chaotisches Stückwerk ab, das sich verzweifelt an Posen klammert und nicht einmal ansatzweise das eigene Potential erkennt, geschweige denn selbiges ausschöpft.

Als drittes Segment im DC Extended Universe (DCEU) steht Suicide Squad nicht nur vor der kniffligen Aufgabe, jene Figuren im der Vordergrund zu positionieren, die für gewöhnlich von den Heroen aufs Maul bekommen, sondern zahlreiche dieser Rüpel zum ersten Mal überhaupt auf der großen Leinwand zu vereinen. Waren die Protagonisten in Man of Steel und Batman v Superman: Dawn of Justice unlängst vor Filmstart etablierte Größen in der Kinolandschaft, mag ein Auftragskiller wie Deadshot (engagiert: Will Smith) oder Col. Rick Flag (top: Joel Kinneman) bloß noch Kennern der jeweiligen Comic-Vorlagen ein Begriff sein – lediglich Harley Quinn (perfekt: Margot Robbie) profitiert in puncto Popularität von ihrem jüngsten Auftritt im erfolgreichen Videospiel Batman: Arkham.

In Anbetracht dieser Tatsache verwundert es nicht, dass sich die lenkenden Kräfte bei DC und Warner für die Integration des Jokers (anstrengend: Jared Leto) sowie der Präsenz von Batman (stoisch: Ben Affleck) entschieden haben, um einerseits mit vertrauten Gesichtern den Einstieg in die Geschichte zu erleichtern und andererseits die Verbindungen zwischen den bisherigen sowie kommenden DCEU-Filmen zu stärken. An diesem Punkt ist das Ensemble allerdings keineswegs komplett: Neben Captain Boomerang (herrlich: Jay Courtney) reihen sich El Diabolo (bemüht: Jay Hernandez), Killer Croc (Groot-like: Adewale Akinnuoye-Agbaje) und Slipknot (kurz: Adam Beach) in den Reigen der Antihelden – dicht gefolgt von Enchantress (unterfordert: Cara Delevingne) und Katana (stumm: Karen Fukuhara).

Ein beachtliches Personal, doch der Zug, um jedes einzelnen Mitglied im Rahmen eines eigenen Solofilms einzuführen, ist längst abgefahren – und diesen Zeitdruck merkt man Suicide Squad auf verheerende Weise an: Ab den ersten Minuten überschlägt sich der Film in seinen Ambitionen und endet damit, keinen dieser vielversprechenden Optionen zu nutzen. Kaum ertönt The House of the Rising Sun, folgt der nächste Song mit prägenden Hintergrund und versucht, gehetzt die Superschurken zu charakterisieren, bis wirklich jede Figur, die eventuell innerhalb der nächsten 130 Minuten relevant werden könnte, Opfer dieses lieblosen wie inflationär verschleuderten Verfahrens geworden ist.

Die Sogwirkung von Musik und Film sei an dieser Stelle überhaupt nicht in Frage gestellt – unter Umständen kann ein solcher Moment einen Film auf ein völlig ungeahntes Level hieven. Suicide Squad erstickt allerdings geradezu an all den Eindrücken, die der Film am liebsten auf einmal vermitteln möchte, wodurch schlussendlich aber kein einziger die Möglichkeit erhält, richtig zu atmen, sich zu entfalten. Ärgerlich ist zudem der forcierte Schnitt: Niemals entsteht ein Fluss, niemals beginnen die Bilder – so (krampfhaft) bewegt sie in ihrer Musikvideoästhetik auch sind – zu tanzen und niemals entwickelt Suicide Squad eine eigene Dynamik mit nachhaltiger Wirkung.

Vermögen einzelne Passagen tatsächlich die Größe dieses gewaltigen Opus zu offenbaren, das David Ayer offensichtlich schaffen wollte, wirkt der fertige Film nur noch wie ein umständlicher bis schlampiger Kompromiss, kalkuliert von Produzenten, die panisch auf die gespaltene Rezeption von Batman v Superman: Dawn of Justice reagieren – und hat somit jeglichen Reiz verloren. Gelegentlich blitzt er noch durch, der dreckige Albtraum im strömenden Regen und Neonfarben, der die Grenze zwischen Gut und Böse gänzlich verschwinden lässt und sich in der Moral des Wahnsinns verliert. Letztendlich stolpert Suicide Squad aber bloß von Set Piece zu Set Piece und verpasst sogar die Chance, den Akt des Stolperns clever zu nutzen. Stattdessen liefern sich Flashbacks und Handlungsbruchstücke ein holpriges Wettrennen um die Inkohärenz des Geschehens und verlassen sich blind auf die vereinende (sprich: verwässernde) Kraft des musikalischen Getöses im Hintergrund.

So einfach und klein – und das ist durchaus etwas willkommenes – Suicide Squad in seinen Grundzügen gedacht sein mag, spätestens nach der überschwänglichen und trotzdem verschwenderisch nichtssagenden Einführung von Deadshot und Co. steuert der Film auf einen finalen Akt zu, wie er kaum austauschbarer sein könnte. Eine unglaubliche Enttäuschend: Gerade Suicide Squad hätte nicht nur das Ruder im DCEU herumreißen, sondern generell als Querschläger das gegenwärtige Superhelden-Kino aufmischen können. In einer Zeit, in der nicht einmal Deadpool das ausführlich kolportierte Versprechen der wahnwitziger Verantwortungslosigkeit einhalten kann und das Marvel Cinematic Universe (MCU) ungern von seiner erprobten Formel abweichen will, fehlt ein wilder Gegenentwurf, doch dieser ist Suicide Squad leider nicht geworden.

Suicide Squad ist ein unglückliches Missverständnis auf so vielen Ebenen – und das ist wirklich schade, denn der Beweis für die unentdeckte Brillanz der Geschichte befindet sich mitten im Film, wenn sich der titelgebende Trupp niedergeschlagen in einem zerstörten Bar versammelt. Als würde Edward Hoppers poetisches Ölgemälde Nighthawks in seiner unfassbaren Stille und Melancholie zum Leben erwachen, sitzen sie auf einmal da, die Bösewichte, reden miteinander und verwandeln sich für einen kurzen Augenblick in echte Figuren dieser Comic-Welt, die eigentlich kaum aufregender und faszinierender sein könnte. Wie gerne hätte ich diesen Film sehen. Bleibt zu hoffen, dass Patty Jenkins nächstes Jahr mit Wonder Woman einen Superhelden-Film auf die große Leinwand bringt, der auch abseits der großen Trailer-Momente existieren kann.

Suicide Squad © Warner Bros.

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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