The Big Short – Kritik

The Big Short - Kritik

Zahlen und Statistiken und dazwischen der Mensch aus Fleisch und Blut: In The Big Short trifft die Kalkulation auf das Wahrhafte, konkret in Form der Finanzkrise 2008. Basierend auf Michael Lewis gleichnamiger Literaturvorlage hat Regisseur Adam McKay einen Film geschaffen, der sich mit schwindelerregenden Geschwindigkeit durch die Abgründe der Wall Street bewegt. Wo Martin Scorseses The Wolf of Wall Street vor zwei Jahren vor allem viel Behauptung auf der Oberfläche war, dringt der eigenwillige Hybrid aus Drama und Komödie tatsächlich zur hässlichen Fratze der Finanzwelt vor und erzählt auf überaus düstere wie amüsante Weise vom Erwachen aus dem amerikanischen Traum. Dass das System letztendlich kollabieren wird, ist nicht nur uns Zuschauern aufgrund eines gewaltigen Wissensvorsprung klar, sondern ebenfalls einzelnen Individuen im Rahmen des Narrativs, die bereits sehr früh die potentielle Gefahr erkennen und die Möglichkeiten eines derartigen Desasters in ihrem Kopf durchspielen, wenn nicht sogar beschleunigen.

Doch egal, wer was hat kommen sehen: Spätestens in den finalen Minuten entpuppt sich das System als vollkommen instabile Konstruktion, die alleine durch ihre Lügen zusammengehalten wird. Was passiert also, wenn man nach den Regeln spielt, weil man ausnahmsweise seine Hausaufgaben gemacht hat, und zum Schluss dennoch alles zu verlieren droht? The Big Short gibt auf diese Frage zweifelsohne keine eindeutige Antwort. Dafür ist das Script aus der Feder von Adam McKay und Co-Autor Charles Randolph zu vielschichtig und bewegt sich generell auf einer umfangreichen Metaebene. Gleichzeitig verwandelt sich der Film dadurch in eine faszinierende Chimäre, die zu gleichen Teilen in komödiantischen Gewässern das hitzige Treiben ad absurdum führt, während der dramatische Kern der Geschichte stets an Form zunimmt und seine Figuren in eine unerbittliche Tour de Force voller verheerender Entscheidung entlässt. Denn in diesem Wall-Street-Universum muss man rund um die Uhr funktionieren, um am Ball zu bleiben.

Ryan Gosling und Steve Carells Team bekommen sich in die Haare

Ständig gilt es, den Status quo neu zu prüfen und trotzdem kann man sich nie sicher sein, jedes Detail bedacht zu haben – insbesondere, wenn einem das Gegenüber – unter Umständen auch mit unverhohlener bis dreister Ehrlichkeit – die Wahrheit über den Regelbruch ins Gesicht spukt. Wo Neueinsteiger im Big Business wie Charles Geller (John Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock) ihr Glück in Anbetracht dieser umfangreichen Informationen gar nicht fassen können, verliert Trader Mark Baum (Steve Carell) vor Fassungslosigkeit geradezu den Verstand. Dem entgegen kann Jared Vennett (Ryan Gosling), seines Zeichens Makler der Deutschen Bank, seine Begeisterung kaum im Zaum halten, als er auf die jüngsten Investitionen von Hedgefonds-Manager Michael Burry (Christian Bale) aufmerksam wird, der scheinbar eine gewaltige Lücke im System entdeckt hat. Selbst Ben Rickert (Brad Pitt), der seiner Tätigkeit als Banker eigentlich den Rücken gekehrt und sich mittlerweile in bärtiger New-Age-Mentalität verloren hat, wird in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen schwach und lässt sich in die Angelegenheit verwickeln, ohne einen genauen Plan zu haben, was am Ende der Rechnung auf welcher Seite steht.

Die Perspektiven, aus der The Big Short die Geschehnisse auf dem Weg zum großen Knall schildert, könnten folglich nicht unterschiedlicher sein. Trotzdem teilen sich die zentralen Figuren eine Gemeinsamkeit: Sie haben das Chaos kommen und die Blase platzen gesehen, was sie quasi zu Mitschuldigen macht. Dennoch stehen sie in den schwarzen Texttafeln vor dem Abspann als Helden da und tatsächlich fällt der Abschied schwer, da Adam McKay die Katastrophe trotz ihrer extrem ambivalenten Bestandteile (emotional) begreifbar macht. Wenngleich das eloquente Drehbuch ein mehrminütiges Dialogfeuerwerk offeriert, das sich in erster Linie aus Phrasen zusammensetzt, die – vor allem in diesem Tempo! – für Normalsterbliche kaum nachvollziehbar sind, setzt Adam McKay der verbalen Reizüberflutung dermaßen raffinierten Einfälle entgegen, dass The Big Short schnell zur verständlichen Angelegenheit avanciert und darüber hinaus in seiner Gestaltung fortwährend erzählerische Dimensionen sprengt.

Christian Bale als erster Mensch, der jemals einen Vertrag durchgelesen hat.

Schon in den ersten Sekunden des Films dominiert die Schnittfrequenz eines Musikvideos, als Jared Vennett die vierte Wand durchbricht und sich als charmanter, aber gleichzeitig verlogener Erzähler präsentiert. Auch im weiteren Verlauf wenden sich einzelne Figuren dem Publikum zu, um einen Sachverhalt zu klären oder gar Jared Vennetts vorlaute Berichterstattung zu korrigieren. Wenn Charles Geller und Jamie Shipley zum Beispiel das Wort erhalten, sabotieren sie unter Umständen die eigene Dramatik eines Szenenaufbaus, um ein Geständnis hinsichtlich der tatsächlichen Begebenheiten einzuräumen – ganz zu schweigen von Margot Robbie und Selena Gomez, die rege Wortgefechte mit bizarren Erklärvideos unterbrechen, um die Bedeutung eines relevanten Terminus zu erläutern. Darüber hinaus fällt gelegentlich auch Adam McKays Inszenierung den Figuren in den Rücken, wenn etwa die Geräuschkulisse im feinen Ambiente zum schallenden Sitcom-Gelächter mutiert, um die Farce der Finanzwelt zu illustrieren und nebenbei für unterhaltsame Irritation zu sorgen.

Allgemein positioniert Adam McKay sein spielwütiges gerne vor künstlich verzerrter Kulisse, was oftmals ganz beiläufig und unterbewusst passiert. So erinnert nicht nur die Präsenz von Steve Carell an den Mockumentary-Stil von Comedy-Serien wie The Office oder Parks and Recreation. Nein, in einer finalen Schlüsselsequenz beginnt Steve Carell sogar eine Ansprache, als würde er einen Stand-up-Gig einleiten, den er für einen Kreis Eingeschworener vorbereitet hat. Ähnlich tritt Ryan Gosling in Erscheinung, der zur Veranschaulichung seiner Erkenntnisse gleich eine ganze pointierte Show inklusive Jenga-Holzsteinen abliefert. Gleichermaßen unerwartet wie clever tauchen solche ausgefallenen Ideen in unregelmäßigen Abständen innerhalb der stolzen 130 Minuten von The Big Short auf und sorgen dafür, dass der Film zum unberechenbaren Vergnügen wird, furios vereint in Hank Corwins extraordinärem Editing.

Besonders in Erinnerung bleibt eine Las Vegas-Sequenz, die zuerst dem Glanz und Glamour ihrer Location frönt, ehe die letzte Einstellung der Metropole unter einer Brücke ein paar Obdachlose erkennen lässt. Unmittelbar trifft hier die eingangs erwähnte Kalkulation mit dem Wahrhaften aufeinander, denn wo Michael Burry und seine Kollegen vorrangig schwarze und rote Zahlen sehen, befindet sich tatsächlich der Mensch aus Fleisch und Blut – oder ein Krokodil, das unerkannt im Swimming Pool einer verlassenen Immobilie schlummert und nur darauf wartet, unwissenden Passanten einen gewaltigen Schreck einzujagen.

The Big Short © Paramount Pictures

Matthias

Matthias

Matthias mag Filme genauso sehr wie Serien und wäre gerne bei der ersten Mondlandung dabei gewesen. Ansonsten ist er regelmäßig Lost In Translation, was neben The Empire Strikes Back auch einer seiner Lieblingsfilme ist. Laut Werner Herzog schaut er zu viel ins Internet. Das ist sein Problem.
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